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Kreis Gießen: Hausarzt statt Notaufnahme – Rettungswagen fahren nicht immer ins Krankenhaus

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Von: Stefan Schaal

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Im Kreis Gießen ist der Rettungsdienst im Jahr 2020 zu insgesamt 44 000 Einsätzen ausgerückt. (Symbolbild)
Im Kreis Gießen ist der Rettungsdienst im Jahr 2020 zu insgesamt 44 000 Einsätzen ausgerückt. (Symbolbild) © FOTO SRS/DPA

Ab Juni soll der Rettungsdienst im Kreis Gießen erstmals auch Arztpraxen anfahren können. Bisher mussten Notfälle in Krankenhäuser gebracht werden.

Lollar – Noch laufen die Vorbereitungen, Verträge werden ausgearbeitet. Im Juni aber soll es losgehen. Der Rettungsdienst darf dann im Kreis Gießen erstmals auch Arztpraxen anfahren, wenn die Versorgung von Patienten in einer Notaufnahme oder einer Klinikambulanz nicht erforderlich ist. Bisher mussten Notfallpatienten ausnahmslos in umliegende Krankenhäuser gebracht werden.

»Ein sinnvoller Schritt«, beschreibt Dr. Uwe Speier die Neuerung. Seine Hausarztpraxis in Lollar, die er mit zwei Kollegen teilt, ist eine von 24 im Kreis, die sich an dem zunächst auf zwei Jahre befristeten Modellprojekt unter Koordination des hessischen Sozialministeriums beteiligen.

Bei Notfällen würden die Ambulanzen von Krankenhäusern »zunehmend mit Erkrankungen überlastet, die schneller und einfacher in der Arztpraxis behandelt werden können«, erklärt Speier die Motivation, teilzunehmen,« Dass es bislang nur die Möglichkeit gibt, die Notaufnahmen von Krankenhäusern anzufahren, wenn Menschen mit kleineren Verletzungen oder beispielsweise einem fieberhaften Infekt über die Notrufnummer 112 einen Rettungswagen rufen, darin sieht Speier einen Fehler. »Für solche Fälle sind die Notaufnahmen eigentlich nicht da.«

Mehrere Hausarztpraxen im Kreis Gießen beteiligen sich an Modellprojekt

Speier sitzt in einem Behandlungszimmer seiner Praxis im Zentrum Lollars. Es herrscht reger Betrieb, das Wartezimmer ist proppenvoll. Das Modellprojekt unter dem Titel »Sektorübergreifende ambulante Notfallversorgung« soll zwar Krankenhausambulanzen entlasten. Aber könnte es Hausärzte zusätzlich belasten, die während der Corona-Krise ohnehin mehr zu bewältigen hatten als zuvor?

Speier schüttelt den Kopf. Es gehe um maximal vier bis sechs Patienten pro Tag. Dieser zusätzliche Aufwand sei zu bewältigen. Der Hausarzt stellt eine Gegenfrage: »Worin liegt denn das tatsächliche Problem?« Patienten seiner Praxis erzählen ihm von Erlebnissen in Krankenhausambulanzen. »Ein Mann mit einem Schlaganfall begibt sich privat in die Notaufnahme - und sitzt da erstmal.« Ärzte seien dort hin und wieder derart überlastet, dass sie nicht immer die Möglichkeit haben, die einzelnen Notfälle nach Dringlichkeit zu gewichten.

Dadurch, dass sich mehrere Hausarztpraxen im Kreis beteiligen, werde die zusätzliche Belastung im Rahmen des Modellprojekts nicht allzu groß, ist Speier sicher. Arztpraxen können außerdem kurzfristig melden, dass sie beispielsweise für die kommenden drei Stunden keinen ambulanten Notfallpatienten aufnehmen können. Die an dem Projekt teilnehmenen Praxen sollen an das Meldesystem IVENA angeschlossen werden, mit dem die Krankenhäuser arbeiten und das in Echtzeit einen Überblick über freie Behandlungskapazitäten gibt.

Kreis Gießen: Rund 1000 ambulante Fälle könnten von Hausärzten statt der Notaufnahme behandelt werden

»Im Grunde geht es um die Art von Fällen, die wir ohnehin schon täglich behandeln«, sagt Speier. Da lasse sich eine Vielzahl von Erkrankungen, für die eine Fahrt ins Krankenhaus unnötig sei, »über die Hausärzte abfangen.«

Im Kreis ist der Rettungsdienst im Jahr 2020 zu insgesamt 44 000 Einsätzen ausgerückt. In rund 1000 ambulanten Fällen, schätzen Experten des Sozialministeriums, könnten zukünftig Hausärzte die Notaufnahmen in den Krankenhäusern werktags in der Zeit von 7 bis 17 Uhr entlasten. Schwerwiegende Notfälle wie nach Verkehrsunfällen oder Herzinfarkte, werden, betont eine Sprecherin des Sozialministeriums, »selbstverständlich weiterhin im Krankenhaus behandelt.«

Auch die Praxis in Lollar, in der Dr. Uwe Speier arbeitet, wird ab Juni Notfälle annehmen.
Auch die Praxis in Lollar, in der Dr. Uwe Speier arbeitet, wird ab Juni Notfälle annehmen. © Stefan Schaal

Entscheidend für den Erfolg des Projekts dürfte vor allem die Frage sein, wie angemessen und korrekt in den konkreten Einsätzen die Entscheidung getroffen wird, ob es sich um einen tatsächlichen Notfall handelt, der in der Klinik behandelt werden muss, oder ob eine Fahrt zum Hausarzt ausreicht. Eine Software namens »SmED« soll zum Einsatz kommen, die Abkürzung steht für »strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland«. Mithilfe der Software können Helfer und Rettungskräfte, die keine Ärzte sind, eine rechtlich abgesicherte Ersteinschätzung zu dem Notfall treffen. Das Programm stellt standardisierte Fragen und empfiehlt anschließend, wohin der Patient gebracht werden soll.

Speier erklärt, der Hausarzt, der einen Notfall annimmt, könne freilich auch umentscheiden, dass der Patient doch ins Krankenhaus gebracht werden muss. Das drängendste Problem sei derzeit die Überlastung in Krankenhäusern, betont Speier. »Immer wieder sitzen oder liegen dringende Notfälle teilweise fünf bis sechs Stunden in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, und wertvolle Zeit verstreicht. Das macht mehr Probleme als ein falsch geleiteter Patient.« (Stefan Schaal)

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