Gibt es noch kulturelle Identität?

"Kulturelle Identität – das ist wie bei einem Eintopf: Man nimmt einfach, was einem schmeckt." Diese Worte eines Besuchers beschrieben das Thema des Abends besser als alles andere. Und er fuhr fort: "Es gibt auch Leute, die sagen, ›bei mir kommen nur deutsche Gewürze in den Eintopf‹, aber das muss mir ja nicht schmecken."

"Kulturelle Identität – das ist wie bei einem Eintopf: Man nimmt einfach, was einem schmeckt." Diese Worte eines Besuchers beschrieben das Thema des Abends besser als alles andere. Und er fuhr fort: "Es gibt auch Leute, die sagen, ›bei mir kommen nur deutsche Gewürze in den Eintopf‹, aber das muss mir ja nicht schmecken."

Am Mittwochabend wurde die Diskussionsreihe "Fünf Megatrends unserer Zeit" von Noch-SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel in der Gesamtschule Hungen abgeschlossen. Für die fünfte Runde der Reihe hatte er sich das vielleicht schwierigste Thema aufgehoben: "Kulturelle Identität und Zusammenhalt". Als Gäste nahmen Hannah Dübgen, Dramaturgin und Schriftstellerin, sowie Thomas Bockelmann, Schauspieler, Regisseur und Intendant des Kasseler Staatstheaters, teil. Als Moderatoren führten die beiden Schüler Jan-Niklas Marx und Paul Rickert durch die Diskussion.

Vielfältig und ansprechend

Kaum ein anderes Thema ist in den vergangenen Jahren so hitzig diskutiert worden wie die kulturelle Identität und die kulturelle Vielfalt. "Gibt es die kulturelle Identität heute überhaupt noch?", fragte Henrik Marx – einer der Besucher in der Gesamtschule Hungen. "Unterscheidet sich durch das Internet und die sozialen Netzwerke meine kulturelle Identität überhaupt noch so stark von der eines jungen Amerikaners?" Eine berechtigte Frage, auf die es keine klare Antwort gab.

"Kultur muss vielfältig sein und sich verändern, um ansprechend zu sein", meinte Hannah Dübgen. "Kultur entsteht mit jeder Generation neu und verändert sich." Dem stimmte auch Bockelmann zu: "Wir spielen im Theater Cervantes aus Spanien, Shakespeare aus England, Thomas Bernhard aus Österreich, Strindberg aus Schweden und Ibsen aus Norwegen, dazu Dostojewski aus Russland sowie Goethe und Schiller aus Deutschland." Dazu kommen Sänger aus Südkorea, Schauspieler mit afrikanischen, arabischen oder südamerikanischen Wurzeln. Das Theater wäre ohne diese kulturelle Vielfalt um einiges ärmer. "Das Eigene will genauso gelernt sein wie das Fremde", formulierte es schon Friedrich Hölderlin 1801. "Europäisch und auch weltweit gibt es viele gute Komponisten – das wäre doch schade, wenn wir die nicht mehr aufführen dürften", sagte Bockelmann.

Doch kann kulturelle Identität auch zu Problemen führen: Etwa wenn sich unbeachtet zwei Kulturen entwickeln, etwa durch strukturelle Probleme – zum Beispiel eine immer weiter aufklaffende Schere zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten. Erste Auswirkungen bemerke man bereits beim Wahlverhalten, zum Beispiel bei der Bundestagswahl 2017 in der Hauptstadt Berlin: Hier wurde in Vierteln, in denen Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen oder Akademiker lebten, eher in Richtung SPD, Grüne und Linke gewählt. In Vierteln mit bildungsferner Bevölkerung dagegen deutlich rechts der Mitte.

"In Deutschland wird die Institution der Bildung immer ausschlaggebender dafür, welche Chancen man hat", meinte Dübgen. Die Folge davon: Menschen mit niedrigerer Bildung fühlen sich benachteiligt und werden unzufrieden. Zwar könnte die Kultur als verbindendes Element fungieren, doch gibt es gerade hier eine höhere Hemmschwelle, am Angebot teilzunehmen: "Die Hemmschwelle für die kulturelle Bildung – beispielsweise durch Theaterbesuche – ist viel stärker sozial als geschmacklicher Natur", sagte die Schriftstellerin.

Die Veranstaltung in der Hungener Gesamtschule beendete die Veranstaltungsreihe "Fünf Megatrends". Für den Ideengeber und Initiator Schäfer-Gümbel aber nur auf Zeit: "Das ist heute das Ende dieser – ich sage es jetzt mal so – ersten Staffel in dieser Veranstaltungsreihe."

Quelle: Gießener Allgemeine

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