Peter Sodann
+
Peter Sodann

Peter Sodann: Kein Ruhestand – ich bin nicht fertig mit der Welt

Biebertal (ar). Das Rodheimer Bürgerhaus war am Donnerstagabend kaum zur Hälfte gefüllt. Doch jene, die kamen, waren gespannt, welche unbequeme Wahrheiten Peter Sodann zu Gehör bringen würde. Eine Lesung im klassischen Sinne wurde es nicht, wohl aber ein vielschichtiger Überblick über die Motive, die Peter Sodann zu seinem »Almanach der Missetaten« mit dem Titel »Schlitzohren und Halunken« inspirierten, und einer Vielzahl von Anekdoten aus seinem Leben.

Biebertal (ar). Das Rodheimer Bürgerhaus war am Donnerstagabend kaum zur Hälfte gefüllt. Doch jene, die kamen, waren gespannt, welche unbequeme Wahrheiten Peter Sodann zu Gehör bringen würde. Eine Lesung im klassischen Sinne wurde es nicht, wohl aber ein vielschichtiger Überblick über die Motive, die Peter Sodann zu seinem »Almanach der Missetaten« mit dem Titel »Schlitzohren und Halunken« inspirierten, und einer Vielzahl von Anekdoten aus seinem Leben. Der Schauspieler Peter Sodann wurde durch seine Rolle als Kommissar Bruno Ehrlicher im ersten »Ost-Tatort« 1992 und seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten 2008 mehr oder minder populär. Als Kommissar hätten ihn viele Zuschauer gern noch länger gesehen, und Sodann hatte Spaß an der Rolle, wie er im Gespräch mit den Gästen zum Ausdruck brachte. 2007 fiel die letzte Klappe für den Dresdener Ermittler, nicht aber für Peter Sodann. »Ich mochte das Wort Ruhestand nie. Es klingt, als sei die Welt fertig mit einem, aber ich bin nicht fertig mit der Welt.«

Berührungsängste sind dem Schauspieler wesensfremd. Die Leute wollen mit ihm reden und er mit ihnen - ob über Kultur oder Politik, da werden keine Grenzen gezogen. Um seine Sichtweise zu erklären, nahm er seine eigene Vita ohne Selbstgefälligkeiten zur Hand: Die Geschichte eines Menschen, der hinterfragt und provoziert, wenn andere sich opportun verhalten oder resignieren, wenn Missstände verleugnet werden. »Es gibt immer eine Alternative«, so Sodanns Überzeugung. Man solle sich nie von »Totschlag-Argumenten« täuschen lassen, die da sagen: »Es geht nicht anders.« Immer noch sei es allzu üblich, meinte Peter Sodann, gegen etwas zu sein, als sich für etwas auszusprechen.

Mit Blick auf zwanzig Jahre der Wiedervereinigung erinnerte er sich an die nicht selten plumpen Annäherungsversuche gerade durch westdeutsche Medien. In einer Talkshow das Gedicht von Bertolt Brecht über den armen und den reichen Mann vorzutragen, wurde erwartungsgemäß in der Wendezeit missbilligt. Heute beginnt man zu erahnen, was er tatsächlich im Sinn hatte, als er die Demokratie in Deutschland kritisierte: »Demokratie gibt es erst dann wieder, wenn die Interessen der Mehrheit tatsächlich zur Geltung kommen.

« Damit meint er den gegenwärtigen Zustand und das, was Demokratie eigentlich sein sollte. Nachfolgend zielte auch sein viel zitierter salopper Spruch, er hätte den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, verhaften lassen, wäre er ein echter Kommissar. Spätestens da hätte klar sein müssen, es spricht ein Mensch mit Humor, aber scharfen Blick auf Befindlichkeiten dieser Gesellschaft. Ein Till Eulenspiegel, in der Urfassung kein närrischer Spaßmacher, sondern einer, der seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhält in dem Wissen, dass ihnen nicht gefallen wird, was sie sehen.

Peter Sodanns Kandidatur zum Bundespräsidenten war und ist vielen bis heute unverständlich, weil als Eulenspiegelei zu gewagt? Der Schauspieler wusste, was er riskierte, als er sich darauf einließ, sagt er heute. Er sei nicht mit der Erwartung angetreten, tatsächlich in Amt und Würden zu kommen, aber er hatte immerhin 2 Stimmen aus den anderen Lagern erhalten. Und freute sich »über das grenzüberschreitende Signal«. Obgleich die Häme, ein Wendehals zu sein, Sodann bitter angekommen sein muss, kam sie für ihn nicht unerwartet. Seine Biografie lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass dieser Vorwurf substanzlos ist.

Es war nicht harmlos, gegen die bestehende Ordnung in der DDR zu verstoßen und nicht jeder, der sich später den Titel eines Regimekritikers gab, war tatsächlich einer. Es gelte, aufrichtig mit der Vergangenheit umzugehen, fordert Peter Sodann, das wusste schon Erich Kästner: »Die Erinn’rung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um. Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.« Immerhin brachten Sodann und seinen Kollegen vom Studentenkabarett »Rat der Spötter« mutmaßlich konterrevolutionäre Tätigkeiten am Theater die Verhaftung ein. Sodann wurde nach neun Monaten 1962 aus Bautzen entlassen und das ursprüngliche Urteil von zwei Jahren Haft auf vier Jahre Bewährung »reduziert«.

Von seinem leidenschaftlichen Wunsch, Schauspieler zu werden, hielt ihn das nicht ab. Er fand erneut Aufnahme an der Theaterhochschule in Leipzig. Bei aller Kritik und Satire sei er nicht bloß »gegen etwas«. Bildung und Kultur liegt dem Schauspieler sehr am Herzen. Schon als Junge saß er vorm Küchenofen und versank buchstäblich in Edgar Rice Burroughs Tarzangeschichten und den von Karl May erdachten Abenteuern.

Die Mutter betrachtete das Lesefieber ihres Sohns eher mit Sorge: »Junge, lies nicht so viel. Du wirst noch ganz dumm im Kopf!« Peter Sodann las weiter, entwickelte seine Ideale, vertritt sie unmissverständlich: Zu den ersten Zielen aller, wünscht er sich, sollten der Schutz der Umwelt und die soziale Gerechtigkeit gehören. Bildung ist für ihn die Voraussetzung dafür.

Gegenwärtig hat sich Sodann einer Sisyphus-Arbeit verschrieben und versucht einen riesigen Bestand an Büchern zu retten. Ein nimmermüder Mensch, der sich unter anderem ein Wort des vom sehr verehrten Karl Valentin nicht allein für sich zum Leitwort nimmt: »Wer am Ende ist, kann von vorn anfangen, denn das Ende ist der Anfang von der anderen Seite.«

Kommentare