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Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und andere Heilberufler sind weiterhin im Einsatz, doch oftmals bleiben die Patienten aus. 

Corona

Corona: Ergotherapeutin im Kreis Gießen warnt vor Praxissterben

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Zahlreiche Therapeuten fühlen sich angesichts der Corona-Pandemie im Stich gelassen. Carolin Weigel, Praxisinhaberin aus Reiskirchen, fürchtet, dass langfristig Versorgungslücken entstehen.

Frau Weigel, Ihre Praxis hat weiterhin geöffnet. Wie empfinden Sie die Situation?

Es ist eine prekäre Lage, in der sich Praxisinhaber wie ich jetzt befinden. Wir gehören zu den systemrelevanten Gruppen. Das bedeutet, dass wir behandeln müssen - und wir können das auch weiterhin. Aber die Situation ist schwierig, da viele Patienten ihre Termine nicht wahrnehmen.

Haben die Patienten Angst, sich anzustecken?

Ja, einige Patienten haben Angst, da sie zur Risikogruppe zählen. Viele Patienten kommen jedoch auch nicht, weil sie denken, durch die Kontaktbeschränkung wären auch die Praxen geschlossen. Das ist jedoch nicht so. Es gibt zwar ein paar Praxen, die zugemacht haben, aber die meisten sind geöffnet, weil wir behandeln müssen. Wir sind genauso wie Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser für das Gesundheitssystem relevant und gehören zur Gesundheitsversorgung, aber das ist vielen gar nicht bewusst.

Wie groß ist der Anteil an Patienten, die Ihre Termine absagen oder nicht wahrnehmen?

Mittlerweile entfallen bei mir 90 Prozent der Termine. Letzte Woche waren es vielleicht 85 Prozent, aber durch die am Wochenende erlassene Kontaktbeschränkung kommen nun noch weniger Leute.

Was heißt das für Sie?

Das Problem ist, dass alle Heilmittelerbringer schon seit Jahren unter den geringen Vergütungssätzen zu leiden haben. Wir konnten keine großen Rücklagen bilden. Daher werden diese schnell aufgebraucht sein. Wenn wir jetzt keine Hilfe bekommen, bedeutet das, dass viele Praxen dauerhaft schließen müssen.

Manche Praxen haben sich bereits dafür entschieden, zu schließen, weil sie die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts nicht umsetzen können. Haben Sie über diesen Schritt auch nachgedacht?

Ja, natürlich. Ich hatte Probleme, Mundschutz zu organisieren. Ich habe jetzt zwar Schutzkleidung, aber viele Praxen mussten deswegen schließen - auch auf die Gefahr hin, dass sie keinen finanziellen Ausgleich bekommen. Das ist ein Riesenproblem, das wir gerade haben.

Wenn Sie keine finanzielle Unterstützung erhalten, was heißt das für Ihre Praxis?

Das wurde die Praxis in den wirtschaftlichen Ruin treiben. Ich habe Rücklagen für die nächsten drei Monate. Wenn mir dann keine Unterstützung zuteil wird und weiterhin keine Patienten kommen, dann kann ich dauerhaft zumachen.

Und Sie wären dann nicht die Einzige.

Genau. Und das Problem ist, dass wir in Deutschland ohnehin schon eine Versorgungslücke im Bereich der ambulanten Praxen haben. Das sagt auch der Spitzenverband der Heilmittelverbände. Wir führen bereits Wartelisten. Wenn jetzt noch weitere Praxen wegbrechen, weiß ich nicht, wer das noch alles auffangen soll. Es würde eine riesige Versorgungslücke entstehen. Das wäre sehr schlecht für die Menschen, die eine Behandlung brauchen.

Das heißt, Sie fordern finanzielle Ausgleichszahlungen?

Ja, zum Beispiel von den Krankenkassen. Diese müssen durch die aktuellen Ausfälle nicht abrechnen, obwohl die Kosten für die Behandlungen bereits in ihrem Haushaltsplan vorgesehen sind. Deswegen fordere ich genau wie unser Verband, dass wir einen finanziellen Ausgleich auch von den gesetzlichen Krankenkassen bekommen. Wir können ja nichts für die Situation. Und wir haben mit den Krankenkassen seit Jahren Regressprobleme: Wenn da bei einer Abrechnung mal ein kleiner Fehler gemacht wird, fordern sie uns sofort dazu auf, Geld zurückzuzahlen oder verweigern uns die Leistung. Die Krankenkassen machen uns seit Jahren das Leben schwer, da könnten sie uns doch jetzt auch mal etwas zurückgeben.

Aktuell werden Notfallpakete geschnürt, die am heutigen Freitag im Bundesrat verabschiedet werden sollen.

In diesen Notfallpaketen sind die Heilberufe gar nicht aufgeführt. Es geht primär um die Krankenhausversorgung und Pflegeheime, auch um Gaststätten oder Frisöre. Wir hingegen kommen gar nicht vor. Das heißt, für die Verdienstausfälle, die wir haben, steht überhaupt keine Entschädigung im Raum. Das ist die eigentliche Misere.

Fühlen Sie sich im Stich gelassen?

Ja. Wir werden einfach nicht gesehen, wir werden nicht gehört. Uns wird das Gefühl vermittelt, dass wir irrelevant wären und das sind wir nicht. Wir tragen einen wichtigen Teil zur Gesellschaft bei: die Gesundheitsförderung oder -prävention oder Wiederherstellung der Gesundheit. Dass wir trotzdem nicht berücksichtigt und nicht gesehen werden, empfinde ich als Katastrophe. Ich fühle mich total allein gelassen. Ich höre immer nur, wer alles Entschädigungsleistungen bekommt, aber wir sind da außen vor. Das darf nicht sein.

Kommen wir zurück zu den Patienten. Ist es sinnvoll, alle ergotherapeutischen Behandlungen momentan fortzuführen?

Das muss man abwägen. Ich habe auch Behandlungen, die man aufschieben kann. Aber andere eben auch nicht. Natürlich ist klar, dass man wegen des Coronavirus Vorsichtsmaßnahmen befolgt, Schutzkleidung trägt und schaut, wer Risikopatient ist und diesen dann möglichst erst einmal nicht behandelt. Aber ich habe auch Patienten, die hilfsbedürftig sind. Manche liegen nur im Bett, und wenn ich sie nicht behandeln würde, würden zum Beispiel Kontrakturen, also Versteifungen, entstehen.

Wie hat die Corona-Krise Ihren Arbeitsalltag verändert?

Primär sind die, die meine Hilfe dringend benötigen, Menschen, die ich zu Hause besuche. Deswegen fahre ich im Moment eigentlich nur Hausbesuche.

Was wäre denn in dieser Krisensituation für Sie die Optimallösung?

In Bezug auf Praxis-Schließungen gehen die Meinungen auseinander. Wenn keine Schutzausrüstung mehr vorhanden ist, wären Schließungen durch die Behörden meiner Meinung nach angesagt. Aber ich konnte Schutzmasken organisieren und kann somit die Notversorgung im Moment gewährleisten. Doch auch wir brauchen finanzielle Entschädigung und Soforthilfe aufgrund der vielen Absagen. Wir dürfen nicht vergessen werden. Das ist mein Appell.

Zur Person

Carolin Weigel ist Inhaberin von ErgoAktiv, einer ergotherapeutischen Praxis in Reiskirchen. Sie ist 38 Jahre alt und leitet die Praxis seit drei Jahren. Mit ihrer Angestellten behandelt sie normalerweise etwa 15 Patienten täglich.

Die Ergotherapie verfolgt das Ziel, die Handlungsfähigkeit von Menschen wiederherzustellen oder zu bewahren und wird unter anderem bei Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten, bei Kindern mit Verhaltens- oder Entwicklungsstörungen, bei Alterserkrankungen wie Parkinson oder Demenz und bei körperlichen oder geistigen Störungen angewendet.

Quelle: Gießener Allgemeine

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