"Zeit für Familie erst, als die Sonne untergegangen war"

Grünberg (sc). "Sozialgeschichte des Eisenerzbergbaus in Hessen" haben Schüler der 11. Klasse der Theo-Koch-Schule Grünberg ein besonderes Projekt benannt. Es widmet sich insbesondere dem Abbau des Erzes in der heimischen Region, ist mithin ein Beitrag zur Bewahrung eines wichtigen Aspektes jüngerer Sozialgeschichte: Im 20. Jahrhundert, bis in die 60-er Jahre, schließlich wurde im Raum Grünberg, Mücke, Rabenau vor allem Brauneisenstein gefördert. Die Idee für diese Arbeit kam vom Verein "kunst_turm_mücke", der sich (auch) die Dokumentation regionaler Bergbau-Geschichte zur Aufgabe gemacht hat. Kein Wunder: Der "Kunst-Turm" war dereinst ein Erzverlade-Turm.

Grünberg (sc). "Sozialgeschichte des Eisenerzbergbaus in Hessen" haben Schüler der 11. Klasse der Theo-Koch-Schule Grünberg ein besonderes Projekt benannt. Es widmet sich insbesondere dem Abbau des Erzes in der heimischen Region, ist mithin ein Beitrag zur Bewahrung eines wichtigen Aspektes jüngerer Sozialgeschichte: Im 20. Jahrhundert, bis in die 60-er Jahre, schließlich wurde im Raum Grünberg, Mücke, Rabenau vor allem Brauneisenstein gefördert. Die Idee für diese Arbeit kam vom Verein "kunst_turm_mücke", der sich (auch) die Dokumentation regionaler Bergbau-Geschichte zur Aufgabe gemacht hat. Kein Wunder: Der "Kunst-Turm" war dereinst ein Erzverlade-Turm.

"Die Generation, für die es ist, soll eingebunden werden", betont Michael Fliegl. Der Vorsitzende des Vereins "kunst_turm" freut sich über das Interesse der Jugendlichen, das mit der Beschäftigung mit dem Thema noch deutlich gewachsen sei. In Zusammenarbeit mit den Lehrern Bernd Bremer und Chris Sima entstand so ein Baustein der Auseinandersetzung mit diesem Stück Sozialgeschichte. Bremer wie Sima sehen das Thema als "ausbaufähig" an, wollen es als Politik-, Wirtschafts- oder Geschichtsprojekt fortführen.

Mit viel Eifer waren die zehn Schüler bei der Sache, als es darum ging, Informationen über die Eisenerzbergbaustätten zu sammeln. Hilfreich war da Fachliteratur, aber auch das Archiv des "kunst_turm_mücke" stand den jungen Geschichtsforschern zur Verfügung.

"Bergbau-Flair" geschnuppert

Einem informativen Vortrag des Heimatkundlers Werner Wissner (Nieder-Ohmen) schlossen sich Führungen an. So konnten die Schüler an der ehemaligen Grube "Hedwig" in Windhain nach Spuren Ausschau halten, schnupperten beim Gang durch eine einstige Grube "Bergbau-Flair". Wissner stellte auch Exponate aus seinem privaten Fundus zur Verfügung - Grubenlampen, Mineralien, Eisensteine, die Aluminium-Urform Bauxit.

Höhepunkt ihrer Recherchen, so betonten die Jugendlichen, war die Möglichkeit, Zeitzeugen zu befragen. Dafür stellten sich einstige Grubenarbeiter der "Gewerkschaft Luise" zur Verfügung. Willi Weber aus Merlau, Ernst Sames und Paul Roy aus Atzenhain, sowie die Zeitzeugen Karl Krautwurst (Freienseen), Karl Schmidt (Weickartshain) und Helmut Felsing (Lardenbach) standen Rede und Antwort.

Die Schüler Sebastian Bott, Juri Eva, Edgar Grauberger, Bastian Krieger, Patrick Kevin Merita, Tobias Enrico Öhm, Philipp Schnecko, Daniel Schönhals, Sebastian Steinmann und Martin Wavrouschek fragten nach Erinnerungen, besonderen Erlebnissen, dem damaligen Verdienst und vielem anderen mehr. Im Ergebnis entstand eine Ausstellung mit einer Fülle von Video-, Foto-, Ton- und Textdokumenten.

"Die Schüler haben mit beispielhaftem Engagement ganze Arbeit geleistet", freute sich Fliegl in Anbetracht der umfangreichen Ausstellung. Und kündigte an, dass der so entstandene informative Bilderbogen der heimischen Industrieepoche der Öffentlichkeit vorgestellt werde.

Ausstellung ab 23. August

Im Rahmen der Ausstellung "Gegenüberstellung" des "kunst _turm_ mücke e.V". Eröffnung ist am 23. August um 14 Uhr im Turm, Heegstraße 40, gegenüber Hallenbad Mücke, im Rahmen des Sommerfestes (die Dauerausstellung ist sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr bzw. nach telefon. Vereinbarung geöffnet). Gezeigt werden zahlreiche historische Aufnahmen in der Gegenüberstellung gestern-heute. Denn: "Vom Bergbau wissen nur noch die Leute, die dies in ihrer Jugend erlebt haben.

Viele Generationen wissen gar nichts mehr davon", erklärt Fliegl. Auf den Bildern werde deutlich, wie sich Natur innerhalb von einem halben Jahrhundert verändern kann.

Im Gespräch mit den Zeitzeugen konnten die Jugendlichen viel über die damaligen Lebens- bedingungen erfahren. Die Arbeit im Erzbergwerk zu Beginn des 20. Jahrhunderts war für die arme Landbevölkerung mit ihren wenig ertragreichen Bauernhöfen willkommenes Einkommen.

"Wenn man im Monat 400 D-Mark verdient hat, war das schon sehr viel"

Ein schwer verdientes Zusatzeinkommen allerdings, denn der Erzabbau fand in den Anfangsjahren in mühevoller Handarbeit mit Hacke und Schaufel statt, erst später gab es Bagger und Raupen, wie sich Willi Weber aus Merlau den Jugendlichen berichtete. Dabei wurde die Arbeit nach Leistung, doch nur gering entlohnt. "Wir bekamen einen bestimmten Betrag für jede Kiste, die wir voll geschaufelt hatten", erinnerte sich der 85-jährige Weber. "Wenn man im Monat 400 D-Mark verdient hat, war das schon sehr viel."

Von einem langen Arbeitstag wusste auch der 77-jährige Ernst Sames (Atzenhain) zu berichten: "Im Winter gab es drei Schichten, wir gingen täglich rund neun Stunden zur Arbeit. Im Sommer hatte man nur zwei Schichten, da wir nicht genug Wasser für die Erzwäsche hatten." Doch nach dem Feierabend im Bergbau war der Arbeitstag für die Männer noch längst nicht vorbei: "Gegen 15 Uhr kam ich dann nach Hause und kümmerte mich um die Landwirtschaft", erzählte Weber den Jugendlichen. "Zeit für Freizeit und Familie hatte man erst spät am Abend, wenn die Sonne schon untergegangen war."

Zeitzeuge Helmut Felsing aus Lardenbach erzählte vom Abbau in der Grube "Maximus": "Das war alles Handarbeit". Und war, wiewohl zumeist Tagebau, keineswegs nicht ungefährlich: "Die Löcher waren 14 bis 15 Meter tief. An den Grubenwänden waren Trichterrutschen, wo das Erz runtergehackt wurde. Es gab Teams von je zwei Leuten, der obere hat gehackt, der untere schaufelte das überrieselnde Erz in die Wagen." Er kann sich noch gut erinnern, wie sich bei einem Erdrutsch ein Arbeiter viele Knochenbrüche zugezogen hatte.

Ende der 60-er Jahre Vorkommen verbraucht

Ende der 1960-er Jahre waren die hiesigen Vorkommen schließlich verbraucht, kein mit Erz beladener Güterwaggon machte sich mehr auf den Weg - die Gruben wurden nach und nach stillgelegt. Mit seinem Kündigungsschreiben dokumentierte Sames den Schülern das Ende seiner Arbeit bei der "Gewerkschaft Louise": Wegen Stillegung kündigten die Brauneisenstein-Bergwerke ihm zum 30. November 1967.

Quelle: Gießener Allgemeine

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