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Tandem-Drachenfliegen am Himmel über Pohlheim

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Doppeltes Lottchen:  Mit dem Tandem-Drachen hoch über dem Gießener Land. Der Passagier hängt im Gurtzeug über dem Piloten und kann ganz entspannt die herrliche Aussicht genießen.
Doppeltes Lottchen: Mit dem Tandem-Drachen hoch über dem Gießener Land. Der Passagier hängt im Gurtzeug über dem Piloten und kann ganz entspannt die herrliche Aussicht genießen. © Privat

Die Nase im Wind und die Ohren auf Segelstellung! Ein Tandem-Drachenflug sei ein höchst »aero-tisches« Vergnügen, sagen all jene, die schon einmal mit Harry Stephan (37) am Himmel über Watzenborn-Steinberg unterwegs waren. Jürgen Heimann aus Eschenburg, selbst Luftsportler, schildert für die Leserinnen und Leser der Gießener Allgemeinen Zeitung, was ein Co-Drachenflieger so alles erleben kann.

Nase im Wind, die Ohren auf Segelstellung ... Drachenfliegen gilt als die urtümlichste Variante unter allen luftsportlichen Disziplinen. »Aero-tischer« geht’s nicht, denn der Akteur ist unmittelbar im Geschehen drin, ist eins mit seiner Umgebung, verschmilzt mit der Luft, die ihn trägt. Die Nase im Wind und die Ohren auf Segelstellung. Das kommt der Freiheit der Vögel schon ziemlich nahe. Der Traum, es diesen zumindest annähernd gleich zu tun, muss nicht unerfüllt bleiben. Man muss dafür weder sportlich gestählt noch athletisch hochgerüstet sein. Einzige Bedingungen: maximal 90 Kilogramm Körpergewicht, mindestens 14 Jahre alt.

Auf dem Segelfluggelände in Watzenborn-Steinberg, dem Heimathorst der Segelfliegergruppe Steinkopf, hat sich in den vergangenen Jahren eine emsige, rund 40 Mitglieder zählende Drachenflug- und Gleitschirmgruppe etabliert. Weil für Hangstarts geeignete Berge fehlen, erfolgt ihr Aufstieg per Seilwinde, oder mit Hilfe eines motorgetriebenen Trikes als Schlepper. 700 bis 1500 Meter Startüberhöhung sind da schnell und problemlos erreicht. Und schon beginnt die Suche nach den Thermiknestern.

»Mach Dich locker! Bleib‘ geschmeidig!«

Nun ist Drachenfliegen keine Single-Vergnügen mehr. Seit einigen Jahren gibt es technisch ausgereifte »Doppelsitzer«, die zunächst vornehmlich zur Schulung eingesetzt wurden, zunehmend aber auch für Passagierflüge genutzt werden.

Harry Stephan ist stolzer Besitzer eines solchen Gerätes. Die von freitragenden Karbonholmen definierte Silhouette und die 16 Quadratmeter Segelstoff seines »Atos VX« wirken empfindlich. Doch der »Starrflügler« gehört zur Königsklasse unter den Hängegleitern, ist mit 14 Metern Spannweite der leistungsstärkste unter den für Tandemflüge zugelassenen seiner Art.

Dennoch kostet es (zunächst) etwas Überwindung, sich diesem Minimalismus anzuvertrauen. Der 37-jährige Chefpilot beruhigt: »Mach Dich locker! Bleib‘ geschmeidig!« Er weiß offensichtlich, worauf er und der ihm anvertraute Gast sich einlassen. Zudem ist das Ding mit einem Gesamtrettungssystem ausgestattet, dessen Kernelement ein 65 Quadratmeter großer Fallschirm bildet. Das hat Harry in seiner 17-jährgen Drachenflugpraxis noch nie gebraucht.

Harry Stephan hat, seit er in den frühen 1990ern in Hirzenhain und an den sanften Hügeln des Hinterländer Outbacks seine ersten Hüpfer wagte, die Faszination des Drachenflugs nicht mehr losgelassen. Heute ist er nebenbei Fluglehrer für 3-Achs-gesteuerte Ultraleichtflugzeuge und schwingt sich, wenn’s die Zeit zulässt, mit dem Motordrachen oder dem Motorsegler in die Lüfte. In Mittelhessen ist er der einzige, der es Otto Normalverbraucher ermöglicht, leibhaftig in die Welt des Drachenfliegens zu schnuppern.

Der Begriff Hängegleiter bekommt beim Tandemfliegen ganz neue Bedeutung: Der Fluggast hängt nämlich in seinem Gurtzeug im sogenannten Trapez, und nicht neben, sondern über dem Piloten. Das kann er ganz entspannt tun, denn ihm bleibt während des Abenteuers nichts anderes zu tun, als die Aussicht zu genießen. Das textile Outfit wird gestellt: Overall, Schutzhelm, Schutzbrille.

Detlef Meyer, Pilot des Schleppdrachens, wartet mit laufendem Motor. Das Seil straft sich, nach wenigen Metern Rollweg ist die Bodenhaftung dahin. Der »Atos« verfügt, ähnlich einem richtigen Flugzeug, über drei Räder, was Anrollen und Abheben und die Landung deutlich erleichtert. Da werden keine körperlichen Anstrengungen gefordert.

Mit etwa 65 Stundenkilometern Geschwindigkeit bewegt sich das Gespann in weit ausholenden Kreisen nach oben. Die Skyline von Gießen wirkt wie »Legoland«, die Lahn ähnelt mehr und mehr einem sich schlängelnden Zwirnsfaden. Rundumsicht? Über 100 Kilometer. Dann geht ein verräterischer Ruck: Harry hat ausgeklinkt. Jetzt heißt es, sich aus eigener Kraft oben zu halten. Ein kurzer Thermikstoß hebt den Drachen - wie in einem Aufzugschacht - mehrere Meter himmelan. »Ohne Thermik«, zeigt das Display: Sinken von etwas über einem Meter pro Sekunde. Bei einer Flughöhe von 980 Metern kann man sich in etwa ausrechnen, wie lang der Spaß noch dauert.

Flugpreis richtet sich nach der Schlepphöhe

Westlich des Platzes kreisen zwei Sperber, langsam an Höhe gewinnend. Ein gutes Zeichen. Der (unsichtbare) Thermikschlauch erweist sich als tragend, lässt sich ausnutzen. Jetzt können die Wölbklappen des Drachens ihre Stärke ausspielen. Würden am Fluggelände nicht weitere Passagiere warten, könnte dieses Auf und Ab, Kurven und Kreisen, Rucken und Aufbäumen noch lang so weitergehen. Doch die Uhr ist abgelaufen. In engen, steilen Kurven geht es Richtung Erde. Gegenanflug, Queranflug, Einschwenken in Landerichtung. Butterweich das Aufsetzen, kurz das Ausrollen.

Zwischen 80 und 120 Euro (je nach Schlepphöhe) muss der Mitflieger investieren - inklusive Versicherung, Schleppgebühr und Steuern. Tamdem-Drachenflüge übers Gießener Land können direkt unter 0172-9355123 oder im Internet unter gebucht werden. Jürgen Heimann

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