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Als die Post das Dorf verließ - Erinnerungen ans Postamt Ober-Bessingen

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Von: Patrick Dehnhardt

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Karin Römer stand zehn Jahre hinter der Theke der Poststelle Ober-Bessingen. FOTOS: PRIVAT © Patrick Dehnhardt

Lange Zeit hatte fast jedes kleine Dorf eine eigene Poststelle vorzuweisen. Durch Sparmaßnahmen und die Privatisierung verschwanden sie Ende des letzten Jahrtausends fast überall.

Wenn die Uroma ihrer Schwester eine Einladung zum Geburtstag zukommen lassen wollte, dann ging das nur per Brief. Für ein Bonbon brachten die Enkel diesen zum Postamt im Dorf. Für 40 Pfennig ging die Nachricht auf die Reise - und mit Glück gab es auf der Poststelle als Belohnung noch ein Bonbon.

Lange Zeit ist es her, als fast jedes Dorf neben einem Lebensmittelladen, einem Bäcker, einen Metzger und einer Bank auch eine Poststelle besaß. Selbst ein kleines Dorf wie Rabertshausen hatte eine eigene Poststelle. »Im gesamten Stadtbereich Hungen befinden sich neun Poststellen«, heißt es in der aus dem Jahr 1982 stammenden Stadtchronik. Damals zierte noch der Adler das Schild - denn es war die Deutsche Bundespost.

Eines der Dörfer, dass am Längsten eine eigene Poststelle besaß, war Ober-Bessingen bei Lich. In den 1950ern befand sich diese im Lebensmittelgeschäft Rinker. Dort hing das einzige Telefon der Gemeinde. »Von dort aus konnte man auch mit dem Postauto nach Lich fahren«, erinnert sich Karin Römer.

Eine Verwandte der Geschäftsinhaber, Edeltraud Rinker, übernahm 1961 die Post und betrieb sie bis 1988 gegenüber dem Feuerwehrhaus. Damals passierte das Außergewöhnliche: Während in anderen Dörfern die Poststellen geschlossen wurden, wurde für Ober-Bessingen ein Nachfolger gesucht. Römer sah damals die Anzeige im »Licher Wochenblatt«, bewarb sich und bekam den Zuschlag.

Da sie auch die Räume für die Post stellen musste, wurde ein Anbau errichtet. Römer hatte die Handelsschule besucht und in Büros bei Schieferstein in Lich und Weiss in Lindenstruth gearbeitet. Mit der Post hatte sie zuvor nur wenig zu tun gehabt. Die Ausbildung fiel dennoch knapp aus: »Ich hatte eine Woche Anlernzeit, einen Tag davon in der alten Post in Gießen«, sagt die 71-Jährige.

Der Umgang mit dem Briefporto und den Gebühren für die Päckchen und Pakete sei kein Problem gewesen, erinnert sie sich. Nur wenn sie hohe Geldbeträge ausbezahlen musste, sei ihr mulmig geworden. Dies kam recht häufig vor, denn nicht nur die Postbank war in den Poststellen präsent, auch mussten Postanweisungen - über die Post versandtes Geld - und Zahlscheine ausgezahlt werden. »Das hatte ich im Schnelldurchlauf gelernt.« Später sollte sie zusätzlich Versicherung verkaufen. »Davon habe ich die Finger gelassen.«

Zehn Jahre ging wenige Meter von der Pforte entfernt die Post ab. Zwei Stunden täglich hatte die Poststelle geöffnet, war einer der Treffpunkte im Dorf. Briefe und Postkarten wurden anstelle von E-Mails und WhatsApp-Nachrichten versandt. Da der Versand Geld kostete, überlegte sich mancher genau, ob und was er schreibt. »Da gab es deutlich mehr Brieffreundschaften als jetzt.«

Per Versandhandel kamen Schuhe, Kleidung und Elektronik ins Haus - und die Retouren landeten bei Römer in der Poststelle. Regelmäßig stapelten sich bei ihr Pakete von Quelle, Neckermann und Otto. Besonders um die Weihnachtszeit gingen viele Sendungen auf die Reise. »Ich hatte immer wieder mal die Post mit Päckchen voll stehen.«

Eines der Päckchen ist ihr dabei in besonderer Erinnerung geblieben. Es war zu einer Zeit, als über Pakete Anschläge verübt wurden. Da traf in Ober-Bessingen ein dubioser Karton ein. Die Adressaten und die Anschrift stimmten nicht. Römer fragte bei den angeschriebenen Bewohnern des Hauses nach und erfuhr, dass diese auch auf kein Paket warteten. Daraufhin kontaktierte sie den Sicherheitsdienst der Post, der die seltsame Sendung unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen abholte. Was im Päckchen war, hat Römer nie erfahren.

Außen an der Poststelle hing der gelbe Briefkasten fürs Versenden außerhalb der Geschäftszeiten. Er wurde von Römer geleert. Einmal fand sie darin einen Brief an den Osterhasen. »Ich habe ihn dann beantwortet«, erzählt sie und schmunzelt.

Als die Bundespost privatisiert wurde, näherte sich auch das Ende für die verbliebenen kleinen Poststellen auf den Dörfern. Römer erinnert sich, dass sich gerade viele ältere Ober-Bessinger über den Wegfall und den nun längeren Weg zum Postamt nach Lich beschwerten.

Als 1998 die Ober-Bessinger Poststelle schloss, wurde Römer nach Lich in den Schalterdienst versetzt. Doch auch dort sind die Schalterräume des Postamtes in der Heinrich-Neeb-Straße schon lange verwaist. »Da war es auch für mich vorbei«, sagt sie. Sie wurde in den Vorruhestand versetzt.

Die Räume der Ober-Bessinger Poststelle haben mittlerweile eine andere Nutzung: »Da stehen heute im Winter die Geranien drin«, sagt Römer. Nur eines ist noch in Betrieb: Der gelbe Briefkasten, der werktags täglich geleert wird. So geht noch immer Nahe der Pforte die Post ab.

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Neben der Tür hing der Bundesadler. Die Poststelle war Treffpunkt im Dorf, hier gab’s auch mal ein Schwätzchen. © Patrick Dehnhardt

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