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Das Langsdorfer Rotkäppchen der » 3steps«

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Gisela Ubl, Dagmar Standfest, »Rotkäppchen« Lena Jantschik, Jürgen Ubl und Nadine Standfest.
Gisela Ubl, Dagmar Standfest, »Rotkäppchen« Lena Jantschik, Jürgen Ubl und Nadine Standfest. © Nastasja Becker

Lich/Gießen (nab). Ein farbenprächtiges Rotkäppchen sorgt zurzeit in Langsdorf für Diskussionen: Die Graffiti-Sprüher von »3Steps« aus Gießen haben an einem Gebäude der Metzgerei Ubl-Standfest eine moderne Interpretation des Märchens umgesetzt.

Lich/Gießen (nab). Erst Anfang November sind die Graffiti-Sprüher von »3Steps« von der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Wie 31 weitere Kreativunternehmen trägt das Gießener Street-Art-Kollektiv um die Zwillinge Kai und Uwe Krieger und Joachim Pitt – alias SiveOne, Doc Nova und Mr. Flash – nun den Titel »Kultur- und Kreativpiloten Deutschland«. Daneben hatten sie vor allem in ihrer Heimatstadt alle Hände voll zu tun, schufen beispielsweise ein mächtiges Graffito am Fußweg zwischen Bleich- und Alicenstraße, direkt an der Wieseck, oder auch ein Krimifestival-Poster, das als Lithografie unter anderem den Lesegästen Til Schweiger, Nina Hoss und Uwe Ochsenknecht mit auf den Heimweg gegeben wurde zur Erinnerung an Gießen.

In all dem Trubel haben die drei Künstler in den vergangenen Wochen aber auch noch ein Gebäudefassade in Langsdorf bei Lich gestaltet – ihr erstes Graffiti in einem Dorf. Titel des vor Ort freilich kontrovers erörterten Werkes: Rotkäppchens wilde Fahrt durch Isegrims Forst.

»... sind doch nicht im Ghetto!«

Die Würstchen in der schwarzen Ledertasche der Hauptfigur lassen Rückschlüsse zu auf die Bedeutung des Anwesens. Das Großmotiv ziert Schlacht-, Kühl- und Verkaufshaus der Metzgerei Ubl-Standfest in der Hainholzgasse. Während die Werke der Graffiti-Künstler, die ihrerseits nicht Kunst, sondern Informatik, BWL und Medizin studiert haben, aber hauptberuflich als »Fassadenmaler« arbeiten, in Gießen längst zum Stadtbild gehören, ist das Graffiti im Licher Stadtteil noch ein unerwarteter Blickfang, der Langsdorfern und Metzgerei-Kunden reichlich Gesprächsstoff bietet.

Die Initiatoren indes sind begeistert. Die 73-jährige Seniorchefin Gisela Ubl schwärmt regelrecht von dem großen Bild: »Wenn jemand kommt und sagt: Was soll denn das? Dann nehme ich ihn, stelle ihn davor, und erkläre ihm erst mal, dass das Kunst ist.« Man habe »einiges zu hören gekriegt«, sagte Dagmar Standfest dieser Tage. Darunter Kommentare wie »Wir sind doch nicht im Ghetto« und »Das passt doch nicht in den ländlichen Raum«. Aber es gebe auch viele positive Rückmeldungen, erzählte die Mitinhaberin des Familienbetriebes. »Eine Nachbarin grüßt jeden Morgen, wenn sie ihre Betten ausschüttelt, das Rotkäppchen.«

Die Brüder-Grimm-Figur ist die Protagonistin des Graffitis. »Wir hatten die konkrete Bildidee und suchten dafür eine Fassade«, sagte Kai Krieger im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Wie aber wurden die »3steps« in Langsdorf fündig? Ubl-Enkelin Nadine Standfest arbeitet derzeit bei der Kreativagentur, hatte die Fassade ins Spiel gebracht. Und was sagte die von Anfang an erfreute Familie zum Motiv: »Wir sind im Herzen der Natur, und wenn man von Bessingen nach Langsdorf fährt, kommt man auch durch einen ›wilden» Wald«.

Weitere Fassaden gesucht

Die Freundin von Dagmar Standfests Sohn Tobias, Lena Jantschik aus Hungen, stand als Rotkäppchen Modell. Nach dem Fotoshooting mit einem Motorrad aus den 1970er Jahren, bearbeiteten die Künstler das Foto digital. Danach besorgten sie Material, Hebebühne und Gerüst – und legten los. »Wir haben richtig mitgefiebert«, plauderte Seniorchefin Ubl dieser Tage. »Es war faszinierend zu sehen, wie nach und nach das Bild entsteht. Wir hatten viel Spaß dabei.«

Das Rotkäppchen-Motiv passe gut zu einem Dorf, weil dieses Märchen an sich »ja auch sehr ländlich ist«, meinte Kai Krieger. Wichtig war den Gießener Künstlern dabei eine Neuinterpretation. »Wir haben uns die Frage gestellt: Wie würde Rotkäppchen heute aussehen?« Der Teddybär, der das Rotkäppchen bei seiner wilden Fahrt begleitet, sei »ein Schutzpatron«. Doch Rotkäppchen brauche sich nicht zu fürchten. Der Wolf solle keineswegs als Bösewicht stigmatisiert werden, sondern als Wächter des Waldes.

»Es gibt weitere Motive, die wir uns als urbane Kunst im ländlichen Raum gut vorstellen können«, meinte Krieger zum Abschluss. Fehlten nur mutige Gebäudebesitzer.

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