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Das Schweigen der Glocken

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Von: Constantin Hoppe

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con_geilshausen_kirche1__4c © Constantin Hoppe

In den kommenden Monaten wird es kein Glockengeläut aus der Nikolauskirche in Geilshausen geben. Der Kirchturm wird derzeit saniert. Dabei versuchen Architekten und Handwerker, das Gebäude so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen.

In Geilshausen schweigen in den kommenden Wochen und Monaten die Glocken der Nikolauskirche. Grund dafür sind die derzeit im Zuge der Sanierung des Kirchturms stattfindenden Arbeiten.

Der mächtige Kirchturm der Nikolauskirche ist ein beeindruckender Bau: 21 Meter hoch, massive Steinmauern, ein umfassender Wehrgang mit Zinnen und Schießscharten zeugen noch heute von der früheren Bedeutung als Wehrbau. Ein Bauwerk aus einer Zeit, in der Angriffe auf Dörfer und Städte befürchtet werden mussten.

Doch mittlerweile ist der beeindruckende Bau in einen schlechten Zustand geraten: In den vergangenen Jahren kam es immer wieder vor, dass Dachziegel aus 21 Metern herunterstürzten. Deshalb ist der Turm seit Mai eingerüstet. Zwei zentrale Baustellen müssen im Rahmen der Arbeiten angegangen werden: Die Fassade des Turms und dessen Dachstuhl.

»Die Fassade muss dringend instand gesetzt werden«, erklärt Architektin Stefanie Muskau vom Architekturbüro Seidel und Muskau in Wettenberg. Die Fassade präsentierte sich in den vergangenen Jahren als sehr verschmutzt: »Da das Regenwasser teilweise über die Fassade abgeflossen ist, kam es hier zu vermehrter Algenbildung. Das werden wir nun beheben«, sagt Muskau. Im Zuge der Arbeiten sollen auch die historischen Basaltgesimse instandgesetzt und die Wasserführung am Turm erneuert werden.

Die größere Aufgabe ist jedoch die Sanierung des Turmdaches. Diese stellt ganz besondere Anforderungen an die Architekten und Zimmerleute: Durch Schäden im Dach wurden die Dachbalken durch Feuchtigkeit geschädigt und viele Balken müssen erneuert werden. Dabei muss mit Fingerspitzengefühl an die Arbeiten herangegangen werden: »Das Dach stammt noch aus dem Mittelalter und bietet einen Einblick in die damaligen Techniken«, erklärt Muskau im Gespräch mit dieser Zeitung. Das gesamte Turmdach ist damit ein Fenster in die handwerkliche Arbeit des Mittelalters. »Deshalb müssen wir sehr vorsichtig vorgehen, damit diese Merkmale erhalten bleiben«, sagt Muskau.

Dazu gehört beispielsweise, wie die Holzbalken miteinander verbunden sind: Während bei heutigen Bauwerken meist eine sogenannte Zapfen-Verbindung hergestellt wird, herrschen am Dach des Kirchturms in Geilshausen Blatt-Verbindungen vor. Um diese so originalgetreu wie möglich herzustellen, wurde ein Spezialist zu Rate gezogen.

Die Arbeiten am Dachgebälk sind es auch, die zu dem Schweigen der Glocken führen: »Für die Arbeiter wäre es aus Sicherheitsgründen und wegen des Lärmschutzes nicht tragbar, wenn die Glocken in dieser Zeit läuten würden«, sagt Muskau.

Weiterhin könnte es zu Problemen mit der Statik kommen: »Während der Arbeiten wird die Ruhelast der Glocken berechnet und sichergestellt. Wenn sich die Glocken jedoch bewegen, treten ganz andere Kräfte auf. Das könnte zu weiteren Schäden am Turm führen.«

Daneben zeigen sich auch am benachbarten, 1954 entstandenen Kirchenschiff Schäden: Auch hier muss das Dach erneuert werden. Wann diese Arbeiten starten können, ist bislang jedoch noch unklar.

Die Sanierungsarbeiten am Kirchturm sollen noch bis Mitte des kommenden Jahres andauern, schätzt Muskau. So lange wird es kein Glockengeläut in der Nikolauskirche geben.

Die Kosten für die gesamten Maßnahmen belaufen sich nach Berechnung des Architekturbüros auf 663 000 Euro. Rund 120 000 Euro muss die Kirchengemeinde aus Eigenmitteln aufbringen. Etwa die Hälfte davon kann die Gemeinde aus eigenen Rücklagen aufbringen, erklärt Pfarrer Jörg Gabriel. Für den Rest sollen Drittmittel von Land, Bund, Privat oder Stiftungen eingeworben werden, sagt der Pfarrer: »Ein Dorf wie Geilshausen kann eine solche Summe nicht alleine aufbringen.« Dank einiger Spenden sind mittlerweile etwa 3000 Euro zusammengekommen, wofür sich die Kirchengemeinde bedankt. »Jeder kleine Beitrag ist wichtig«, sagt der Pfarrer.

»Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, wird der Kirchturm wieder ein Schmuckstück sein«, verspricht die Architektin. »Ich hoffe, das entschädigt dann etwas dafür, dass die Glocken so lange schweigen mussten.«

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con_PM_Kirche_Sanierung__4c_1 © Constantin Hoppe

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