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Klaus Wagenbach - auch im Gießener Land verwurzelt

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Er hat Gedichte von Erich Fried und Ernst Jandl publiziert und Bücher ostdeutsche Schriftsteller wie Stephan Hermlin oder Johannes Bobrowski. Er wurde in 1970er Jahren als »Bader-Meinhof-Verleger« stigmatisiert und verurteilt, weil er Texte der RAF drucken ließ. Er liebt Italien, hat die Freibeuter-Schriften Pasolinis in Deuschland bekannt gemacht und bezeichnet sich selbstironisch als »Mitbegründer der Toskana-Fraktion«. Klaus Wagenbach gehört zur (links-)intellektuellen Grundausstattung der Republik.

Er hat Gedichte von Erich Fried und Ernst Jandl publiziert und Bücher ostdeutsche Schriftsteller wie Stephan Hermlin oder Johannes Bobrowski. Er wurde in 1970er Jahren als »Bader-Meinhof-Verleger« stigmatisiert und verurteilt, weil er Texte der RAF drucken ließ. Er liebt Italien, hat die Freibeuter-Schriften Pasolinis in Deuschland bekannt gemacht und bezeichnet sich selbstironisch als »Mitbegründer der Toskana-Fraktion«. Klaus Wagenbach gehört zur (links-)intellektuellen Grundausstattung der Republik.

Zu seinem 80. Geburtstag im Juli erschien unter dem Titel »Die Freiheit des Verlegers« ein Sammelband mit »Erinnerungen, Festreden, Seitenhieben«. Eine lose Abfolge von autobiographischen Texten, die Wagenbach eigens für dieses Buch verfasst hat, enthüllt ein Detail, das vielen bislang nicht bekannt gewesen sein dürfte: Als Jugendlicher hat Klaus Wagenbach, der mit seiner Familie in Berlin ausgebombt worden war, für einige Jahre in Lich gelebt; sein Vater Joseph war nach Kriegsende der erste Landrat des Landkreises Gießen.

Die Erinnerungen an Lich nehmen in dem 350 Seiten starken Band nur wenige Seiten ein. Wagenbach schildert, wie er vom Behelfsheim am Waldrand aus den Einmarsch der Amerikaner beobachtet und nur knapp einer Geschossgarbe entgeht. Er erzählt, wie der Vater nach Gießen zur US-Kommandatur radelt, um dort seine Hilfe anzubieten und seine Familie bei der Rückkehr nach Lich mit der Nachricht überrascht: »Ich bin jetzt Landrat«. Auch die Hofapotheke spielt für den knapp 15-Jährigen eine gewisse Rolle. Weil alle Schulen geschlossen sind, verdingt er sich dort als Famulus, sammelt »mit dem würdigen, gut siebzigjährigen Apotheker« Heilkräuter und braut auf dem Hinterhof aus rostigen Nägeln und unter gewaltigem Gestank Eisenchlorid zusammen. Erwähnung findet auch Judy, ein »reinrassiger Foxterrier aus der reinrassigen Zucht eines reinrassigen Idioten, des geflohenen Ortsgruppenleiters«. Ein amerikanischer Colonel hatte den Kläffer in die Obhut der Familie Wagenbach gegeben, wo der Hund »endgültig entnazifiziert« wurde.

Das war’s dann auch schon mit Lich, und eigentlich geht es jetzt erst so richtig los. Wagenbach macht in Frankfurt Abitur und eine Lehre als Verlagskaufmann, er studiert Germanistik und Kunstgeschichte, er wird 1959 Lektor beim Fischer-Verlag und 1964 wegen »Kompetenzüberschreitung« gefeuert.

Was folgt, ist Legende. Die Gründung des Wagenbach-Verlags in Berlin, die Mitarbeit im Wahlkontor deutscher Schriftsteller für Willy Brandt, die turbulenten 1970er Jahre mit diversen Anklagen, Verurteilungen und einstweilige Verfügungen, mit Querelen im Kollektiv und der Abspaltung des Rotbuchverlags, die Grabrede für Ulrike Meinhof, der Erfolg mit Pasolinis Freibeuter-Schriften und den Liebesgedichten von Erich Fried . . .

So gibt der Sammelband Auskunft über die »deutschen Verhältnisse« der letzten Jahrzehnte, er schildert Begegnungen mit Autoren, Freunden und »Miesnickeln«, er spiegelt Wagenbachs Passion für Italien wider und er ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Buch, fürs Büchermachen und fürs Lesen: »Da naht ihr euch wieder, schwankende Gestalten, hohläugig vom Flimmern des Bildschirms, fingerlahm vom PC, erschöpft vom Internet ... Willkommen! Wie genußreich ist die Welt der Bücher!« Ursula Sommerlad

Klaus Wagenbach, »Die Freiheit des Verlegers - Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe«, herausgegeben von Susanne Schüssler, Verlag Klaus Wagenbach, ISBN 978 3 8031 3632 9

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