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Er will der Kirche ein menschliches Antlitz zu geben, sagt Pfarrer Markus Stabel. "Das gelingt nur, wenn man sich auch menschlich gibt."

"Ich habe mich in eine Frau verliebt"

Wie ein katholischer Pfarrer in Pohlheim, Linden und Langgöns für die Liebe und gegen das Zölibat kämpft

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Markus Stabel trägt gerne kunterbunte Hawaii-Hemden, an Heiligabend läuft er auch mal mit blinkenden Schuhen durch die Kirche. Stabel ist der neue katholische Pfarrer der Gemeinden in Linden, Pohlheim und Langgöns. Erst vor wenigen Jahren entschloss er sich, 40 Kilo abzunehmen und sich bunt zu kleiden. In den Kreis Gießen kommt er nach einer Auszeit. Der Grund: "Ich war verliebt."

Pfarrer sind auch nur Menschen. Wobei: Das Wörtchen nur ist überflüssig. Pfarrer sind Menschen. Markus Stabel, der seit wenigen Wochen die katholischen Gemeinden in Pohlheim, Linden und Langgöns leitet, war einst Weinbauer in Rheinhessen. Wenn er nicht gerade während eines Gottesdiensts vor dem Altar steht, kleidet er sich in bunte Hawaii-Hemden, zu Weihnachten läuft er auch mal in blinkenden Turnschuhen durch die Kirche. Die Wetterau, seine vorherige Station als Pfarrer, hat er verlassen, nachdem er sich in eine Frau verliebt hatte. Markus Stabel ist ein katholischer Pfarrer. Und er steht mitten im Leben.

"Es geht darum, dass wir als Kirche ganz normal sind"

Der Wasserkocher pfeift, Stabel macht Kaffee. Der 56-Jährige setzt sich an den Tisch im Esszimmer des Pfarramts in Watzenborn-Steinberg. Sein Hemd im Paisley-Muster gleicht einem Gemälde: Orangefarbene Zacken funkeln neben kunterbunten Schnecken und violetten Tropfen. Es sei eine seiner Kernaufgaben als Priester, der Kirche ein menschliches Antlitz zu geben, sagt er. "Das gelingt nur, wenn man sich auch menschlich gibt."

Seit September leitet Stabel die Gemeinden in Pohlheim, Linden und Langgöns. Er komme "immer mehr" im Kreis Gießen an, sagt er. "Das Multikulturelle hier finde ich gut." Auf die Frage, was er den Gemeindemitgliedern vermitteln will, sagt er: "Es geht darum, dass wir als Kirche ganz normal sind und nicht abgehoben." Keiner dürfe ausgegrenzt werden. Die zentrale Botschaft laute: "Wir können als Christen von Gott angenommen werden, wie wir sind. Wir brauchen keine Vorleistung zu bringen."

"Ich wollte nicht allein sein"

In den Kreis Gießen kommt Stabel nach einer Auszeit. Wochenlang hatte er sich ins Kloster Münsterschwarzach zurückgezogen. Er holt eine Leiter, klettert auf einen Schrank und kramt Gemälde hervor, die er im Kloster mit Wachsmalstiften angefertigt hat. Ein Herz und verzweigte Pfade sind zu sehen. Auf einem Blatt Papier hat er die Wellen des Lebens festgehalten. Ein gemalter Embryo steht für die Geburt, ein Sarg für den Tod. Auch fliegende Schmetterlinge sind abgebildet. "Das sind die zerplatzten Träume", sagt Stabel.

Vor wenigen Monaten in der Wetterau hat er mit dem Gedanken gespielt, den Pfarrerberuf aufzugeben. Aus Liebe zu einer Frau. Er schüttelt den Kopf, hebt die Schultern. "Ich wollte nicht allein sein." Sie habe ihn nur ausgenutzt, erzählt er. Dennoch sei er dankbar. "Sie hat mich wach geküsst. Eine kluge, schöne Frau." Danach habe er entschieden, sich bunt zu kleiden. Er nahm außerdem mehr als 40 Kilogramm ab.

"Das, was am Widersprüchlichsten ist, das muss man tun"

Das Bistum habe danach gut reagiert, legte ihm einen Abschied aus der Wetterau und einen Neuanfang nah. Stabel nahm sich die Auszeit im Kloster. Und hier, in Pohlheim, Linden und Langgöns werde vermutlich nun seine letzte Station als Pfarrer sein, sagt er. Zuvor war er im Kreis Soest, in Drolshagen, in Siegen und in der Holledau in Bayern.

Vor 32 Jahren noch lief Stabel indes nicht etwa durch Kirchen an Holzbänken entlang, sondern er schritt auf einem eigenen Weinberg an Rebstöcken vorbei. Stabel ist gelernter Winzer, auch seine Eltern waren Weinbauern. Aufgewachsen ist er in einer kleinen Gemeinde bei Mainz, in Stadecken-Elsheim. Stabel erzählt von einer Beerdigung, die er in seinem Heimatort als Jugendlicher erlebte. "Ein junger Kaplan hat die Bestattung durchgeführt." Ein Besucher der Beerdigung, ein Feuerwehrmann, habe über den Kaplan geraunt: "Dass sich noch jemand für einen solchen Scheißdreck interessiert." Dieser Satz habe Stabels Interesse für den Pfarrerberuf geweckt. Ihn reize die Kontroverse, die Diskussion. Er sagt: "Das, was am Widersprüchlichsten ist, das muss man tun."

Stabel: Nur wer Bischof werden will, sollte zölibatär leben

1987, im Januar, fiel die Entscheidung, das alte Leben hinter sich zu lassen. Den Entschluss behielt er zunächst für sich. Denn sein Ausstieg aus dem Winzerberuf bedetete auch das Ende des Familienbetriebs. Während Stabel erzählt, hält er für einen Moment inne. Plötzlich fließen Tränen. "Es war schwer", sagt er mit stockender Stimme. "Dieser Betrieb war das Lebenswerk meiner Eltern." Später hätten sie seine Entscheidung aber akzeptiert. Im Oktober 1987 fuhr er noch die Ernte ein, im Februar 1988 zog er nach Ostwestfalen, um das Abitur nachzuholen.

Stabel gießt Kaffee in zwei Tassen ein. Die Kirche müsse sich mehr öffnen, sagt er. Auch beim Zölibat. "Die Pfarrer der aramäischen, der syrisch-orthodoxen Kirchen hier sind auch verheiratet." Nur wer Bischof werden will, sollte zölibatär leben, findet Stabel.

Draußen wird es dunkel. Die Adventszeit rückt näher. Ob Stabel an Weihnachten seine blinkenden Schuhe für den Gottesdienst hervorkramt? "Ich muss mal gugge", sagt er. In der Wetterau habe die fromme Haushälterin die Schuhe weggesperrt. "Aber ich hatte heimlich einen Schlüssel", sagt Stabel lachend. Wegen seiner bunten, ausgefallenen Kleidung wurde er auch schon mal als Papagei bezeichnet. Der Pfarrer sagt. "Das sehe ich als Kompliment." (Foto: srs)

Quelle: Gießener Allgemeine

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