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Die Abdeckerei lag an der Landstraße zwischen Garbenteich und Lich. Im Kochhaus (oben links) wurden Kadaver zu Fleischmehl, Fett und Seife verarbeitet. Oben rechts ist das Gehege der Fuchszucht zu erkennen. 

Abdeckerei vor 50 Jahren geschlossen

Bestialischer Gestank: Als der Geruch von toten Tieren das Leben in Garbenteich prägte

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Ein süßlicher Geruch nach Kadavern und Verwesung zog einst durch Garbenteich. Wenn es bei Ostwind besonders schlimm war, gab es in der Volksschule "gestankfrei". Lange Zeit prägte eine Tierkörperbeseitigungsanlage das Dorf und das Umland, bis vor 50 Jahren die Tore der Abdeckerei schlossen. 

Ein halbes Jahrhundert ist es her, da roch Garbenteich so gut wie jeden Tag nach toten Tieren. Vor allem bei Ostwind zog ein penetranter süßlicher Gestank durch das Dorf. Auch umliegende Gemeinden wie Hausen und Steinbach waren betroffen. Wenn es besonders schlimm war, gab es in der Volksschule "gestankfrei". Der Grund: In einer Tierkörperbeseitigungsanlage des Landkreises wurden an der Straße zwischen Garbenteich und Lich jede Woche 30 Tonnen Kadaver zu Fett, braunem Fleischmehl, Tierfutter, Bleichmittel und Seife verarbeitet. Anfang 1970 allerdings atmeten die Garbenteicher auf - als die Abdeckerei für immer schloss.

Die Anlage wurde  "Gulasch" genannt 

Unter dem Namen "Gulasch" war die Anlage, die ihren Sitz nahe der A 5 hatte, bekannt. Was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, erklärt der Garbenteicher Ortwin Stumpf mit einer Anekdote. Einmal habe der Sohn des Pächters ihn und weitere Freunde auf das Gelände mitgenommen und ihnen die Anlage gezeigt, erzählt der 82-Jährige. "Tierkörper sind dort in einem großen Kessel geschwommen, beheizt mit glühenden Kohlen." Auf diese Weise wurde Fett zur weiteren Verwertung gewonnen. Der Anblick des Kessels erinnerte an Gulasch - der Geruch hingegen an Verwesung. Ein Kran habe die Tierkörper in den Kessel gehievt, erzählt Stumpf. Lkw transportierten Kadaver aus dem ganzen Kreisgebiet sowie aus dem Raum Wetzlar und Büdingen nach Garbenteich.

Heute gibt es auf dem Areal kaum noch Überbleibsel der früheren Nutzung. Nur das Wohnhaus des einstigen Pächters Karl Frankenberger steht noch. Sein Enkel Guido führt an der Stelle heute ein Unternehmen, das Anlagen und Maschinen zur Wasserreinigung herstellt. 70 Menschen arbeiten inzwischen auf dem Gelände, auf dem 1909 die eisernen Eingangstore der Abdeckerei erstmals öffneten.

"Eine solche Anlage wäre heute unvorstellbar"

Viele Jahrzehnte lang ertrugen die Garbenteicher den üblen Geruch. Man habe sich damit abgefunden, sagt der 77 Jahre alte Hartmut Lutz. "Wir haben als Kinder ganz in der Nähe der Anlage auf einem Felshang Verstecken und Fangen gespielt." Der Geruch habe sie nicht sonderlich gestört. "Wenn Landwirte Jauche ausfahren, dann stinkt es doch auch", sagt er. Er habe nie dumme Sprüche gegen sein Dorf und die Bewohner wegen der Anlage zu hören bekommen. "Wenn wir als Familie spazieren gegangen sind", räumt Lutz ein, "sind wir aber mehr in Richtung Grüningen marschiert." Dann fügt Lutz, der heutige Ortsvorsteher Garbenteichs, hinzu: "Eine solche Anlage wäre heute natürlich unvorstellbar."

Stumpf erzählt, in der Straße der Abdeckerei habe sein Vater eine Bäckerei geführt. "Manchmal haben Lkw-Fahrer der Anlage bei uns angehalten, um Brötchen zu kaufen. Wir haben dann als Kinder die Luft angehalten." Es habe bestialisch gestunken. "Hinten auf der offenen Ladefläche lagen tote Pferde und Kühe."

Silberfüchse auf Gelände gezüchtet

Garbenteicher berichten von kuriosen Erinnerungen. So pflegte Karl Frankenberger, der die Abdeckerei von 1930 bis 1969 führte, auf dem Gelände auch eine Zucht von Silberfüchsen. Ausgeweidet und präpariert dienten diese später als Boas und schmiegten sich um Frauenhälse. Einmal flohen mehrere Füchse aus ihrem Gehege und liefen bis zum Garbenteicher Sportplatz, Mitarbeiter der Abdeckerei mussten die Tiere wieder einfangen.

Anfang der 60er Jahre nahmen die Beschwerden von Bürgern über die Anlage indes zu. Die Abdeckerei war damals nahezu rund um die Uhr in Betrieb. Bürger fühlten sich in "verpestete mittelalterliche Zeiten" zurückversetzt", schrieb diese Zeitung im Oktober 1962. Ein im Jahr zuvor verabschiedetes Gesetz trug dazu maßgeblich bei. Es schrieb vor, dass Abdeckereien aus hygienischen Gründen zweimal wöchentlich Kadaver und Tierreste wie Köpfe, Innereien und Klauen bei Metzgereien abholen mussten. Die Garbenteicher Anlage war für die Kreise Gießen, Wetzlar und Büdingen sowie für 30 Gemeinden im Kreis Friedberg zuständig - und war bald hoffnungslos überlastet.

"Was lange stank, wird endlich gut"

Die Abdeckerei war ohnehin veraltet. Die Filteranlage erreichte nur ein Zehntel der erforderlichen Kapazität. Auf Kritik stieß auch, dass damals Abwässer der Anlage in den nahe gelegenen Wald geleitet wurden. Ende der 60er Jahre investierten die beteiligten Landkreise 350 000 Mark in eine Sanierung. Die Maßnahme war aber bei weitem nicht ausreichend. Die Gießener Allgemeine Zeitung ordnete das Vorgehen damals mit den Worten ein: "Ein Tropfen Eau de Cologne auf dem Trikot eines schweißtriefenden Profi-Boxers".

Große Erleichterung zog dann in Garbenteich ein, als beschlossen wurde, die Abdeckerei dicht zu machen. Im Januar 1970 lief - zunächst probeweise - der Nachfolgebetrieb einer vollautomatischen modernen Anlage in Nieder-Wöllstadt an, im März war dann Schicht im Schacht. Garbenteich konnte wieder tief und frei durchatmen.

Heute hat auf dem Gelände die FSM Frankenberger GmbH ihren Sitz.

Die Abdeckerei habe dem Ruf des Dorfs nicht sonderlich geschadet, berichtet Lutz, der Garbenteicher Ortsvorsteher. Die Bevölkerungszahl sei kontinuierlich gewachsen von 1100 vor dem Zweiten Weltkrieg auf 1500 Mitte der 50er Jahre - durch Zuwanderung von Heimatvertriebenen und bald auch durch die Gründung neuer Wohngebiete. Die Gießener Allgemeine Zeitung titelte unterdessen vor 50 Jahren, als die Schließung der Abdeckerei feststand: "Was lange stank, wird endlich gut".

Heute hat dort eine Firma von Weltrang ihren Sitz

An der Stelle, an der bis vor 50 Jahren die Abdeckerei ihren Sitz hatte, ist heute in Garbenteich an der Landstraße nach Lich ein Unternehmen von internationaler Bedeutung zu Hause. Die FSM Frankenberger GmbH ist auf Anlagen, Geräte und Maschinen zur mechanischen Wasserreinigung und Abwassersäuberung spezialisiert. Geschäftsführer ist Guido Frankenberger, der Enkel von Karl Frankenberger, der jahrzehntelang die Abdeckerei als Pächter führte. 70 Mitarbeiter sind in Garbenteich tätig. Weitere gut 40 Menschen arbeiten außerdem an einem Fertigungsstandort in Mecklenburg-Vorpommern. Anlagen aus Garbenteicher Produktion stehen unter anderem in Kroatien, China und Dubai sowie in Singapur und New York. 

Für die Tierkörperbeseitigung im Kreis ist heute die SecAnim Südwest GmbH zuständig. Durch die Übertragung einer Anlage in Hüttenfeld an die GmbH konnte der einzig noch verbliebene Betrieb zur Verarbeitung von toten Nutz- und Haustieren in Hessen erhalten werden.

Quelle: Gießener Allgemeine

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