Kilometerkönige

Aus Liebeskummer sich einen Fiat 500 gegönnt

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Nur 18 PS stark, doch ein echter Hingucker: Der Fiat 500 von Christiane zu Solms ist unser heutiger "Kilometerkönig". Gut 30 Jahre währt die Beziehung schon, heftiger Liebeskummer stand am Anfang.

Seit Kurzem haben Andy Warhol und der frühere Fiat-Boss Giovanni Agnelli eine Gemeinsamkeit: Beide sind im Museum of Modern Art in New York vertreten, der eine mit seinen berühmten "Campbell’s Soup Cans", der andere mit einem Fiat 500 der Baureihe F. Mit der Präsentation würdigt das MoMA eine "Stilikone der Fünfziger".

Sechs Stunden Flug, ewiges Warten im Flughafen und dann noch mit dem Taxi nach Manhattan? Muss nicht sein. Ein wunderschönes Exemplar eines Fiat 500 der Baureihe F ist in Lich zu Hause. Und wird ebenso in Ehren gehalten wie sein museumsreifer Vetter. Der "Licher" jedoch ist kein Ausstellungsstück, er darf auf die Straße. "Autos müssen bewegt werden", postuliert seine Besitzerin, Prinzessin Dr. Christiane zu Solms-Hohensolms-Lich.

Die "Offene Zweierbeziehung", der Fiat wird mit wenigen Handgriffen zum Cabrio, reicht bis in die Achtziger zurück: Damals lebte Solms in Bonn, hatte lange an ihrer Dissertation gesessen. "Eine wissenschaftliche Krise", wie sie sagt. Und freimütig anfügt, dass damals ein "ziemlicher Liebeskummer" hinzukam. Also gönnte sie sich etwas, suchte in den Kleinanzeigen des "Generalanzeiger" nach einem Cinquecento.

 Ein Fiat 500 sollte es sein  -  ausgerechnet  

Mit Erfolg: Für 2000 Mark wurde sie mit einem Rentner handelseinig. "Ausgerechnet ein Fiat 500", möchte man da sagen, schließlich überragt die Licherin mit ihren um die 1,80 Meter das Auto um mehrere Kopflängen. Mit Ende zwanzig wurde die promovierte Agraringenieurin Pressereferentin des Bauernverbandes mit Sitz in Bonn. Für den "Kleinen" brach jetzt eine Zeit an, in der er "so richtig bewegt" wurde. Des Öfteren ging es in Solms’ alte Heimat Bielefeld. Später dann auch in ihre neue, nach Lich, wo sie seit über 30 Jahren mit ihrem Ehemann Dr. Hermann Otto Solms lebt.

Wie viele Kilometer der Fiat in den 53 Jahren runter hat? Diese Frage muss diesmal unbeantwortet bleiben. Zum einen ist der Tacho nur fünfstellig. Zum anderen ist nicht mehr rauszukriegen, wie viele Kilometer besagter Rentner gefahren hat.

Der Fiat ist heute meist auf der Kurzstrecke unterwegs. Eine Ausnahme bilden die Oldtimer-Rallyes, die Anfang Mai von Frankfurt aus starten. Um rechtzeitig dort zu sein, stürzt sich die Licherin in den Freitagnachmittagsverkehr auf der A 5 – um bald zwischen zwei Brummis zu verschwinden. "Blechmauern, vor und hinter mir." Beschleicht sie da nicht ein mulmiges Gefühl? "Nein", versichert die offensichtlich angstfreie Solms, "die Trucker scheinen vielmehr wie große Brüder auf mich aufzupassen..." Bei den Oldtimer-Treffen fährt der Kleine natürlich hinter den Porsches und Austin Morris hinterher. Und ist dennoch oft der Star. "Das ist es!", zitiert seine stolze Besitzerin den begeisterten Ausruf einer Zuschauerin, als die ihr "bescheidenes Autochen" erblickte.

Die Rallye 2018 freilich war für die Fahrerin zumindest wenig begeisternd: Die Radlager gaben den Geist auf, und so tuckerte man mit Warnblinkanlage über die Standspur von Aschaffenburg zurück nach Lich.

Kurz vor der Trennung gestanden

Schon der flüchtige Blick ins Fahrzeuginnere verrät: Dieses Auto ist die blechgewordene Beschränkung aufs Wesentliche, ohne jeden elektronischen Schnickschnack. Aber halt auch ohne jene Neuerungen, die das Fahren sicherer machen. Das Wort "Airbag" etwa hätte 1966 in Italien für "molto Stirnrunzeln" gesorgt. Mag sein, solcher Mangel sorgte Mitte der 1980er bei der Besitzerin für ein lädiertes Knie: Auf dem Weg zu einer Kartenspielrunde in Bonn hatte sie sich beim Auffahren auf eine Hauptstraße auf den Schulterblick beschränkt und war prompt gegen den Vordermann gekracht. Doch ward der Fiat repariert, erhielt auch in der Folgezeit die nötige substanzerhaltende Zuwendung, inklusive Austausch von Verschleißteilen, wozu auch ein "neuer" Motor gehörte.

Vor drei Jahren aber wäre es dann doch fast zur Trennung gekommen: Rostfraß am Bodenblech! "Verschrotten oder Komplettrestaurierung", lautete da die Frage. Christiane Solms entschied sich für Letzteres. Mario, der Schrauber ihres Vertrauens mit Beziehungen zum Ersatzteilhandel in seiner Heimat Italien, übernahm den Auftrag. Seither erstrahlt das Autochen wieder in neuem Glanz – zur Freude der Besitzerin wie vieler Passanten am Licher Straßenrand.

Quelle: Gießener Allgemeine

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