Zwei Personen werden gefilmt, eine von ihnen spinnt am Rad.
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„Dolles Dorf“-Dreh in Beltershain: Reinhold und Gerda Körbächer beim Spinnen.

»Dolles Dorf«

Wie es früher war, wie es heute ist - in Beltershain

Der Grünberger Stadtteil Beltershain hat sich dem Team der »Hessenschau« als wahrlich »Dolles Dorf« präsentiert. Dass aber auch dieser Ort seine »Problemstellen« hat, auch das wurde deutlich.

Am Donnerstag, kurz vor der »Tagesschau«, musste Jens Ufer sämtliche Pläne für den nächsten Tag über Bord werfen. Der Ortsvorsteher von Beltershain hatte gerade dem Nachbarn beim Heumachen geholfen, als seine Frau ihm vom Anruf der »Hessenschau« berichtete: Der Grünberger »Vorort« war soeben als »Dolles Dorf« gezogen worden. »Mach dich net so kaputt, das Fernseh’ kommt«, mahnte derNachbar - Ufer war entlassen.

Statt Heu- war fortan Planmachen angesagt. Über Mundpropaganda und WhatsApp-Gruppen hatten sich bereits rund 70 der 550 Beltershainer Seelen an der Kirche eingefunden. Und schon wurden erste Ideen für den folgenden Drehtag gesammelt: »Was ist typisch für das Dorf, was macht es aus, was gibt es nur hier?«

Antworten waren rasch gefunden und etwas später mit dem HR-Team um Redakteurin Nora Enns besprochen.

Frische Bilder und Kunden von »Gottweißwo«

Erster Drehtermin am Freitag: 9 Uhr, »Pflanzenhof Grünberg«. Sabine Sommerlad, nach eigenen Worten »lebendes Inventar« der Gärtnerei, sorgt mit dem Gießen der Stauden für frische Bilder. Wie sie Enns berichtet, hat Corona dem 13-Mann- und Frau-Betrieb nicht geschadet. Im Gegenteil: »Viele Leute haben ihren Garten neu entdeckt. Ich hoffe nur, dass sie ihn auch weiter gut pflegen.«

Als Familienbetrieb spüre man schon die Konkurrenz der Bau- und Lebensmittelmärkte, zumindest was Saisonartikel angeht. Um zu bestehen, brauche es da gute Ideen und Beratung, ein breitgefächertes Sortiment. Nicht zu vergessen: »Die Kunden müssen merken, dass wir das gerne machen.« Woher die kämen? »Von Gott weiß wo!«, antwortet das lebende Inventar. Will heißen: »Ich weiß es nicht, so viele Orte sind es.«

Kaltblütige Statisten

Schöne Bilder mit Tieren gibt es hinterm Haus von Clemens Trinks. Eine Schar schnatternder Gänse und blökender Schafe, dazu zwei wiehernde Kaltblüter verlieren am Ende doch noch ihre Scheu vor der Kamera - eine Handvoll Leckerli hat geholfen. Was freilich in Ordnung ist, denkt man an die schmierigen Methoden eines Privatsenders im Ahrtal.

Mit 92 ist Gerda Körbächer die Älteste im Dorf. Und dürfte die einzige sein, die noch spinnen kann. Bis in die 50er, erzählt sie, gehörte das zum Alltag der Frauen. Ehemann Reinhold bringt kurz darauf bei laufender Kamera das Rad in Schwung - und Gerda erinnert sich an die 50er.

Der Frau von der »Hessenschau« versichert sie auf Nachfrage, ja, sie stamme von hier und sei auch hier geboren. »Doas woar froier halt so!«, ruft Reinhold den Gästen zu. Nicht nur Bastian, mit zwei Monaten Jüngster im Dorf, hat’s gehört. Auch der Seniorentreff: Einmal im Monat kommt der zusammen. »Dann sieht man sich wenigstens mal«, sagt der 87-jährige Körbächer.

Oft laufe er durchs Dorf, treffe aber keinen, mit dem er reden könne. Die Jungen seien an der Arbeit in der Stadt, und die vielen »Zugezogenen« kenne er nicht. Gut, dass es den Seniorentreff gibt. Ob das Karl-Heinz Kormann unterschreiben würde: »Danach sind wir immer zwei Tage krank!«

Von den geänderten, gar nicht mehr so intakten Strukturen auf den Dörfern zeugt auch dies: In Beltershain gibt es zwar noch eine Kneipe, doch wirtschaftlich lohnt es eigentlich nicht, wie Wirtin Karin Henkel bestätigt. »Ich bin allein, und so habe ich wenigsten etwas Abwechslung - und auch meine Gäste.« Nur noch dreimal die Woche sperrt sie auf, für jeweils zwei Stunden nur. Ein Fass anzuhängen ergibt da keinen Sinn. »Es gebbt nur Flaschebier«, sagt einer der wenigen Stammgäste.

Der kommt nicht nur aus Eigeninteresse: »Inn, woas gebt’s Naues«, lautet die obligatorische Frage der Ehefrau, wenn er heimkehrt.

Im Hof des Gasthauses Henkel herrscht derweil emsige Betriebsamkeit. Feuerwehr und alle Vereine des Dorfes stellen sich vor, berichten, was in ihren Reihen so geboten wird. Dazu zählt auch der Karnevalsverein. Für den freilich steht der große Auftritt noch bevor, wenn am DGH die Garde über die Bühne wirbelt.

»Pfarrer dringend gesucht«

Aus dem 15. Jahrhundert stammend, handelt es sich beim Beltershainer Gotteshaus um ein Kulturdenkmal. Kirchenvorstand Peter Helwig weiß viel von seiner Geschichte zu erzählen. Wichtiger dürfte ihm freilich die aktuellen Nöte der Gemeinde sein: Seit März ist die Pfarrstelle vakant, und bislang blieb die Ausschreibung ohne Erfolg. Vielleicht ändert sich das ja nach seinem Appell an all die stellenlosen Geistlichen vor den Empfangsgeräten, heute Abend in der »Hessenschau«.

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