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Stufenleiter Klaus Neumann (rechts) wurde nach 40 Dienstjahren am Freitag von Schulleiter Klaus-Dieter Gimbel in der Gesamtschule Lumdatal verabschiedet.

Nach 40 Jahren in der Schule wechselt er "an die Uni"

Allendorf/Lumda (mb). "Klaus Neumann ist ein Pädagoge - griechisch: Knabenführer - aus ganzem Herzen. Sein Büro hat einen direkten Zugang zum Schulhof und war für alle Schülerinnen und Schüler immer zugänglich. Meist war er in Pausen in Gesprächen mit Kindern und kümmerte sich um ihre Sorgen und Nöte.

Er sah sich nie als Verwalter oder Administator von ›Schule‹, sondern blieb immer in erster Linie Lehrer. Unterricht und der Umgang mit den Kindern standen für ihn ganz vorne an. Seine Geduld, sein Verständnis, seine Toleranz und sein Langmut sind sprichwörtlich. Er wurde geprägt in den 68-er und 70-er Jahren und ist seinen Idealen nie untreu geworden. Er ist ein Gesamtschulverfechter aus Überzeugung und steht zu den Idealen dieser Schulform. Streitbar in der Sache, versöhnlich im Ton, kooperativ und loyal in der Zusammenarbeit habe ich ihn als Schulleitungsmitglied und auch im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen erlebt." Der Leiter der Gesamtschule Lumdatal (GSL), Klaus-Dieter Gimbel, verabschiedete am Freitag in der Aula den "Rektor eines Schulzweiges mit mehr als 360 Schülerinnen und Schülern" nach 40 (!) Dienstjahren in Allendorf/Lumda. Klaus Neumann, Stufenleiter der siebten bis zehnten Klassen, hatte im Mai das 65. Lebensjahr vollendet.

Im Kreis der Kolleginnen und Kollegen, früherer Lehrkräfte bzw. Wegbegleiter, die als Ehrengäste gekommen waren, der Schulsekretärinnen, Vertretern des Elternbeirates und des Fördervereins sowie in Anwesenheit von Ehefrau Rita Neumann erinnnerte Schulleiter Gimbel an das "denkwürdige und geschichtsträchtige Jahr 1970": Willy Brandt hatte als erster Bundeskanzler die DDR besucht und war in Erfurt von der Bevölkerung bejubelt worden; der "Moskauer Vertrag" wurde paraphiert; die "Beatles" lösten sich auf; Jimi Hendrix starb; Nachrichtensendungen waren in Farbe zu sehen; die EDV-Maus wurde erfunden; bei der Fußball-WM in Mexiko belegte Deutschland den dritten Platz. Gimbel: "Und in Allendorf/Lumda betrat am 1. September ein junger Mann die pädagogische Bühne der Mittelpunktschule, von dem damals noch niemand sagen konnte, dass er diese Bühne nicht nur 40 Jahre nicht verlassen, sondern sie auch nachhaltig formen und prägen würde."

Der Schulleiter beschrieb die Schullandschaft vor vier Jahrzehnten, die sich grundlegend ändern sollte. Die Schulpolitik war zu den Zeiten des Ministerpräsidenten Albert Osswald und des "visionären Kultusministers" Ludwig von Friedeburg in heftiger Bewegung. Schulverbünde und Mittelpunktschulen, aus denen später Gesamtschulen wurden, entstanden, Rahmenrichtlinien sollten altehrwürdige Lehrpläne ersetzen und Ziele statt fachspezifischer Inhalte den Unterricht bestimmen. Gimbels Fazit: "Damals war eine Zeit des pädagogischen Umbruchs, der intensiven Diskussion um Schule, der Innovationen und der Gestaltungsmöglichkeiten - ideal für einen jungen motivierten Pädagogen."

Im Anschluss ging er auf Stationen dieses Pädagogen ein: Klaus Neumann wurde Beauftragter für die Erprobung von Sozialkunde-Lehrbüchern, übernahm die Betreuung und Überwachung der Betriebspraktika, war in der Arbeitsgruppe "PädiBaG" tätig, deren Anliegen die Förderstufe war, wurde zum Realschullehrer ernannt, bestätigte sich im Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), entwickelte eine Konzeption für die Zusammenarbeit der Kirchengemeinden Kirchberg und Allendorf/Lumda, übernahm die Fachleitung für Religion und Deutsch, wurde zum Rektor ernannt und zunächst mit der Leitung des Haupt- und des Gymnasialzweigs und dann auch mit der des Realschulzweigs beauftragt.

Aus einem Würdigungsbericht, der Neumanns Ernennung zum Rektor vorausgegangen war, zitierte Gimbel: Gewissenhaftigkeit, herausragende Leistungsbereitschft, Belastbarkeit, intensive Elternarbeit, Übernahme von Aufgaben mit großer Brisanz und vertrauenvolle Zusammenarbeit mit allen Gruppen und Personen in der GSL.

Der Schulleiter übergab dem Neu-Pensionär, der die GSL "nachhaltig geprägt" habe, bleibende Spuren und Lücken hinterlassen und vermisst werde, die Urkunde zur Versetzung in den Ruhestand und als Geschenk der Schule einen Gutschein für den nächsten Urlaub in St. Wolfgang.

Begonnen hatte Neumanns Verabschiedung musikalisch mit "Präludium C-Dur" aus dem "Wohltemperierten Klavier" und "Jesus bleibet meine Freude" von Johann Sebastian Bach, gespielt von den Musiklehrern Wolfgang Blume und Harald Krähe. Der 65-Jährige und die beiden Referendarinnen Diana Lotter und Hannah Pelludat, die ihre zweite Staatsprüfung abgelegt haben und die GSL verlassen, trugen dann den "Traum von einer menschlichen Schule" vor.

Bis dahin fehlten Schüler. 17 aus der 7a, alle um die 13 Jahre, kamen auf die Bühne und sprachen über ihren Traum von einer menschlichen Schule, in der nicht ausgelacht und geärgert, sondern das Gegenüber geachtet wird, in der sich Schüler gegenseitig helfen, statt unbedingt besser sein zu wollen, in der Lehrer keine Lieblinge bevorzugen, in der fair und gerecht benotet wird, in der Lernwillige gefördert werden, in der Schüler toleranter sind, ihre Meinung sagen, in Ruhe arbeiten können und nicht gestört werden, in der Ruhe und Gelassenheit herrschen, in der Leistung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zählen.

Die 7a mit Klassenlehrer Markus Ewald dankte Neumann für eine schöne Zeit und gut gestalteten Unterricht und bekannte, er sei ihr sehr ans Herz gewachsen. Der Neu-Pensionär ("Schule ist ein Generationenvertrag") war bewegt: "Ich bin richtig traurig, dass ich euch verlassen muss." Kathrin Wollenhaupt aus der 7a wurde mit einem Schmuckkörbchen in die Ferien entlassen, weil ihr Zeugnis das letzte - von schätzungsweise 25 000 Zeugnissen - war, das der Rektor unterschrieben hatte.

Ehe der Lehrerchor mit dem Hit "Jo, so warn’s, die alten Paukersleut" aufwartete, in dem Neumanns Berufs- und Lebensweg skizziert wurde, und die "Lumdataler Schulspatzen" (Petra Karmann, Peter Karmann und Harald Krähe) aufforderten "Klaus, bleib do", wandten sich die Personalratsvorsitzende Brigitte Heilmann und die Schulsekretärin Lydia Golda an Neumann. In ihren Ansprachen gaben sie zu erkennen, wie sehr sie den Stufenleiter in einigen Jahrzehnten als verständnisvollen und zuverlässigen Lehrer, Kollegen und Freund schätzen gelernt hatten. Brigitte Heilmann, Jahrgang 1946, versetzte in das Jahr 1952, in dem Klaus Neumann eingeschult worden war, und fragte: "58 Jahre Schule - wie hält man das nur aus?" Autoritäre Strukturen aufgebrochen und friedensbewegte Lehrer geworden, die Schüler zu selbstbewussten, kritischen und toleranten Demokraten erziehen wollen, charakterisierte sie die 40 Dienstjahre. Lydia Golda dankte für Vertrauen, Wertschätzung, Freundschaft und Verbundenheit. Neumann konnte Geschenke "einsammeln".

Verabschiedet wurden nach Würdigungen auch die beiden Referendarinnen, die bekannten, sich in der GSL sehr wohl gefühlt zu haben und sie sicher zu vermissen, bevor Neumann das Büfett eröffnete - geliefert von Ulrike Ziegler, selbstverständlich eine ehemalige Neumann-Schülerin.

Wie hatte der Lehrerchor gesungen: "Doch der Klaus bleibt froh und heiter und macht an der Uni weiter" - wo er mit Studenten arbeiten und seine Erfahrungen weitergeben wird.

Quelle: Gießener Allgemeine

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