Wohnungsmangel im Rhein-Main-Gebiet

Frankfurt/Darmstadt/Wiesbaden (dpa/lhe). Viele Hauseigentümer in Frankfurt finden regelmäßig Kaufanfragen in ihren Briefkästen. »Alle, die in den begehrten Lagen einigermaßen verkaufsbereit waren, haben verkauft«, beschreibt Michael Debus vom Gutachterausschuss für Immobilienwerte »die Flucht ins Betongold«.

Zugleich steigen die Mieten kräftig – auch in Wiesbaden, Darmstadt und der gesamten Region. »Seit Jahren wird weniger gebaut, als es dem Bedarf entspricht«, sagt der Direktor des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft, Rudolf Ridinger. »Es gibt keine kurzfristigen Lösungen.«

Zwar sinkt die Bevölkerung insgesamt, in Städten wie Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden steigt sie jedoch. Junge Paare und Familien sowie eine wachsende Zahl von Studenten drängen auf den Wohnungsmarkt. Dessen ungeachtet komme es beim demografischen Wandel nicht auf die Zahl der Personen, sondern die der Haushalte an – und die wächst, wie Ridinger betont. In Frankfurt etwa lebe in mehr als jedem zweiten Haushalt ein Single.

Selbst Menschen mit mittlerem Einkommen finden in den begehrten Großstädten nur noch mühsam eine attraktive Bleibe. »In Frankfurt gibt es zu wenig bezahlbare Wohnungen, vor allem für Rentner und Familien«, sagt Thilo Allwardt vom Mieterbund (DMB) in der Wirtschaftsmetropole. Bei Neuvermietung in der Innenstadtlagen würden schnell elf, zwölf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter verlangt. Steigerungen von 15 bis 20 Prozent seien keine Seltenheit.

Zugleich treibe die energetische Modernisierung die Mieten deutlich in die Höhe. So mancher Vermieter kündige dazu – oft zu Unrecht – eine Erhöhung von 50 bis 100 Prozent an.

In Wiesbaden – nach Einschätzung des DMB das »zweitteuerste Pflaster« in Hessen – werden derzeit sieben bis zehn Euro kalt pro Quadratmeter im Wohnungsbestand bezahlt. »Bei Neuvermietungen gibt es einen Aufschlag von zehn bis 20 Prozent«, sagt der Geschäftsführer des DMB in der Landeshauptstadt, Jost Hemming. Neue Wohnungen kosten zehn bis elf Euro.

In der Darmstädter Innenstadt werden für eine Wohnung aus dem Jahr 1980 auch zwischen acht und zehn Euro verlangt, wie die DMB-Geschäftsführerin der Universitätsstadt, Margit Heilmann, sagt. Bei Neuvermietungen seien es dann 11,50 Euro. Heilmann rechnet damit, dass die Mieten noch »ganz dramatisch nach oben gehen«.

Was tun? »Die Situation ist kein Fehler von gestern, sondern von vorgestern und kann nicht morgen korrigiert sein«, sagt Ridinger von der Wohnungswirtschaft. Die Kommunalpolitik hat aber Weichen gestellt. Die große Koalition in Wiesbaden etwa beschloss bereits vor rund einem Jahr die Einrichtung einer »Stabsstelle Bezahlbarer Wohnraum«. Ziel müsse es sein, dass in jedem Neubau mit mehr als 20 Wohnungen mindestens 15 Prozent preisgebunden seien. Die Stadt will nach den Worten ihres OB Helmut Müller (CDU) auch mehr Bauland ausweisen und mit Mietspiegeln die Explosion verhindern.

Das grün-schwarz regierte Darmstadt kann aufgrund von Siedlungsbeschränkungen nur im Kerngebiet wachsen und setzt auf die Nutzung freier Flächen, die früher die US-Streitkräfte nutzten, wie wie eine Sprecherin der zuständigen Dezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) sagt. Eine Kaserne und zwei Siedlungen hatten Platz für rund 5000 Menschen. »Das ist ein kompletter Stadtteil.« Geplant seien auch mehr Sozialwohnungen – mindestens 100 neue pro Jahr.

In Frankfurt punktete Peter Feldmann (SPD) im OB-Wahlkampf mit dem Thema – zur Überraschung der schwarz-grünen Regierungskoalition. Es gibt eine Reihe von Initiativen für mehr Wohnraum, Neubaugebiete und die Umwandlung von Büro- in Wohnraum. Nach Einschätzung des Mieterbunds reicht das aber noch längst nicht aus. Es entstünden vor allem Luxuswohnungen und hochpreisige Neubaugebiete. Auch der OB betont: »Wir müssen mehr tun für die Wohnungssuchenden mit niedrigen oder auch mittleren Einkommen.« Dies sei auch ein Standortfaktor.

Frankfurt wird nach Einschätzung des Direktors des Regionalverbands FrankfurtRheinMain, Ludger Stüve (SPD), mittelfristig aber an seine Wachstumsgrenzen für den Wohnungsbau kommen. In der Region gebe es jedoch genügend Flächen. In mittleren Städten wie Oberursel, Hanau und Aschaffenburg gebe es noch Potenzial. »Von Aschaffenburg ist man in 28 Minuten am Frankfurter Hauptbahnhof.« Viele Kommunen könnten es sich allerdings finanziell nicht mehr leisten, Neubaugebiete zu entwickeln und seien dafür auf Investoren angewiesen.

Den Kommunen fehle das Geld aus der Fehlbelegungsabgabe, die Schwarz-Gelb 2011 abschaffte, kritisiert der DMB. Die Abschaffung hält auch der CDU-Politiker und Wiesbadener OB Müller für einen Fehler.

Der Mieterbund fordert von der Landesregierung schon länger einen »Masterplan für Sozialwohnungen«. Das Land fördere mit dem vom Bund zugewiesenen Geld vor allem den Erwerb von Wohnraum. »Das ist die vollkommen falsche Richtung«, sagt Jost Hemming. Das Land müsse neben dem Geld vom Bund noch eigene Mittel locker machen. Das neue mit 60 Millionen Euro ausgestattete Wohnraumförderungsgesetz speist sich nach Darstellung des Landes aber je zur Hälfte aus Landes- und Bundesmitteln.

Ridinger von der Wohnungswirtschaft rechnet damit, dass die Mieten weiter steigen – aber nicht mehr so stark: Innerhalb der nächsten zwölf Monate werde es wohl kein zweistelliges, sondern nur noch ein einstelliges Plus geben.

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