Geburtstag

Warum Fredrik Vahle einst Ärger mit Feministinnen hatte

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Anlässlich seines 75. erzählt Fredrik Vahle, warum Anne Kaffeekanne so bekannt ist und für welches Lied er von Feministinnen Ärger bekam. Ein Geburtstag in sechs Liedern.

Fredrik Vahle sitzt im Siebenkorn in Gießen, die Ukulele auf dem Tisch, die Gitarre ans Fenster gelehnt. Wir haben uns getroffen, um über sechs seiner Lieder zu reden. Vahle erzählt Hintergründiges, Anekdoten und Neues zu diesen Songs, die bis heute nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene beschäftigen, begleiten und berühren.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Anne/Die blies so gern Trompete auf der Kaffeekanne

Anne Kaffeekanne

"Anne Kaffeekanne" ist eine klassische Helden-Reise – nur mit dem Unterschied, dass es eine Heldin ist, und dann auch noch ein Mädchen. Sie behauptet sich gegen den Löwen, gegen die Aufforderung, für jemanden zu kochen, sie will keine biederen Mädchenfreundschaften eingehen oder mit dem Spießer zusammen sein. Am Ende wird ihr Gefährte jemand, der mit ihr auf Reisen geht: Hansi Heinemann. Der lebte die ganze Zeit ganz in ihrer Nähe. Vahle spielte das Lied einmal vor 700 Schulkindern in Madrid mit deutschem Text und fragte: Kennt ihr das? Die Kinder verneinten. Dann sang er das Lied mit spanischem Texten zur selben Melodie, und schon erkannten alle es wieder. Mittlerweile ist "Anne Kaffeekanne" wohl das bekannteste Lied von Vahle.

Kam der Kater zu der Katze, leckt ihr ganz lieb die Tatze/streichelt sie und küsst sie sacht, und schon hat sie mitgemacht

Katzentatzentanz

Entstanden ist dieses Lied in einer "literarischen Blitzaktion", erzählt Fredrik Vahle. Seine ehemalige Verlegerin brauchte für ein Hörspiel ein Lied, das Mäuse bei Laune halten sollte. "Ratzfatz" habe er das Lied geschrieben, und nicht damit gerechnet, dass seine Auftraggeberin vor Freude im Quadrat springt. "Das habe ich doch nur hingekritzelt", sagt er. Sie hatte das Gespür, dass dieses Lied Kinder existenziell anspricht: Es geht im übertragenen Sinn um die klassische Geschichte der Prinzessin, die alle Freier abweist und in die Wüste schickt. Aber es gibt einen, der es schafft, mit ihr zusammenzusein. Kinder merkten, sagt Vahle, dass der Song mehr sei als nur ein pädagogisch gut gemeintes Kinderlied.

Der Katzentatzentanz wurde zu einem bilderbuchmäßigen Dauerhit in der "Sendung mit der Maus" und gilt als eines seiner erfolgreichsten Kinderbücher mit über 20 Auflagen. Es ist aber auch das einzige Lied, wofür er einen "feministischen Shitstorm" bekommen hat: Vahle wurde vorgeworfen, er stelle Machotum und Anmache in Kinderliedern dar.

Sie träumte, dass viele Kinder, die im Krieg gestorben war’n/losliefen wie lebendig und klopften überall an

Die Geschichte von den Kriegskindern

Fredrik Vahle hatte eine Brecht’sche Prophezeiung als Vorbild für dieses Lied genommen, das an den Eroberungskrieg der Wehrmacht im Osten angelehnt ist. Ein Kinderlied, das heute aktueller denn je ist, "wenn man die Flüchtlingsströme sieht", sagt Vahle. Die Kinder, die dort dabei sind, seien "eine große Herausforderung für das Bildungssystem, für unsere Offenherzigkeit und unsere Fähigkeit, nicht wegzugucken". Wenn Vahle dieses Stück spielt, sagen ihm seine kleinen Zuhörer: "Das ist gar kein Kinderlied, aber spiele nochmal so eins."

Meine Katze ist gestorben, es war nur ein dumpfer Knall/und das Auto, das fuhr weiter, Katzen gibt’s doch überall

Meine Katze ist gestorben

Zu einer spanischen Melodie schildert das Lied die Gefühle und Gedanken eines Kindes, dessen Katze gestorben ist. Das Lied polarisierte gerade bei den kleinen Zuhörern. Es gab welche, die nur wegen dieses Liedes ein Konzert besucht haben und andere, die sich wegen des Songs die gesamte CD nicht anhören wollten. Fredrik Vahle erzählt von Jungs, die das Lied als Mutprobe hörten: Wer zuerst weint, hat verloren. Das Lied behandelt ein Thema, das von Erwachsenen verdrängt werde, für das Kinder aber ein Sensorium hätten: dass Leben und Tod zum Leben gehören, dass diese beiden Pole den Alltag prägen mit Neubeginn und Abschied.

In Gesprächen mit Kindern merkt Vahle, dass es bei ihnen ein großes Bedürfnis gebe, über dieses Thema zu sprechen. "Weil es ihnen vorenthalten wird, weil alles auf das irdische Leben fixiert ist und der Tod verdrängt wird." Obwohl in Religionen die Rede davon ist, dass das Sterben nur ein Weg ins Licht sei. Vahle hat eine Zeit lang auf der Station Peiper gearbeitet, dem Gießener Familienzentrum für krebskranke Kinder. Dort habe er den Eindruck gewonnen, sagt Vahle, dass der Tod für manche Kinder Verwandlung bedeutet.

Sie seh’n, wenn man sowas gemeinsam anpackt/wird die allerdickste Rübe aus der Erde geschafft

Die Rübe

Es gab massive Proteste, als das Lied veröffentlicht wurde. Er habe keine Ahnung von Schulmusik, wurde Fredrik Vahle vorgeworfen. Kritik gab es auch, weil er politische Themen und Konflikte thematisierte. "Kinder wurden zu spielfreudigen Wesen abgestempelt, was aber nicht stimmt", sagt er. Das merkten Eltern spätestens in der Trotzphase. Das Lied ist populär, weil es ein Bewegungs- und ein politisches Lied gleichermaßen ist. Führte Vahle es auf, schlüpfte sein inzwischen verstorbener Freund und Nachbar aus Salzböden, Wolfgang Heuser, in ein Rübenkostüm.

Das Lied hat drei Bezüge: Die Rübe als Symbol der Heimat, dann das russische Volksmärchen vom Rübchen und ein chinesisches Poster, bei dem Kinder eine Rübe aus der Erde ziehen. Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es dieses Lied noch immer – obwohl es mittlerweile über 40 Jahre alt ist. Schon hier zeigte sich, dass in Vahles Musik politische und unpolitische Lieder, in denen Poesie und Nonsens gleichermaßen Platz haben, eine Einheit bilden.

Der Floh, der tat Jim begleiten, er hatte Spaß am Reiten/Und ging der Jim aufs Klo, dann tat das auch der Floh

Cowboy Jim aus Texas

Am Anfang dieses Liedes stand ein Auftritt von Fredrik Vahle vor einer Schulklasse in Gießen. Er sang über ein Kaninchen, das von Kindern vor dem Schlachten gerettet wird. Die Jungs der Klasse sagten, das sei ein Mädchenlied, und wollten eins für Männer hören. Vahle fragte: "Was ist denn ein Männerlied?" Die Antwort: Was mit Cowboys, Piraten oder Bankräubern. Vahle erinnerte sich an einen Western von Andy Warhol, in dem Cowboys ohne Klischees gezeigt werden: Sie reiten auf dicken Ackergäulen und müssen ständig aufs Klo. "Cowboy Jim aus Texas" zielt in die gleiche Richtung und räumt mit Cowboy-Klischees auf. Spätestens dann, wenn Jim mit seiner Oma vor dem Fernseher sitzt, um einen Western zu gucken. Vahle sagt: "Diese Regeldurchbrechung macht den Kindern am meisten Spaß."

Das Lied bezeichnet der Salzböder Kinderliedermacher als "absoluten Schnellschuss". In fünf Minuten habe er es geschrieben. Der Song war aber so erfolgreich, dass es davon sogar ein kleines Büchlein gibt. Kritik musste Vahle für das Lied aber auch einstecken: Er würde den Jargon der Subkulturen in Kinderlieder einführen. Der Künstler sieht das ganz anders. "Diese Straßenverse, die archaisch frechen Kinderreime, das sprechen Kinder, wenn sie unter sich sind". Vahle holt sie genau da ab und nimmt sie mit.

Info

Das ist Fredrik Vahle

Fredrik Vahle heißt eigentlich Friedrich-Eckart Vahle. In Stendal geboren, kam er 1970 nach Salzböden. Wolfgang Heuser, sein Nachbar und späterer Freund, nahm ihn damals mit ins Gasthaus und sagte: "Dos is de Fritz. Der geheert jetz zu eus!" Und das ist bis heute so geblieben. Der Germanistik-Professor ist bekannt durch seine Kinderlieder und -bücher, geht noch immer auf Tour und spielt auf großen und kleinen Bühnen.

Quelle: Gießener Allgemeine

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