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Ehefrau heimtückisch ermordet: Prozess um Bluttat in Grünberg startet – Offene Fragen

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In dieser Straße geschah die Bluttat. (Archivbild) © Red

Vor einem Jahr hat ein Mann aus Grünberg seine Ehefrau erschossen. Dafür muss er sich nun vor dem Landgericht Gießen verantworten.

Gießen – Die Handschellen klackern, als der 65-jährige Angeklagte in den Gerichtssaal geführt wird. Der eher kleine, grauhaarige Mann blickt starr geradeaus, keine Gefühlsregung ist in seinem Gesicht zu sehen. Das ändert sich beinahe den gesamten ersten Prozesstag nicht. Selbst dann nicht, als Staatsanwalt Friedemann Vorländer beginnt, die Anklage gegen den Mann zu verlesen.

Am 29. Dezember 2021 zwischen 21.00 und 21.55 Uhr soll der 65-Jährige seine 48-jährige Ehefrau kaltherzig und heimtückisch im gemeinsamen Haus erschossen haben. Der Tatort liegt in dem Grünberger Stadtteil Harbach (Kreis Gießen), in einem beschaulichen, kleinen Wohngebiet am Ortsrand. Bei der Tatwaffe handelte es sich nach der Anklageschrift um eine aus tschechoslowakischer Herstellung stammende Klein-Maschinenpistole des Modells Skorpion.

So was hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Ich dachte im ersten Moment, das wäre ein schlechter Scherz.

Ein Polizist über die Tatnacht und das Geständnis des Angeklagten

Mit dieser Waffe, die in der früheren Sowjetunion von Sicherheitskräften und dem Militär verwendet wurde und dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegt, schoss er seiner Frau von hinten in den Kopf. Nachdem die 48-Jährige zu Boden gestürzt war, feuerte er noch mehrere Schüsse auf die liegende Frau ab. Eine Obduktion ergab mehrere Schussverletzungen bei der 48-Jährigen, die tödliche war ein Kopfschuss.

Neben dem Mord wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten auch einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor, da er keine Genehmigung hatte, solche Waffen zu besitzen.

Prozess am Landgericht Gießen: Der Angeklagte räumte die Tat noch in derselben Nacht ein

Die Tat räumte der Angeklagte noch in derselben Nacht ein. Sein Rechtsanwalt Artak Gaspar, der ihn auch vor Gericht verteidigt, verständigte am 30. Dezember 2021 gegen 0.55 Uhr die Polizei und erklärte gegenüber den verdutzten Polizisten, sein Mandant hätte seine Ehefrau erschossen und wolle sich stellen. »So was hatte ich bis dahin noch nie erlebt«, gab der Polizeibeamte, der den Anruf damals entgegennahm, am Freitag als Zeuge vor der 5. Strafkammer am Landgericht an. »Ich dachte im ersten Moment, das wäre ein schlechter Scherz.« Doch es war kein Scherz, wie sich schnell herausstellte.

Kurz nach dem Anruf traf ein Großaufgebot der Polizei am Tatort ein, und bei dem Angeklagten klickten die Handschellen. Er ließ sich nach Beratung durch seinen Rechtsanwalt widerstandslos festnehmen. Im Haus fanden die Beamten den Leichnam der Frau - bekleidet nur in einem Morgenmantel lag sie auf dem Boden der Waschküche.

Die Polizeibeamten, die den 65-Jährigen nach Gießen brachten, berichten vor Gericht von seinem ungewöhnlichen Verhalten: »Er war offensichtlich betrunken«, berichtet einer der Polizisten. »Auf der ganzen Fahrt hat er erzählt und wirkte dabei eher belustigt und gut gelaunt.« Das Verhalten setzte sich auf der Polizeistation fort. Als er dort in eine Zelle gebracht wurde, formte er mit seinen Fingern eine Pistole und machte eine Schussbewegung. »Er wirkte uns gegenüber eher belustigt, heiter und überheblich«, sagte der Beamte.

Prozess am Landgericht Gießen: Mögliches Motiv für die Tat wirft derzeit noch Fragen auf

Was derzeit noch Fragen aufwirft, ist das mögliche Motiv für die Tat. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ein Scheitern der Beziehung des Paares die Bluttat ausgelöst hat: »Die Ehefrau hatte seit Ende Juli 2021 versucht, sich dem herrischen und gewalttätigen Verhalten ihres Mannes zu entziehen«, zitierte Staatsanwalt Vorländer aus der Anklageschrift.

Zu diesem Zeitpunkt zog der 65-Jährige aus dem gemeinsamen Haus aus. Aufgrund der Gewalttätigkeit ihres Mannes erwirkte die Ehefrau später auch gerichtliche und polizeiliche Maßnahmen gegen ihn. Zudem habe sie sich auch für eine neue Beziehung offen gezeigt. »Der Angeklagte sprach seiner Ehefrau das Recht auf Leben ab«, sagte Vorländer.

Da sich der Angeklagte, ein ehemaliger Bauunternehmer, bislang nicht zu den Vorwürfen äußern möchte, ist das Gericht für die Hintergründe der Tat auf Zeugen angewiesen. Einen ersten Einblick verschaffte dazu ein Nachbar des Paares: »Wir kannten uns, seitdem der Angeklagte und seine Frau dort ihr Haus gebaut haben«, sagte dieser als Zeuge. Der Kontakt in der Nachbarschaft sei immer gut gewesen. Die Trennung des Paares im Sommer 2021 bekam er eher nebenbei mit. Überraschend kam dann das Auftauchen des 65-Jährigen am Heiligen Abend: »Ich traf ihn, als er am 24. Dezember zu seinem Haus in Harbach fuhr. Er sagte mir, dass er und seine Frau sprechen müssten.« Über die Weihnachtstage habe er den 65-Jährigen dann mehrfach in dem Haus gesehen. Von einem Streit oder ähnlichem hätte er aber nichts bemerkt.

Während des Berichts von den Ereignissen vor der Tatnacht zeigten sich dann doch Emotionen bei dem Angeklagten: Er fing an zu schluchzen und wischte sich Tränen aus den Augen.

Der Prozess wird fortgesetzt. (red)

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