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Mit seinem Schmerz nicht allein sein

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Von: Thomas Brückner

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Allzu häufig stehen Hinterbliebene mit ihrer Trauer alleine da. Modernen Gesellschaften, geprägt von Individualismus, zersplitterten Sozial- und Familienstrukturen, fehlt es allzu oft an ausreichenden Angeboten zur Trauerbewältigung. Nicht anders im Gießener Ostkreis. Doch nicht mehr lange: In Lich eröffnet der Hospizdienst am Oberhessischen Diakoniezentrum am 2.

Januar ein »Trauercafé«.

W ir leben in einer Zeit, in der man trauernden Menschen wenig Raum bietet«, konstatiert Katharina Hoffmann. Als Koordinatorin des Hospizdienstes des Oberhessischen Diakoniezentrums Laubach (kurz OD) weiß sie, wovon sie redet.

Gespräche mit Trauernden seien schwierig auszuhalten, fügt sie hinzu, gerade dann, wenn die Hinterbliebenen besondere Zuwendung bräuchten. »Für viele gilt ein Todesfall mit dem Begräbnis als abgeschlossen.«

Für die nahen Angehörigen aber beginne erst jetzt die tiefe Trauer und das Realisieren des Ablebens des geliebten Menschen. Doch was sie jetzt erführen, sei oft tiefes Schweigen statt Mitgefühl. »Unsere Gesellschaft hat vieles verlernt, was einmal ganz selbstverständlich zur Trauerkultur gehört hat.«

In Grünberg gab es über viele Jahre hinweg einen Anlaufpunkt für Hinterbliebene. Immer wieder freitags lud die evangelische Kirche zum Trauercafé in den Gemeindesaal. Eine segensreiche Institution, die die Pandemie nicht überdauert hat.

Dass der Bedarf auch im ländlichen Ostkreis aber groß ist, zeigt die Selbsthilfegruppe »Trauer«. Seit vier Jahren gibt es dieses Angebot des Mehrgenerationenhauses, geleitet von einer professionellen Trauerbegleiterin. Die Treffen im Alten Bahnhof dauern eineinhalb Stunden, die Nachfrage ist groß.

Das Trauercafé von Katharina Hoffmann und ihrer Kollegin Karin Studnitz ist als »flankierende Erweiterung« angelegt. Und als niedrigschwelliges Angebot, kann doch hier jeder ohne Anmeldung vorbeischauen, dabei sein, zuhören.

Auch Teil des Konzepts: Hinterbliebene sollen neben einem thematischen Impuls Gelegenheit haben, sich mit anderen Betroffenen zwanglos auszutauschen, sich gegenseitig zu stützen und vielleicht erfahren, dass es tröstlich sein kann, mit seinem Schmerz nicht allein zu sein.

Wie Hoffmann und Studnitz im GAZ-Gespräch an dieser Stelle betonen, sind alle Trauernden, die in der letzten Zeit einen Verlust erlitten haben, herzlich eingeladen, vorbeizuschauen. Um in einem geschützten Rahmen und in einer Atmosphäre verständnisvollen Miteinanders ihrer Trauer Raum und Zeit zu geben.

Im Hospizdienst des OD, Träger unter anderem von drei Seniorenzentren in Laubach, Lich und Hungen, stehen Hofmann und Studnitz Menschen zur Seite, die am Ende ihres Lebensweges stehen. Freilich haben sie dabei auch Kontakt zu Angehörigen. Sie unterstützen sie, wenn diese durch die Situation selbst an ihre Grenzen kommen.

Oft gehe es um Eltern, die bald sterben, dann sei »unaufdringliche Präsenz« gefragt. Manchmal komme es vor, dass die Hinterbliebenen kurz im Büro vorbeischauten, um sich für die Begleitung zu bedanken, und dann doch zwei Stunden vergehen, bis der erste Schmerz der Trauer von der Seele gesprochen ist. »Das ist uns sehr wichtig«, sagt Hoffmann, »den Menschen diese Möglichkeit zu geben, ihre Last in Worte zu fassen und auszusprechen.«

Sie wie ihrer Kollegin geht es darum, fundiertes Wissen zu erlangen, um Menschen adäquat und professionell beizustehen. »Das eigene Bauchgefühl ist wichtig, Fachwissen ebenfalls«, sagt Hoffmann. Und so hat sie mit zwei Ehrenamtlichen im Blick auf das Projekt Trauercafé die »kleine Weiterbildung zum Trauerbegleiter« absolviert.

Was man dabei lernt? »Es geht etwa darum zu wissen, wie man in bestimmten Situationen auf Trauernde zugeht, Beistand leistet und verschiedene Trauerbewältigungsmöglichkeiten aufzeigt«, antwortet Hoffmann. Doch lerne man auch, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren, sich abzugrenzen. Selbstreflexion sei dabei sehr wichtig.

Ein wichtiger Aspekt der Fortbildung war laut Studnitz die Frage, die so manchen Betroffenen umtreibe: »Werde ich denn immer in Trauer sein?« Also gelte es, mit viel Empathie den Menschen zu helfen, wieder nach vorne zu schauen.

Zurzeit absolvieren noch zwei weitere Ehrenamtliche die »große Fortbildung zum Trauerbegleiter«. Diese ist umfangreicher und legt den Schwerpunkt auf die »erschwerte Trauer«, die bei besonders tragischen Verlusten, etwa aufgrund eines Unfalls, auftreten kann.

Das Café wird in Lich, in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes in der Schloßgasse 6G, sein Domizil haben. »Den Start«, klärt Hoffmann am Ende des Gesprächs auf, »haben wir bewusst auf den 2. Januar gelegt.« Gerade die Tage davor seien für Betroffene eine schwere Zeit, sei es doch oftmals das erste Weihnachtsfest ohne einen geliebten Menschen.

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