Lesestoff

Ausrangierte Telefonzelle mehr als nur ein Blickfang

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In Fernwald steht eine alte englische Telefonzelle. Sie ist allerdings nicht an Netz angeschlossen, sondern dient einem ganz anderen Zweck.

Montagvormittag, kurz vor zehn. Ein gutes Dutzend Autos steht auf dem Parkplatz vor der Fernwaldhalle. Ein paar Passanten laufen an der Landesstraße entlang in Richtung Rewe. Ich befinde mich in der alten englischen Telefonzelle, die dort neben dem Aufgang zur Gemeindeverwaltung steht.

Seit einem dreiviertel Jahr gibt es hier Lesestoff für lau. Aber außer mir interessiert sich gerade niemand dafür.

Es ist eng. Sehr eng. 80 auf 80 Zentimeter misst die Grundfläche des roten historischen Kastens, an zwei Seiten wurden im Innern Regale eingebaut. Größere Bewegungen sind da nicht drin.

Das ist eine gute Einrichtung. Wer Bücher übrig hat, muss sie nicht wegwerfen

Winfried Schäfer

Mein Blick fällt auf ein Buch, das ich vor 15 Jahren gelesen habe: Helen Fieldings "Schokolade zum Frühstück". Übergewichtige Ü-30erin will abnehmen, mit dem Rauchen aufhören und einen Mann finden. Witziger Frauenroman im Tagebuch-Stil, spricht mich – mittlerweile verheiratet, zweifache Mama, 44 und ohne Leidenschaft für Glimmstengel – aber nicht mehr an. Ich suche nach einem historischen Roman.

Was nicht interessiert, kommt weg

An Literatur fehlt es nicht. Die beiden Regale sind bis zur Decke mit Büchern vollgestopft, geschätzt zwischen 300 und 400 Stück. Wer derzeit ausrangierte Lektüre loswerden möchte, hat schlechte Karten. Aufnahmestopp sozusagen.

Aber nur direkt vor Ort, nicht bei Gerd Espanion, der die Bücherzelle gemeinsam mit seinen Kollegen von der SPD betreut. "Wer etwas abgeben will, kann das bei mir tun", so der Steinbacher.

Und davon wird offenbar reichlich Gebrauch gemacht. "Mit dem Vorrat könnte ich mittlerweile eine kleine Bücherei aufmachen", sagt Espanion, der pro Woche mindestens einen Anruf von Menschen bekommt, die daheim ausgemistet haben.

Viel Zustimmung

Im Dezember 2016 hatte die SPD die Idee einer Bücherzelle aufs politische Tablett gebracht und fraktionsübergreifend Zustimmung geerntet. Im Juli wurde das Vorhaben in die Tat umgesetzt. Seitdem gibt es im kleinen Fernwald, was man eigentlich eher aus Großstädten kennt.

"Ich finde, das ist eine gute Einrichtung", sagt Winfried Schäfer (75), den ich eine Stunde später an gleicher Stelle treffe. Der Albacher wartet auf seine Patentochter, die etwas auf der Verwaltung erledigt, wirft einen Blick in die ausrangierte Telefonzelle und wird auf Anhieb fündig.

"Wenn jemand Bücher übrig hat, muss er sie nicht wegwerfen", sagt Schäfer. Meinungen dieser Art kennt Gerd Espanion, der das Angebot als "absolutes Erfolgsmodell" bezeichnet. "Wir bekommen ausschließlich positive Rückmeldungen."

Deshalb denken die Genossen darüber nach, eine weitere Bücherzelle in Albach oder Annerod zu etablieren.

"Jeder hat doch Bücher zu Hause, die er nicht mehr liest. Hier finden sie noch Verwendung", findet Chiara Jankowski (11), die gerade mit ihrer Mutter Julia (34) aus dem Rathaus kommt.

Einzig die Lage halten die beiden für nicht optimal. "Etwas zentraler wäre besser, vielleicht an der Grundschule", meinen sie.

Einer von mehreren Standorten, den auch die Initiatoren im Fokus hatten. Doch der Platz vor dem Rathaus bot laut Espanion die besten Voraussetzungen: Direkt an einer Spazier- und Einkaufsroute gelegen, mit ausreichend vorhandenen Parkplätzen und Beleuchtungsmöglichkeit. Außerdem, so Espanion, soll das Areal mit Tisch und Bänken aufgewertet werden.

Frau, Familie, Liebe und Yoga

Ich habe meine Suche nach einem historischen Roman aufgegeben. Ob Gablé, Follett oder Gabaldon – zeitgenössische Werke bekannter Autoren suche ich vergebens. Romane aus den Genres Frau, Familie oder Liebe finden sich dagegen in Mengen.

Auch wer Sachbücher sucht, kann fündig werden. Yoga-Tipps etwa, Wolfgang Schäubles Analyse über die Zeit nach der Wiedervereinigung ("Und der Zukunft zugewandt") oder die Deutsche Geschichte 1945 bis 1975 gibt es in der Bücherzelle.

Leckere Bratenküche

Neuerscheinungen dagegen sind Mangelware, die jüngsten Titel haben mindestens zehn Jahre in anderen Regalen gestanden. Die leckere Bratenküche von 1982 steuert sogar stark auf die 40 zu.

Kommt so etwas wirklich an? Wenn nicht, wird es aussortiert, sagt Espanion. Alle zwei Wochen prüft er das Inventar. Bücher, die zu lange stehen, kommen weg.

Ebenso Fachzeitschriften, alte Computerliteratur oder zu viele Kochbücher. Denn das Angebot soll ansprechend sein, und der Platz ist begrenzt. Auf dem Müll landet dennoch nichts, ein Verschenkemarkt ist für Frühsommer geplant.

Und ich? Vielleicht ist Petra Gersters "Reifeprüfung" etwas Passendes. Wenn nicht, wandert das Sachbuch für die Frau ab 50 demnächst einfach wieder zurück – kostet ja nichts.

Aus London

Woher und wohin?

Einst stand die historische Telefonzelle in der Londoner Innenstadt. In den letzten Jahren diente sie in einem Garten in Heusenstamm als Umkleidekabine für die Nutzer des dortigen Swimmingpools. Als sie zum Verkauf stand, schlugen die Fernwalder Genossen zu und verpassten dem guten Stück eine Frischekur (Reinigung, Anstrich), bevor sie Regale einbauten. Der größte Teil der Kosten von rund 2400 Euro wurden durch Spenden finanziert. Wer Bücher abgeben möchte kann dies bei Gerd Espanion, Schubertstraße 16, Steinbach, tun. Telefon: 01 72/6 82 81 02. (ti)

Quelle: Gießener Allgemeine

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