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Die Kühe am Hof Schreiner in Altenhain nehmen’s gelassen: Landwirte und Politiker im Streitgespräch. FOTO: TB

Bauernprotest

"Diese Agrarpolitik ist krank"

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Mit Trekker-Flashmops hat sich "Land schafft Verbindung" Gehör verschafft. Die Basisbewegung junger Bauern machte nun auch bei einer Diskussion in Laubach deutlich: "Diese Agrarpolitik ist kank."

Ihre Kollegen hätten es satt, für alles den Sündenbock abzugeben, stellt Stephanie Schreiner klar. Die Jungbäuerin aus Altenhain - engagiert in der Basisbewegung "Land schafft Verbindung" - hatte soeben zur Diskussion auf ihren Hof geladen. Rund 100 Kühe verfolgten ziemlich ungerührt das Streitgespräch. Derweil bekamen MdL Michael Ruhl (CDU) und Kreisbeigeordnete Dr. Christiane Schmahl (Grüne) ziemlich harsche Kritik an einer "kranken Agrarpolitik" ab, die nicht nur Jungbauern als existenzgefährdend geißeln.

Entstanden im Sommer 2019 aus einer Whats-App-Gruppe, ist aus "Land schafft Verbindung" (LSV) längst eine bundesweite Basisbewegung geworden. Vor allem der Nachwuchs ist hier aktiv. So wie Stephanie Schreiner, die mit ihrem Mann Martin in Laubach-Altenhain einen alteingesessenen Hof bewirtschaftet. Unterm Motto "Wir bitten zu Tisch" hatte sie Vertreter der Landes- und Kommunalpolitik wie auch der "etablierten" Bauernverbände zur Diskussionsrunde geladen.

"Lassen uns nicht in die Knie zwingen"

Dass die Stimmung unter den Kollegen mies ist, machte Schreiner gleich bei ihrer Begrüßung deutlich. Um im gleichen Atemzug doch klarzustellen: Keineswegs seien die Landwirte gewillt, sich von "sinnlosen Auflagen und immer mehr Bürokratie" in die Knie zwingen zu lassen." Nicht zuletzt fordere man von Berlin wie auch Brüssel, nicht über die Köpfe der Landwirte zu entscheiden.

Dass man die Forderungen der neuen Basisbewegung teilt, ließ Manfred Paul, Vorsitzender des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill, durchblicken. 80 Millionen glaubten hierzulande zu wissen, wie Landwirtschaft funktioniert, wollten den zwei Prozent Bauern sagen, wo’s langgeht. Von den Politikern fühlt man sich alleingelassen: "Die haben keinen Arsch in Hose, die berechtigten Anliegen unseres Berufsstandes zu vertreten." Immer neue Auflagen, Billigpreise für landwirtschaftliche Produkte - "so sind die Betriebe nicht zu halten." Hinzu komme ein Fehler im System, womit Paul die Ausgleichszahlungen ansprach: "Vor Jahren bereits habe ich gesagt, die werden zum Todesstoß für die Landwirtschaft."

Nicht anders Volker Lein, Vize des Hessischen Bauernverbandes (HBV). Bauernbashing, bestimmender Einfluss von NGOs auf die Politik, Bevorzugung der Biobauern, falsche Wolfspolitik sind für den Herbsteiner der Beweis: "Das gesamte Umfeld stimmt nicht mehr." Harsche Kritik traf die Düngereform: Die Politik belaste die Betriebe mit immer schärferen Auflagen, habe aber selbst in acht Jahren kein Referenzmessnetz für Nitrat hinbekommen, "in dem die Messstellen belastbar überprüft sind",.

Klagen über "Flächenfraß"

"Will man regionale, nachhaltige und familiengeführte Landwirtschaft erhalten, muss diese ideologische Politik beendet werden", forderte der HBV-Vize. Für den es hohe Zeit ist, das "kranke System der Agrarpolitik in Europa grundlegend zu überdenken." Andernfalls würden kaum noch junge Betriebsnachfolger einen Beruf ergreifen, "in dem für die getane Arbeit und produzierte Ware so wenig erlöst wird, dass ohne Transferleistungen weder die Familie zu ernähren ist noch die Sozialversicherungsbeiträge aufzubringen sind."

Dass die Bauern mit dem Wunsch nach Dialog bei der CDU offene Türen einrenne, betonte Landtagsabgeordneter Michael Ruhl. Nur: In Sachen "Düngeverordnung/Nitratbelastung" sei das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Zu lange habe Deutschland zu wenig gemacht, reagierte es jetzt nicht auf die EU-Forderungen, würde eine Strafe von 800 000 Euro fällig - pro Tag. Dies gelte es zu vermeiden, dabei aber zugleich den Höfen ein "ordentliches Wirtschaften zu ermöglichen."

Volker Lein (HBV): Verfehlte Wolfspolitik

Für die zu hohe Nitratbelastung des Grundwassers gebe es reale Gründe, meinte Schmahl; und meinte damit vor allem die Massentierhaltung. Darunter aber dürften Kleinbetriebe nicht leiden: Zwar gelte es auch hier, beim Nitrat auf die Bremse zu treten, doch unter Ausgleich von Verdiensteinbußen. "Landwirtschaft ist zu effizient für die Natur geworden", konstatierte Schmahl, die für unsere Region Biolandwirtschaft als "guten Weg" erachtet. Die Klagen der Bauern über Flächenfraß teilten auch die Grünen. Der neue Regionalplan sehe fürs Gießener Land sieben "riesige Gewerbegebiete" vor, das werde ihre Partei nicht mittragen. Auch deshalb verwahrte sie sich gegen eine Pauschalkritik an "der Politik".

Thema beim Streitgespräch war "natürlich" auch der Wolf, nachdem es im Vogelsberg bereits einige Risse gegeben hat. "War ein Wolf einmal in einer Herde, ist die nicht mehr steuerbar", unterstrich Lein, für den die gewährten 100 Euro Beihilfe je Hektar daher ein Witz sind. Verständnis zeigte da vor allem CDU-Mann Ruhl: "Ich frage mich schon, welchen Mehrwert der Wolf bei uns hat."

Quelle: Gießener Allgemeine

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