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Jochen Ferber weiß ohne optische Orientierung, wann er welche Taste auf der Klaviatur drücken muss. FOTO: JWR

Leben mit Handikap

Blinder Keyboarder: Wie Jochen Ferber aus Lollar den Alltag meistert

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Seit seiner Kindheit ist Jochen Ferber blind. Der Lollarer muss mit dieser Einschränkung leben - und hat doch früh gelernt, dass mit einer guten Ausbildung trotzdem vieles möglich ist.

Aus den Lautsprechern des Keyboards hallt ein Marsch-Rhythmus. Jochen Ferber legt seine Hände auf die Tasten, spielt dazu Akkorde und Melodie. Dass es sich um einen christlichen Song handelt, ist ohne Text kaum zu erahnen. Ferber moduliert die Klänge, kreiert seine ganz eigenen Versionen am Instrument. Nun klingt es nach Volksmusik. Mit dem Oberkörper wippt er im Takt vor und zurück, während ihm ein breites Lächeln übers Gesicht huscht. "Ich kremple die Lieder gern ein bisschen um", sagt er.

Dass Musiker an ihren Instrumenten improvisieren, eigene Versionen von Liedern schaffen, ist freilich nicht ungewöhnlich. Doch üblicherweise sehen sie die Klaviatur vor sich - wie sonst sollten sie sich orientieren? Ferber zeigt, dass es auch anders geht. Er ist von Kindheit an blind. Anfangs konnte der Lollarer noch Licht wahrnehmen, doch das ist lange her. Der Grund ist, wie er erzählt, eine Erbkrankheit. "Sie überspringt immer eine Generation", sagt der 45-Jährige. Soweit er weiß, ist er jedoch der Erste in seiner Familie mit dieser Diagnose. Vor etlichen Jahren kam für ihn eine andere Einschränkung hinzu. "Seit 1993 trage ich Hörgeräte."

Blinder Keyboarder: Pendler schon in der Grundschule

Was es im Alltag bedeutet, auf einen Sinn komplett und auf einen anderen zum Teil verzichten zu müssen, ist für Menschen ohne solche Einschränkungen schwer vorstellbar. Ferber hat gelernt, damit umzugehen - auch dank Fähigkeiten, die er früh erworben hat. Schon im Grundschulalter war er Pendler: Ferber besuchte eine Schule für Blinde in Friedberg, erlangte später in Marburg die mittlere Reife. Dann ging er für mehrere Jahre nach Nürnberg, ließ sich dort zum Bürokaufmann und anschließend zum Telefonisten ausbilden. Inzwischen arbeitet er halbtags bei der Firma Peppler in Gießen, betreut Kunden am Telefon. 

Durch Hilfsmittel kann er auch den Computer nutzen: Der Bildschirm bleibt bei ihm schwarz. Über die Tastatur kann er schreiben und Steuerungsbefehle eingeben. Eine monotone Computerstimme sagt rasend schnell an, was gerade geschieht. Unterhalb der Tastatur legt Ferber immer wieder Finger auf ein Gerät mit kleinen Noppen, die herausschnellen und sich wieder senken. Mit dieser sogenannten Braillezeile können blinde Menschen zum Beispiel Dokumente in Blindenschrift lesen. Daneben steht eine Schreibmaschine, mit der sich Texte in Blindenschrift auf Papier einstanzen lassen.

Blinder Keyboarder: Lernen durch Zuhören

Die Blindheit bringt im Alltag manche Hürden mit sich; stellt Ferber immer wieder vor Herausforderungen, auch beim Musizieren. Wie hat er es geschafft, sich dabei zurechtzufinden? "Mit sechs Jahren habe ich Klavierunterricht genommen", blickt er zurück. "Es gibt auch Noten in Blindenschrift, aber damit habe ich mich schwergetan. Ich habe das immer nach Gehör gemacht - der Lehrer hat vorgespielt, ich nachgespielt."

Nach der Konfirmation legte er sich ein Keyboard zu - und lernte die Möglichkeiten, den Klang darauf zu variieren, mehr und mehr zu schätzen. Sich auf der Klaviatur zu orientieren, ist für Ferber inzwischen kein Problem mehr: "Die schwarzen Tasten sind für mich markante Punkte. Langsam merkt man, wo man gerade ist, das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen."

Auf Ferbers Klingelschild stehen zwei Namen, obwohl er allein in seiner Wohnung lebt. Dieses Detail verweist auf einen schweren Schicksalsschlag für den Lollarer: Seine Frau hatte er über eine christliche Zeitschrift kennengelernt. "Sie ist nach einem Autounfall gestorben", sagt er. Er hat Wege gefunden, den Verlust zu verarbeiten. "Ich bin zum Glauben an Jesus gekommen", berichtet Ferber. Alle paar Wochen begleitet er die Gottesdienste der Freien evangelischen Gemeinde im Lumdatal. Das Keyboard, auf dem er dann stets spielt, hat ihm einst seine Frau geschenkt.

Blinder Keyboarder: Weitgehend selbstständig

Trotz Einschränkungen ist es für Ferber wichtig, soweit wie möglich selbstständig zu sein. "Das sind die meisten Blinden heute", sagt er. "Meine Eltern unterstützen mich, aber ich koche alleine und versuche, alleine einzukaufen." Ferber steht gerade an der Kaffeemaschine. Als sie zu Zischen beginnt, stimmt er wie selbstverständlich mit ein. "Das mache ich auch gern", sagt er lächelnd.

Spontane Ausrufe oder Geräusche, die manchmal ganz unvermittelt über die Lippen kommen - das gehe auch anderen Blinden so. Für Außenstehende sei das wohl manchmal befremdlich, vermutet er. Ein Beispiel dafür, dass der Umgang von sehenden mit nicht sehenden Menschen teils viel Verständnis auf beiden Seiten erfordert. Über mangelnde Hilfsbereitschaft könne er sich nicht beklagen, sagt er. "Aber ich würde mir wünschen, dass man mehr aufeinander zugeht."

,,Ich habe das immer nach

Gehör gemacht - der Lehrer hat vorgespielt, ich nachgespielt.

Quelle: Gießener Allgemeine

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