Kein roter Teppich, kein Blitzlichtgewitter

Lich (man). Detlev Buck war schon hier, Michael Verhoeven ebenfalls. Lang ist die Liste der Regisseure, die sich in der über 25-jährigen Geschichte des Kino »Traumsterns« in Lich ein Stelldichein gaben. Seit gestern nun ist die Liste der prominenten Besucher um einen schillernden Namen reicher: Wim Wenders ließ es sich nicht nehmen, zu einer Matinée seines jüngsten cineastischen Werks »Palermo Shooting« zu erscheinen und im Anschluss an die Filmvorführung ausführlich auf die Fragen des Publikums einzugehen.

Wer allerdings gehofft hatte, dass er seinen Hauptdarsteller Campino gleich mit im Gepäck hatte, wurde enttäuscht. Der Meister der ästhetischen Leinwandkompositionen erschien allein - nahm sich allerdings auf seiner Fahrt über die Dörfer viel Zeit für den Zwischenstopp in Lich, bevor er abends dann in Marburg Station machte.

Kein roter Teppich, kein Blitzlichtgewitter. Wim Wenders, gerade erst im vergangenen Jahr Jury-Präsident beim renommierten Filmfestival von Venedig, ist gewiss andere Auftritte gewohnt. Umso entspannter zeigte er sich in Lich. »Ich wollte immer schon mal hier hin«, bekannte er gleich zur Begrüßung und war zudem sichtlich erstaunt: »Wenn immer so viele ins Kino kämen, wären die deutschen Kinos gerettet.«

Proppenvoll war das »Traumstern« an diesem Sonntagvormittag - und die rund 200 Zuschauer erlebten das, was man ein rundum gelungenes Kinoereignis auf hohem Niveau nennen kann: Sie sahen einen ungewöhnlich packenden Film über das Tabuthema Tod, über den eine Zuschauerin später sagte, wie tief die Symbolik der Bilder von der Leere des Lebens sie beeindruckt hätten. Anschließend folgte eine aufschlussreiche Gesprächsrunde, bei der Wenders über eine Stunde lang offen auf all die Fragen aus dem Publikum einging - und wer wollte, konnte sich zum Schluss noch ein Plakat signieren lassen.

Das alles geschah in völliger Entspanntheit und angenehmer Ruhe - schließlich ging es dem vielfach ausgezeichneten, 63-jährigen Regisseur darum, endlich einmal einen Film zu produzieren über die zerstörerische »Zivilisationskrankheit, keine Zeit mehr zu haben«. So hetzt denn Campino als Starfotograf Finn von einem Set zum nächsten, verliert dabei immer mehr den Boden unter den Füßen, bis er sich in Palermo notgedrungen einen Auszeit nimmt, um wieder zu sich selbst zu finden.

»Wie sind Sie denn auf Campino gekommen?«, wollte auch prompt jemand aus dem Publikum wissen. Und Wenders plauderte bereitwillig aus dem Nähkästchen: Man kenne sich schon eine ganze Weile, und als er vor acht Jahren ein Video mit den »Toten Hosen« gedreht hätte, habe er sofort die unglaubliche Präsenz von Campino vor der Kamera bemerkt. »Ich habe ihm diese Rolle quasi auf den Leib geschrieben«, gesteht Wenders und auch, dass die Wahl des Drehortes Palermo auf Sizilien eher zufällig sei. »Ich suchte eine Stadt mit möglichst große Fallhöhe vom schicken und reichen Düsseldorf.«

Hier spielt das erste Drittel des Films, in dem Finn schon in seiner schönen Scheinwelt von Albträumen geplagt wird, die ihm immer mehr den Schlaf rauben. Noch erkennt er die Zeichen der Zeit nicht - wie die wundersame Begegnung auf den Rheinwiesen mit einem Schäfer im Bankeranzug (Udo Samel), der ihn liebevoll ermahnt, alles so zu erleben, als könne es das letzte Mal sein. Später dann in Palermo wird er dem Tod höchstpersönlich begegnen, der immer wieder Pfeile auf ihn abzielt, so wie Finn mit seiner Kamera auf Personen schießt.

Die Besetzung dieses Parts mit Dennis Hopper war natürlich kein Zufall. Keiner sei dem Tod so nahe gekommen wie er, findet Wenders, der mit dem US-Schauspieler vor gut zwanzig Jahren »Der amerikanische Freund« drehte und damals einen drogenabhängigen Mann kennenlernte, um dessen Leben er fürchtete. »Seit zehn Jahren hat er alles überstanden«, erzählt Wenders, der bewusst keinen Sensenmann, einen liebenswerten Tod zeigen wollte. »Ich habe es satt, immer den Bösewicht zu spielen«, sagt denn auch Hopper leicht frustriert als personifizierter Tod.

Wenders spricht von seinen großen Vorbildern Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni, die beide am selben Tag, dem 30. Juli 2007, starben, als er in Palermo am Drehbuch schrieb. Amüsiert erzählt er davon, dass es bei den Dreharbeiten von September bis November zwei Monate lang nur geregnet habe und dass der Ätna nur deshalb nicht vorkomme, weil es immer diesig gewesen sei. Beeindruckend schildert er seinen Besuch in den Katakomben und den höchsten Feiertag in Palermo, den Totensonntag. Und er berichtet von der Dankbarkeit der Einwohner, dass endlich mal kein Film über die Mafia hier entstanden ist.

Für seine philosophische Auseinandersetzung mit dem Tod und der Aufforderung, das Hier und Jetzt zu nutzen, findet der Leinwandmagier berückende, aber auch verstörende Bilder. Einen wichtigen Part übernimmt dabei der Soundtrack: »Hier lasse ich mir ungern reinpfuschen«, konstatiert Wenders. Auch Campino habe sich bei der Auswahl der Musik rausgehalten. Wie sehr sie den Film und seine Aussage trägt, das lässt sich noch heute und morgen um 19.30 Uhr im »Traumstern« nachvollziehen.

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