Beirat der Schlossgruppe: Müller, Wurz (hinten), Wildhack und Fellner von Feldegg (vorne)
+
Beirat der Schlossgruppe: Müller, Wurz (hinten), Wildhack und Fellner von Feldegg (vorne)

Wohntraum

Das Mehrgenerationen-Schloss

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Gut 40 Menschen leben im Hungener Schloss. Vor vier Jahrzehnten fing alles an. Doch der wahr gewordene Wohntraum hat auch seine Tücken. Ein Besuch.

Sie waren jung, begeistert und voller Tatendrang. "3000 Mark auf der Bank und den Rest machen wir selbst" lautete das geflügelte Wort, als sich 1974 ein Trupp junger Leute aufmachte, das Hungener Schloss zu sanieren. Der vorherige Eigentümer Graf Oppersdorf hatte ihnen den völlig heruntergekommenen Kasten geschenkt. Heute ist das herausgeputzte Schloss das Wahrzeichen von Hungen und die jungen Enthusiasten von einst sind darin alt geworden. "Selber machen" – das schaffen viele von ihnen nicht mehr. Der Erhalt des Schlosses stellt für die Eigentümer deshalb eine ganz besondere Herausforderung dar.

Rein rechtlich betrachtet sind die Schlossbewohner eine Eigentümergemeinschaft, so, wie sie es in vielen Mehrfamilienhäusern gibt. De facto gestaltet sich das Zusammensein in der Schlossgruppe etwas anders. Erstens: Es gibt keinen Hausverwalter, den Job erledigen die Bewohner selbst. Zweitens: Jeder muss, je nach Größe der Wohnung, ein bestimmtes Pflichtstundendeputat ableisten, Laub kehren, Beete harken, die Energiekostenabrechnung machen, was eben so anfällt. Frondienste seien in Schlössern ja üblich, sagt Sabine Fellner von Feldegg ein bisschen spöttisch. Sie sitzt im Beirat, der von den Eigentümern jährlich neu gewählt wird und die dreiköpfige Verwaltung unterstützt.

Die besteht zur Zeit aus drei Männern: Bauleiter Jens Müller, Finanzverwalter Klaus Dieter Wildhack und Geschäftsführer Alexander Wurz.

Mit Müller und Wurz haben Vertreter der neuen Generation Verantwortung übernommen. Die gibt es im Schloss nämlich auch. Drei Familien mit Kindern, vom Säugling bis zum Grundschüler, sind in den vergangenen Jahren eingezogen. Aber die Jungen sind in der Minderheit. "Die Altersgruppe 50 bis 70 ist die größte", sagt Sabine Fellner von Feldegg. Insofern unterscheidet sich die Schlossgruppe nicht von der Gesamtgesellschaft. "Wir sind ganz normale Leute"

Dass sich etwas mehr als 40 Bewohner auf 23 Wohneinheiten verteilen, in etlichen Wohnungen also nur eine Person lebt, ist ebenfalls ein Spiegelbild bundesrepublikanischer Wirklichkeit. Und schließlich räumen die Vertreter der Gruppe mit dem Vorurteil auf, dass im Schloss nur Reiche lebten. "Wir sind ganz normale Leute mit ganz normalen Berufen", sagen sie. Einige hätten finanziellen Spielraum, andere müssten rechnen. Die Umlagen, die den Bewohnern jährlich zum Erhalt des Gemeinschaftseigentums abgefordert werden, seien immer ein heikles Thema, weiß Geschäftsführer Wurz.

Doch die Schlossgruppe wird darüber reden müssen. Finanzverwalter Wildhack hat ausgerechnet, dass in den vergangenen vier Jahrzehnten rund sechs Millionen Euro in die Sanierung des Schlosses geflossen sind. Die vielen Jahre und das viele Geld haben nicht gereicht, um wenigstens einmal "rund" zu kommen. Eine Fassade ist nach wie vor nicht verputzt. Und die Eigentümer müssen "dran" bleiben, um die Substanz des Kulturdenkmals auf Dauer zu erhalten. Viel Unterstützung von außen bekommen sie nicht. Von den anfänglichen Zuschussgebern Land, Kreis und Stadt sei nur die Kommune übrig geblieben. 3500 Euro gab sie im vergangenen Jahr. "Wir rechnen das der klammen Stadt hoch an", sagt Sabine Fellner von Feldegg. Aber in Anbetracht der Aufgaben sei die Summe ein Tropfen auf dem heißen Stein. Investitionsbedarf von 800 000 Euro

Klaus Dieter Wildhack hat für die kommenden 40 Jahre einen Investitionsbedarf von knapp 800 000 Euro errechnet. Das macht rein rechnerisch 20 000 Euro im Jahr. Doch Bauleiter Müller würde sich wünschen, manche Brocken auf einen Schlag erledigen zu können, weil es letztlich günstiger wäre. "Man müsste mal...": Diesen Satzanfang führt er häufig im Munde. Zum Beispiel die Fachwerkbalken mit Leinölfarbe streichen, die Latexfarbe, die vor 40 Jahren empfohlen wurde, bekommt Risse und droht, das Holz zu schädigen.

Oder die Renaissance-Giebel aus Sandstein sanieren, damit sie nicht brüchig werden. Kostenpunkt: 60 000 Euro.

In den vergangenen Jahren hat die Schlossgruppe versucht, neue Einnahmequellen zu erschließen. Der Blaue Saal zum Beispiel wird für Trauungen oder kleinere Tagungen vermietet. Der Freundeskreis Schloss Hungen versucht seit jeher, durch Einnahmen aus Kulturveranstaltungen, den Erhalt des Schlosses zu unterstützen. Aber große Summen kommen auf diesen Wegen nicht zusammen. Die Frage nach der Finanzierung der notwendigen Bauarbeiten wird die Schlossbewohner auch in den kommenden Jahren weiter begleiten. Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund

Und doch wollen sie ihr ungewöhnliches Zuhause nicht missen. "Mich würde man hier nur unter Androhung von Waffengewalt rauskriegen", sagt Sabine Fellner von Feldegg kategorisch, und wer in ihrem Wohnzimmer mit den 4,50 hohen Decken und dem riesigen Kamin sitzt, versteht, warum.

Doch das Ambiente ist es nicht allein. Die Schlossgruppe lebt vom Gemeinschaftsgedanken. Draußen gibt es kein Privateigentum, der Garten gehört allen und wird auch gemeinsam gepflegt. Absprache gehört dazu. Park, Pferdestall und Blauer Saal stehen Besuchern offen. Das ist nicht jedermanns Ding. Einige Bewohner sind im Laufe der letzten 40 Jahre auch wieder gegangen. Doch die, die sich fürs Wohnen im offenen Denkmal entschieden haben, können sich nichts anderes mehr vorstellen, als diese Mischung aus Zusammenhalt und individuellen Freiräumen. Das gilt auch für die Jüngeren. Müller und Wurz zum Beispiel, die beide beruflich viel unterwegs sind, reden vom Schloss als ihrem "Anker" oder ihrer "Oase". Wenn’s nicht so schön wäre, sagen sie, würde man ja auch nicht soviel Energie und Herzblut investieren.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare