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Stadtkirche in Hungen bleibt geschlossen

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Von: Christina Jung

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Quer durch das Kirchenschiff bis unter die Decke zieht sich das Gerüst im Hungener Gotteshaus. Ganz oben haben Experten den Stuck unter die Lupe genommen. © Tina Jung

Kaum hat die Sanierung des Turms begonnen, tritt in der evangelischen Stadtkirche Hungen die Notwendigkeit einer weiteren größeren Baumaßnahme zutage: Von der Decke fallen Stuckteile herab.

Ein Sonntagmorgen Anfang September. Zwei Taufen stehen in der evangelischen Stadtkirche an. Außerdem soll die neue Vikarin der Gemeinde vorgestellt werden. Ein besonderer Gottesdienst, die Bänke sind gut besetzt. Es ist vier Minuten vor halb zehn. Die Glocken läuten. Pfarrer Marcus Kleinert tritt gerade aus der Sakristei, als ein lauter Schlag ertönt. Sein erster Gedanke: Auf der Empore ist jemand umgekippt. Doch die Menschen zeigen zur Decke über der Kanzel. Dort hat sich ein großes Stück Stuck gelöst und ist in die Tiefe gestürzt.

»Ich war perplex«, erinnert sich Kleinert an den 4. September dieses Jahres. Der Gottesdienst wurde in Rücksprache mit den Gemeindemitgliedern zwar noch gefeiert. Aber es war wohl für lange Zeit der letzte im Hungener Gotteshaus. Weil nicht auszuschließen ist, dass auch an anderen Stellen Stuck aus der Decke bricht, ordnete die Kirchenverwaltung der EKHN (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau) die Schließung an.

Für wie lange - das ist unklar. Mindestens aber bis Frühjahr 2024, weil für kommendes Jahr die finanziellen Mittel der Landeskirche für Sanierungsprojekte bereits vergeben sind, so Kleinert.

Der Kirchenvorstand hatte überlegt, ein Sicherungsnetz einbauen zu lassen, um das Kirchenschiff weiter nutzen zu können. Verschiedene Möglichkeiten wurden durchgespielt. Die große Lösung - in diesem Fall stünden die Orgel und alle 400 Plätze zur Verfügung - würde allerdings mit rund 30 000 Euro zu Buche schlagen, welche die Gemeinde mindestens hätte vorfinanzieren müssen.

Doch der Vorstand hat sich vergangene Woche dagegen entschieden. Weil die Genehmigung einer Deckensanierung seitens der EKHN mit Blick auf ein sehr gutes Provisorium möglicherweise in noch weitere Ferne rücken würde. Weil die »normalen« Gottesdienste aus Energie-Gründen derzeit ohnehin im Gemeindehaus gefeiert werden und die Kirche nur für die großen Feste gebraucht würde. Weil Pfarrer Martin Sahm angeboten hat, dass die evangelischen Christen die katholische Kirche nutzen können, wenn sie frei ist.

Von der Kirchenbank aus blickt man derweil auf ein riesiges Gerüst, das von der einen Seite des Kirchenschiffes zur anderen sowie nach oben bis unter die Decke reicht. Es wurde im September gestellt, damit Architektin, Restaurator sowie der regionale Baubeauftragte der EKHN den Schaden inspizieren konnten. Stuck-Proben wurden genommen und untersucht, ein Gutachten erstellt. Das Ergebnis: Das Schadensbild beschränkt sich nicht nur auf den Bereich über der Kanzel, es betrifft auch weitere Teile der Decke.

Wie es jetzt weiter geht? Das erste Gutachten sei Grundlage für die weitere Sanierungsplanung, sagt Kleinert. Nun müssten Architektin und Restaurator eine Kostenschätzung für die gesamte Baumaßnahme vorlegen, um spätestens im August bei der EKHN einen entsprechenden Förderantrag stellen zu können. Denn im September tagt der synodale Bauausschuss, der über die Mittelvergabe der Landeskirche im Folgejahr entscheidet. Im Fall eines positiven Bescheides hofft Kleinert, dass es zeitgleich mit der Deckensanierung zu einer Innenrenovierung der Kirche kommt.

Allerdings muss zunächst eine laufende Baumaßnahme weitestgehend abgeschlossen sein - die Sanierung des Turms, dessen mitunter marodes Dachtragwerk ersetzt wird, wie bereits 2015 im Kirchenschiff geschehen. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde das Augenmerk auch auf den historischen Putz des Kirchturms gelegt, der laut Kleinert aufgrund seines Alters »sehr besonders«, aber mitunter nur noch lückenhaft vorhanden ist. Er stammt vermutlich aus der Bauzeit der Kirche, die 1286 erstmals erwähnt wurde.

Mindestens 750 000 Euro werden die Arbeiten an Dach und Putz kosten. Ein Antrag auf Bundesförderung bei Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) wurde abgelehnt. Die Kirchengemeinde will ihr Glück im kommenden Jahr erneut versuchen und setzt darüber hinaus auch bei der Finanzierung dieses Projektes auf die EKHN.

Mindestens 20 Prozent der Kosten werden die Hungener aber selbst tragen müssen, ebenso wie im Fall der Deckensanierung, weshalb der Pfarrer auf die Spendenbereitschaft der Bevölkerung hofft.

Die wird auf ihre Kirche allerdings erstmal verzichten müssen, auch wenn das Gerüst dort wohl in Kürze abgebaut wird. Der Pfarrer nimmt die Situation gelassen. »Gott begegnen - das geht potenziell überall«, sagt er und lädt für den Heiligen Abend zum Gottesdienst in die Hungener Markthallen ein.

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