Wilhelm Genazino las im Rahmen der Licher Kulturtage

Lich (mlu). Teils im Windfang saßen die beinahe 100 Zuhörer, als am Freitagabend der Frankfurter Autor Wilhelm Genazino in der Stadtbibliothek zu Gast war, am zweiten Tag der Licher Kulturtage mit seiner Lesung einen ersten Höhepunkt im Reigen der über 50 Veranstaltungen setzte, die bis zum 25. März die Stadt auf Trab halten.

"Wenn wir Tiere wären" heißt sein im vergangenen Jahr erschienener Roman, in dem ein vom bürgerlichen Lebenstrott erschöpfter Erzähler seinen so traurigen wie komischen Gedanken nachhängt.

"Wenn wir Tiere wären, dann täten wir zweierlei nicht", verriet 68-jährige Schriftsteller und Büchnerpreisträger seinem Publikum im anschließenden Gespräch, "wir fragten uns nicht, ob wir glücklich sind, und wir würden nicht permanent über alles Denkbare grübeln". So wie es sein Erzähler, ein freischaffender Architekt in einer namenlosen Kleinstadt, zu tun pflegt. Während sich seine vergnügungslustige Lebensgefährtin Maria nach Erlebnissen sehnt, die sie ihren Kollegen in der Werbeagentur erzählen kann, empfindet er nicht nur seine Arbeit, sondern bereits den Einkauf von Nahungsmitteln oder Bekleidungsstücken als Zumutungen, die ihn schier überfordern. Das Gegenwärtige als das immer schon Vergangene zu sehen, habe ihm das Leben stets erträglicher gemacht, äußert er an einer Stelle. "Die Hälfte dessen, was ich erlebte, wäre für mich ausreichend gewesen. Aber ich konnte oft nicht schnell genug erkennen, welches Erlebnis entbehrlich war und welches nicht", an einer anderen.

Solche Gedanken drängen sich ihm auf, wenn er etwa einer unbekümmerten Amsel dabei zusieht, wie sie sich zwitschernd von ihrem Kot löst. Die Sympathie für die Tiere entspricht seiner Sehnsucht, dem Aktions- und Rationalisierungszwang menschlichen Daseins zu entgehen, beziehungsweise die persönliche Sinnstiftung auf dem Niveau einer kindlichen Alltagsmystik herzustellen. Dass ihn das nicht wirklich weiterbringt, ist ihm ebenfalls bewusst. Und so richtig glücklich wirkt dieser gehemmte Sonderling, eine typische Genazino-Figur, nicht. Eher etwas verzweifelt und hoffnungslos.

Verkäuferinnen, die er während seiner urbanen Streifzüge durch die Schaufenster erblickt, erscheinen ihm wie Zierfische in einem Aquarium. Spontan leiht er einer Bekannten 10 000 Euro für ein neues Gebiss, um seine Entscheidung alsbald zu bereuen, zumal er deren Notwendigkeit gar nicht einsieht. Aus schierer Langeweile betrügt er ein Lokal um die Zahlung eines verzehrten Apfelstrudels, nur um sich einen kleinen Kitzel zu verschaffen. Vergeblich waren seine Versuche, durch eine Hinwendung zur Kunst das Gefühl der Armseligkeit zu überwinden, das die Jugend bei ihm hinterließ.

Er fremdelt, dieser Genazino’sche Erzähler, der in den herabhängenden Krallen sich aufschwingender Krähen ein anmutiges Sinnbild für die Trägheit allen Daseins erblickt, sodass man sich an die Mitleidsphilosophie von Schopenhauer erinnert fühlen kann, den die einen als den "Weisen von Frankfurt" ansahen, während andere ihn als Kauz verspotteten.

Aber wer ist eigentlich dieser Genazino, dessen Figuren so verschroben und illusionslos sind, so tiefsinnig wie melancholisch? Auch so ein weltentfremdeter Kauz? Seine Romane seien Fiktionen, antwortete der Autor auf die Frage, inwiefern er mit seinem Erzähler verwandt sei. Allerdings seine eigenen. Als "negativ", wie im Publikum angeklungen, empfinde er diese durchaus nicht. Unmissverständlich bekannte er sich augenzwinkernd zu lebensbejahender Menschlichkeit. Die Besessenheit nämlich, mit der die Tiere hauptsächlich der Nahrungsaufnahme sowie ihrer Fortpflanzung nachgingen – wie es Biologen schließlich herausgefunden hätten – sei doch mindestens ebenso verwunderlich wie die menschliche Existenz. Tatsächlich wurde während Genazinos Lesung viel gelacht. Freilich nicht lauthals, nicht schreiend und schenkelklopfend. Eher so leicht bebend, mundwinkelzuckend und durch die Nase, intim berührt, halb Lacher, halb Schluchzer.

Quelle: Gießener Allgemeine

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