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Dr. Ulrich Kammer aus Laubach. (Foto: tb)

Was Pressefreiheit bedeutet

Laubach (kw). Dass in Gießen ab 1946 die "Freie Presse" erschien, bekam Ulrich Kammer nicht mit. Der 19-Jährige gebürtige Villinger war bei Paris in amerikanischer Kriegsgefangenschaft – und erfuhr aus US-Zeitungen, was Pressefreiheit bedeutet. "Die Lektüre hat bei mir mehr an politischer Einsicht bewirkt als erhobene Zeigefinger", sagt der Laubacher 70 Jahre später im GAZ-Gespräch.

Unsereiner hatte keine freie Presse kennen gelernt", erinnert sich Dr. Ulrich Kammer an den Kulturschock, den vor 70 Jahren wohl auch die ersten Leser der Gießener Nachkriegs-Tageszeitung verspürten. "Meine Eltern waren keine Nazis, sie waren in der Bekennenden Kirche und alles andere als Antisemiten. Wir sind als Jugendliche zur Toleranz erzogen worden. Aber man konnte sich dem Geist jener Zeit nicht entziehen. Es gab ja keinerlei gedruckte Veröffentlichung, die nicht vom Propagandaministerium abgesegnet war."

16 Jahre alt war Kammer, als er sich freiwillig zur Wehrmacht meldete, um – so berichtet er – nicht zur Waffen-SS zu müssen. Im März 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft. Hatte er Glück oder Pech, dass er in einem Lager bei Paris landete? "Mein Bruder war in einem so genannten Hungerlager in Bad Kreuznach. Er ist fast verhungert, konnte aber schon nach kurzer Zeit nach Hause." Der junge Ulrich Kammer litt weniger Mangel und wurde nach den ersten Monaten immer satt; dafür dauerte seine Gefangenschaft bis Februar 1947.

Gut ein Jahr lang war er in einem Parkhaus mitten in Paris eingesetzt. Deutsche Kriegsgefangene reinigten und betreuten den Wagenpark des amerikanischen Hauptquartiers. Im Papierkorb vor der Schreibstube entdeckte der junge Deutsche Zeitungen und fischte sie heraus. Bis heute erinnert er sich an sein Erstaunen über einen Leitartikel in der New York Herald Tribune. Der Starjournalist Walter Lippmann (1889-1974) zerriss förmlich die Innenpolitik des US-Präsidenten Harry Truman. Offenbar wurde er nicht zum Schweigen gebracht, denn danach waren immer wieder kritische Worte Lippmanns zu lesen. "Ein Schlüsselerlebnis! Diese Lektüre hat bei mir weit mehr an politischer Einsicht bewirkt als ›Reeducation" mit erhobenem Zeigefinger", sagt Kammer. "Meinungsfreiheit einer Demokratie war unserer Generation bis 1945 versagt."

Beeindruckt war er auch von Reportagen in der Zeitschrift "National Geographic". Ob es um Lynchmorde der französischen Résistance nach der Befreiung 1944 ging oder um derbes Verhalten von US-Soldaten in Frankreichs Dörfern – "hier wurde auch die eigene schmutzige Wäsche gewaschen, nicht nur die der anderen." Kammer erlebte, dass tausende US-Soldaten im Herbst 1945 vor der amerikanischen Botschaft für ihre Heimkehr demonstrierten, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Fast noch verblüffter war er vom Anblick eines Majors, der – die Hände in den Hosentaschen – mit einem ähnlich leger an den Türrahmen gelehnten einfachen Soldaten plauderte. Auch ohne Kadavergehorsam konnte eine Armee also offensichtlich funktionieren, ja siegreich sein.

Vor dem Krieg hatte der jugendliche Kammer die Nazi-Zeitungen kaum je gelesen, "sie waren langweilig". Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1947 gehörte die Zeitungslektüre dagegen selbstverständlich zum Alltag, erinnert sich der promovierte Altphilologe und Gymnasiallehrer. Den Nachdruck der ersten Ausgabe der Gießener Freien Presse vom 8. Januar 1946, der zum 70. Jahrestag der GAZ beilag, hat er mit großem Interesse Zeile für Zeile studiert.

Ein wenig "zahm" erschienen ihm die Texte im Vergleich zu dem, was er in jener Zeit in amerikanischen Blättern gelesen hatte. "Man kann sich kaum vorstellen, dass zum Beispiel die Besatzungsmacht kritisiert worden wäre."

Für deutsche Autoren und Leser so kurz nach der Nazizeit war es dennoch "beachtlich, was alles drinsteht" – etwa die Berichte über Judenvernichtung und über Thomas Manns frühe Kritik an Hitler. "Diese erste Ausgabe sollte in Schulen im Geschichtsunterricht verwendet werden", meint der pensionierte Lehrer. Bis heute liegt ihm Pressefreiheit als Basis der Demokratie am Herzen.

Die Gießener Allgemeine Zeitung mache sich nach wie vor verdient um die nötige Aufklärung, findet der langjährige Leser. Das gelte gerade auch für den Lokalteil. "Es gefällt mir gut, dass Ihre Reporter an der Basis von Anfang an realistisch über die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen berichtet haben. Es sind immer auch Nachrichten über die Vielfalt und die Probleme dort erschienen, zum Beispiel über Angriffe von Islamisten auf Christen – und nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen."

Die Wahrheit schreiben und lesen, unabhängig von Ideologie: Was das wert ist, "kann sich die junge Generation kaum vorstellen." Der 89-Jährige und seine Altersgenossen haben es erfahren.

Quelle: Gießener Allgemeine

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