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Lollarer Bürgermeister nach 18 Jahren im Amt: »Ich würde es nicht noch mal machen«

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Von: Jonas Wissner

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»Ich war früher eher ein introvertierter, zurückhaltender Mensch«, sagt Dr. Bernd Wieczorek.18 Jahre als Lollarer Bürgermeister haben auch ihn persönlich verändert. © Jonas Wissner

Nach drei Amtszeiten hört Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek auf. Im Interview spricht er über Demut im Amt, den Weg zurück nach einer schweren Krankheit und Pläne für den Ruhestand.

Herr Dr. Wieczorek, wie haben 18 Jahre als Bürgermeister Sie persönlich verändert?

Meine Frau sagt: zum Positiven. Ich war früher eher ein introvertierter, zurückhaltender Mensch, der nicht auf Leute zugegangen ist. Ich war in Lollar zwar sehr gut vernetzt, in den meisten Vereinen präsent und hatte einen großen Freundeskreis. Aber meine Frau sagt, dass ich heute viel offener bin.

Wie hat sich Lollar seit Ihrem Amtsantritt verändert?

Nach meiner Wahrnehmung hat die Stadt an Ansehen im Umkreis gewonnen. Lollar war damals, auch durch das gescheiterte Abwahlverfahren gegen meinen Vorgänger, meist nur negativ in den Schlagzeilen. Ich war anfänglich sehr erschrocken: Die Fraktionen waren zerstritten, es gab eine massive Front zwischen Verwaltung und Politik. Das war eine schwierige Zeit, aber es hat sich alles beruhigt. Ich denke, man hat mich als engagierten, interessierten Bürgermeister kennengelernt, der nicht eine große Klappe hat, sondern auch einmal zuhören kann. Das sollte man in den ersten Jahren auch tun. Es gab damals gestandene Bürgermeister, von denen man lernen konnte. Da habe ich immer genau hingeschaut, beobachtet, deren Meinung angehört, um erst dann meine zu äußern. Das kann ich jedem jüngeren Kollegen nur raten. Es gibt allerdings auch einige, die gleich mitreden wollen und sofort eine Lösung haben - das finde ich sehr mutig und oftmals unangebracht.

Bürgermeister interpretieren ihr Amt unterschiedlich. Sie wirken nicht wie jemand, der die Öffentlichkeit sucht. Haben Sie lieber im Stillen gearbeitet?

Ich habe mich nie in den Vordergrund gebracht und akzeptiert, dass bei Veranstaltungen nicht immer der Bürgermeister im Fokus steht. Es gibt Kollegen, die immer vorne aufs Bild wollen und zu jedem Anlass etwas zu sagen haben - das habe ich nie so gemacht. Ich denke, das ist in diesem Amt wichtig: Man muss auch mal ein bisschen bescheiden, demütig sein, anderen den Raum lassen.

Was haben Sie im Amt geschafft, worauf Sie stolz sind?

Besonders stolz bin ich auf die Entwicklung am alten Bahnhof, beim heutigen Edeka. Das war einmal ein völliger Moloch, ein Schandfleck inmitten von Lollar. Die Stadt hat drei Gebäude erworben und abgerissen, um eine sehr vage Planung realisieren zu können. Die Stadtverordnetenversammlung hat mir freie Hand gegeben, ich konnte Entscheidungen treffen, egal welcher Art. Und das war wichtig. Welche Stadt kauft Gebäude, reißt sie ab und weiß eigentlich nicht, was kommt? Bei den Gesprächen mit der Bahn bin ich jedoch auch mehrfach verzweifelt, das ging über Jahre. Dieses Projekt ragt aus meiner Sicht über allem.

Was betrachten Sie im Rückblick als eigenen Fehler?

Da habe ich bestimmt einige gemacht, aber das verdrängt man immer gern. Gravierendes fällt mir spontan nicht ein. Da müssten Sie andere fragen.

Es gab aber immer mal wieder den Vorwurf, dass Sie zu sparsam informieren. Wäre es manchmal besser gewesen, Pläne früher nach außen zu kommunizieren?

Nein. Es gibt gewisse Dinge, die immer parteiideologisch gesteuert sind und dadurch schon im Vorfeld kaputtgemacht werden. Da habe ich schon differenziert. Wenn ich gemerkt habe: Das könnte strittig werden und wieder einen Angriffspunkt bieten, haben wir das in der Verwaltung erst in Ruhe vorbereitet und dann publik gemacht.

Vor ein paar Jahren haben Sie eingestanden: »Ich bin dünnhäutiger geworden.«

Das ist das Alter. Je länger Sie im Dienst sind, desto schwerer können Sie mit Meinungen anderer umgehen, die von der eigenen abweichen. Die Erfahrung machen auch andere Kollegen. Aber es ist ja schon viel wert, wenn ich es an mir selbst feststellen kann.

Ende 2020 hat eine Autoimmunerkrankung infolge einer Covid-Infektion Sie völlig umgehauen. »Ich konnte nur noch denken und atmen«, sagten sie danach. Sind Sie wieder komplett fit?

Nein. Meine Beine sind nach wie vor beeinträchtigt. Ich bin noch nicht in der Lage zu rennen, da sind immer noch Nerven im Bereich der Beine zerstört. Ich habe auch heute noch jeden Tag Nervenschmerzen in den Beinen, auch das Gleichgewichtsgefühl ist noch nicht wieder völlig ausgeprägt. Man sieht es mir zwar nicht mehr an, aber das zeigt mir jeden Tag, dass ich noch nicht gesund bin. Der Schlag vor zwei Jahren hat mir gezeigt: Die Gesundheit und die Familie sind das Wichtigste, alles andere kommt danach. Das bestätigt auch den Entschluss, jetzt aufzuhören.

Anfangs war nicht klar, ob Sie gelähmt bleiben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wenn Sie gesagt kriegen, Sie werden nie wieder aus dem Rollstuhl rauskommen, haut Sie das um. Das war furchtbar, unbeschreiblich. Ich war am Boden zerstört, lag auf der Intensivstation - und konnte nur durch meine Tochter, die zu dieser Zeit als Ärztin im Klinikum beschäftigt war, hin und wieder besucht werden. Meine Frau, meine Familie durfte ich nicht sehen, es war ja die Hochzeit von Corona. Diese Zeit hat mich einfach genordet und geerdet. Ich habe die Hoffnung, dass es vielleicht noch ein, zwei Jahre dauert und dann wieder so ist wie früher. Aber ich bin auch glücklich, dass es jetzt so ist, wie es ist.

Der Weg zurück ins Amt war schwer - haben Sie gezweifelt, ob das wirklich klappt?

Nein. Die Ärzte haben zwar gesagt: Sie brauchen nicht mehr arbeiten gehen, das wird sowieso nichts. Aber ich wollte es unbedingt. Der Weg zurück und die Arbeit als Ablenkung waren wichtig. Der Job macht mir ja auch Spaß, das ist schon gut so.

Ende Dezember hören Sie als Bürgermeister auf. Hatten Sie auf den letzten Metern eine entspannte Zeit?

Als Bürgermeister hat man seit der Corona-Zeit ohnehin weniger Termine. Von daher waren die letzten Monate vom Zeitaufwand her schon entspannter. Und man wird in den letzten Jahren gelassener, erlaubt sich auch mal Sachen, die man sich früher nicht erlaubt hätte.

Zum Beispiel?

Auch mal zu sagen: Das ist völliger Unsinn, was du da schwätzt! Ich habe früher immer versucht, alles zu vermitteln und schön einzupacken. Heute sage ich schon mal: Das machen wir nicht, fertig. Klare Ansagen. Das ist die Gnade der letzten Amtszeit, man wird gelassener.

Können Sie sich an ein Ereignis aus Ihrer Amtszeit erinnern, das immer hängen bleiben wird?

»Das« Ereignis weniger, aber man erlebt als Bürgermeister sehr viele besondere Situationen, die man als normaler Bürger nicht erlebt. Man kommt in Kreise rein, die man sonst möglicherweise nicht betritt, zum Beispiel bei Geburtstagsbesuchen in verschiedenen Communities. Anfangs war vieles neu und beeindruckend, mit dem Alter lässt das etwas nach: Wenn vor 18 Jahren der Ministerpräsident anrief, ging mir noch etwas die Muffe. Heute gehe ich da ganz routiniert mit um.

Werden Sie das Amt vermissen?

Mit Sicherheit, das gebe ich ehrlich zu. Ich habe es gern gemacht, auch die Mitarbeiter werden mir fehlen. Aber nach 18 Jahren wird es Zeit für neue Gedanken. In der Privatwirtschaft bleibt ein Geschäftsführer auch meistens nur sechs, acht Jahre, dann findet ein Wechsel statt. Es reicht jetzt, in vielem bin ich schon zu engstirnig und verbohrt. Ein anderer setzt da wieder ganz andere Akzente, das tut der Stadt auch gut.

Sie werden hier und da noch ein paar warme Worte zum Abschied hören. Was bedeutet Ihnen das?

Bei der Verabschiedung am 15. Dezember möchte ich nicht, dass der Kreis der Redner zu groß wird. Ich lege Wert darauf, dass die Landrätin als meine Dienstvorgesetzte, der Stadtverordnetenvorsteher als Vertreter der Stadt und mein Kollege Steinz als Vertreter der Bürgermeister etwas sagen. Aber das reicht. Bei Verabschiedungen werden oftmals zu viele »Loblieder gesungen«, die zudem dann auch noch den gleichen Inhalt haben. So eine »Beweihräucherung« brauche ich nicht. Ich wurde dafür bezahlt, habe das Beste gegeben - das soll es dann auch sein. Da muss man mir nicht noch lobende Worte hinterherwerfen, das ist Quatsch.

Eitelkeit ist nicht Ihr Ding.

Nein, überhaupt nicht. Ich habe jedes Mal den Kopf geschüttelt bei solchen Verabschiedungen, das ging dann teils vier, fünf Stunden, nur Reden. Das muss bei mir nicht sein. Ich freue mich eher, danach mit den Leuten mal ein Bier zu trinken und mich mit ihnen zu unterhalten. Das ist doch viel besser.

Was werden Sie sich im Ruhestand vornehmen, das all die Jahre zu kurz gekommen ist?

Erst mal Sport. Ich kann natürlich im Moment kein Fußball spielen - hoffentlich schaffe ich das irgendwann wieder. Ich möchte wieder kontinuierlich Fitness-Training machen. Dann natürlich die Familie, das A und O - ich bin dreifacher Opa. Und mit meiner Frau mal Urlaube machen, das haben wir vernachlässigt, auch durch meine Erkrankung. Ich würde so gern mal wieder Ski fahren, aber das geht noch nicht. Und ich bin handwerklich sehr interessiert, auch wenn man es nicht vermutet.

Wie werden Sie die Lollarer Kommunalpolitik in Zukunft verfolgen?

Es ist wirklich von Vorteil, wenn man als Bürgermeister nicht in dem Ort wohnt, wo man arbeitet. Das ist eine Gnade. Man wird ja so schon genug angesprochen. Ich wäre jetzt gern wieder nach Lollar zurückgezogen, aber wir haben wirklich nichts Geeignetes gefunden. Bauland gibt es ja nicht. Wir haben uns zwei Jahre mit Bestandsimmobilien beschäftigt, während die Preise durch die Decke gegangen sind. Meine Tochter und mein Schwiegersohn haben dann in Wißmar, wo sie wohnen, ein Grundstück für uns in Erfahrung gebracht und dann haben wir dort gebaut. Seit zwei Monaten wohnen wir da. Aber natürlich werde ich die Politik in Lollar immer mit Interesse verfolgen und mir meine Gedanken zu der ein oder anderen kommunalen Entscheidung machen. Das Gute an meinem jetzigen Wohnort ist, dass ich mit dem Fahrrad in fünf Minuten in Lollar bin.

Mit 18 Jahren Erfahrung: Würden Sie jüngere Leute heute ermutigen, Bürgermeister zu werden - oder ist es so stressig, dass man das eigentlich niemandem empfehlen kann?

Ich bewundere jeden, der sich für das Amt bereiterklärt, da soll jeder seine Erfahrungen machen. Ich persönlich muss sagen: Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommt, ich würde es nicht wieder machen. Ich war 16 Jahre lang in der Hanauer Verwaltung und dachte, ich wüsste, was auf mich zukommt. Aber da lag ich völlig daneben. Es ist ein sehr anspruchsvoller Job, der ins Private reingeht, einen aufzehrt. Damit hatte ich am meisten zu kämpfen: Ich hatte einen großen Freundeskreis, habe gern Sport gemacht. Das habe ich alles aufgeben müssen, aber auch meine Familie, die zwangsläufig in das Berufsbild integriert wurde, musste viel verzichten und ertragen. Das muss man alles abwägen. Mit dem Wissen von heute würde ich es nicht noch mal machen.

Zur Person: Dr. Bernd Wieczorek

Nach drei Amtszeiten endet die Ära des promovierten Sportwissenschaftlers als Lollarer Bürgermeister zum Jahresende - einen Tag nach seinem 65. Geburtstag. Vor seinem Amtsantritt war der inzwischen dienstälteste Rathauschef im Kreis Gießen Leiter des Hanauer Sportamts und unter anderem im Ortsbeirat von Lollar-Odenhausen aktiv. Wieczorek, wie sein Nachfolger Jan-Erik Dort parteilos, ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkel. jwr

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