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Tödlicher Unfall am Gambacher Kreuz: Ein Unfall, der nur Opfer kennt

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Von: Constantin Hoppe

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Bei dem schweren Unfall auf der A45, zwischen dem Gambacher Kreuz und der Talbrücke Langgöns, verlieren am 6. Februar 2018 drei Menschen ihr Leben. (Archivfoto)
Bei dem schweren Unfall auf der A45, zwischen dem Gambacher Kreuz und der Talbrücke Langgöns, verlieren am 6. Februar 2018 drei Menschen ihr Leben. ARCHIVBILD: SHA © sha

Am Nachmittag des 6. Februar 2018 hatte sich auf der A 45 ein schrecklicher Unfall zugetragen, bei dem drei Menschen starben. Fast fünf Jahre später musste sich die Unfallverursacherin vor Gericht verantworten.

Kreis Gießen – Es ist ein kleiner Fahrfehler, »ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, der vermutlich den meisten Autofahrern schon einmal passiert ist.« So beschreibt es der Vorsitzende Richter Heiko Kriewald. Doch im Februar 2018 zog dieser Fehler tragische Folgen für viele Menschen nach sich: Eine heute 62 Jahre alte Autofahrerin schätzte damals den Abstand zu einem Lkw auf der Autobahn 45 falsch ein und verursachte einen Unfall, der drei Menschen das Leben kostete. Am Mittwoch musste sie sich nun wegen fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr vor dem Gießener Amtsgericht verantworten.

Es war ein Ereignis, das nur Opfer zur Folge hatte und für das laut Anklageschrift nur einer der beteiligten Fahrer verantwortlich war. Die 62 Jahre alte Heuchelheimerin trägt die alleinige Schuld an dem Unfall, das wurde durch den gestrigen Urteilsspruch bestätigt. Eine Strafe erhielt die Frau dennoch nicht.

Tödlicher Unfall am Gambacher Kreuz: „Dann kam plötzlich eine allmächtige schwarze Wand auf mich zu“

Es ist der 6. Februar 2018 gegen 15.30 Uhr. Die Heuchelheimerin befindet sich auf dem Heimweg von ihrer Arbeitsstelle in Bad Nauheim. Mit in ihrem schwarzen Citroen C3 sitzen drei ihrer Arbeitskollegen im Alter von 55, 48 und 41 Jahren. Alle Fahrzeuginsassen arbeiten gemeinsam als Sporttherapeuten in Bad Nauheim.

»Es war eine Fahrt wie immer. Wir hatten morgens in Linden eine Fahrgemeinschaft gebildet und sind gemeinsam nach Bad Nauheim gefahren«, erinnert sich die Angeklagte. In dieser Woche sei sie als Fahrerin dran gewesen. Am Gambacher Kreuz wechselt sie die Autobahn von der A5 auf die A45: »Ich habe die Fahrspur gewechselt, dann spürte ich von hinten einen Stoß. Mein Auto drehte sich. Dann kam plötzlich eine allmächtige schwarze Wand auf mich zu«, berichtete sie gestern vor Gericht. Danach fehlen ihr die Erinnerungen. Als nächstes kann sie sich noch daran erinnern, dass sie an der Leitplanke der A 45 stand: »Ich habe erst später realisiert, dass ich einen Unfall hatte.«

Tödlicher Unfall am Gambacher Kreuz: Unfallverursacherin eineinhalb Jahre krankgeschrieben

An was sie sich nicht mehr erinnern kann: Beim Fahrspurwechsel touchiert ihr Auto einen Lkw. Der Citroen gerät ins Schleudern und trifft einen VW Touran, der auf der linken Spur unterwegs ist. Der Citroen überschlägt sich und bleibt schließlich auf dem Dach stehen. Durch den Unfall werden die drei Beifahrer der Unfallverursacherin tödlich verletzt - alle drei sterben kurz nach dem Unfall. Die Heuchelheimerin trägt schwere Verletzungen davon. Die Insassen im Touran werden durch die Kollision leicht verletzt.

Der Unfall wirkt sowohl bei den Familien, die Angehörige verloren haben, als auch bei der Angeklagten bis heute nach. »Ich befand mich mehrere Monate lang in einer emotionalen Starre. Ich konnte meine Gefühle einfach nicht zulassen«, sagte die 62-Jährige gestern vor Gericht. Eineinhalb Jahre lang war sie krankgeschrieben, heute befindet sie sich in Rente und benötigt therapeutische Hilfe.

Tödlicher Unfall am Gambacher Kreuz: Gutachten wegen Mängel abgelehnt

Dass das Urteil erst nach fast fünf Jahren gesprochen werden konnte, hängt mit dem Unfallgutachten zusammen: Das erste Gutachten wurde wegen verschiedener Mängel abgelehnt, so dass ein weiteres Gutachten erstellt werden musste. Das Fazit des Gutachtens ist eindeutig: »Unfallursache ist der Fahrbahn-Wechsel des Citroen.«

Die erheblichen Auswirkungen auf die Angeklagte selbst sind auch der Grund dafür, dass sie keine Strafe erhalten hat. Zwar sprach sie das Gericht schuldig, aber es nutzte Paragraf 60 des Strafgesetzbuches. Durch diesen ist es dem gericht möglich, die Schuld eines Angeklagten festzustellen, ohne eine Strafe zu verhängen. Dafür muss das Gericht jedoch zu der Auffassung gelangen, dass die Folgen der Tat für den Täter so schwerwiegend sind, dass eine Strafe aus Sicht verfehlt wäre. Damit schloss sich das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft an. Verteidiger Wigbert Rudolph hatte zuvor auf Freispruch für die Angeklagte plädiert.

»Es bestehen für mich keine Zweifel daran, dass die Angeklagte die Schuld daran trägt, dass es zu diesem tragischen Unfall kam. Gleichzeitig war es für sie ein einschneidender Schicksalsschlag«, erklärte Richter Kriewald in seiner Urteilsbegründung. Er sagte, er hoffe, dass durch das Urteil ein Abschluss mit den Geschehnissen ermöglicht werde: »Ich wünsche allen Beteiligten, dass sie ihr Leben mit diesem schweren Ballast weiter gestalten können.« (Constantin Hoppe)

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