Ein Wochenende mit dem Trololo-Mann

Gießen (chs). Der Raum in der Wohnung am Gießener Lindenplatz ist vollgestellt mit leeren Flaschen und Tellern. Benutztes Besteck liegt herum, ein Aschenbecher quillt über. Damon und Joel haben einen fast 50-stündigen Videomarathon hinter sich, um damit Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Wer am längsten durchhält, gewinnt.

Der junge Gießener Medizinstudent Kaan Bülte hat sich diesen ebenso skurilen wie karitativen Wettbewerb, der live im Internet übertragen wird, ausgedacht – ein lobenswertes Beispiel, das in der großen Internetgemeinde viele Nachahmer finden könnte. Für die fünf Gießener Teilnehmer in einer Wohnung am Lindenplatz war die Aktion allerdings mit einem ziemlich strapaziösen Wochenende verbunden.

Die fünf jungen Männer haben sich zusammengetan, um ein Wochenende lang ein Musikvideo in Endlosschleife zu gucken – ein russisches Lied von Eduard Chil aus den Siebzigern, das keinen Text hat, nur aus Lalala- und Trololo-Lauten besteht und noch dazu pausenlos wiederholt wird. Wer am längsten durchhält, gewinnt. Unterhaltungselektronik ist nicht erlaubt. Nur Gespräche können ablenken.

Klar, dass das nicht viele aushalten. Einer der Teilnehmer ist bereits nach wenigen Stunden raus. Zwei weitere folgen gut 24 Stunden später.

»Es war klar, dass einer so früh ausscheidet«, sagt Kaan Bülte. Der Medizinstudent ist auf die Idee mit der Spendenaktion gekommen. Er hat es selbst ausprobiert – und ist zu dem Schluss gekommen, dass er besser hinter den Kulissen mitwirkt. Übrig geblieben sind am Ende nur noch Damon und Joel. Die Internetgemeinde kann ihnen dabei zugucken, wie sie den Marathon wegstecken. Wer von ihnen gewinnt, bekommt die Hälfte der Summe, die am Ende zusammengekommen sein wird. Sie setzt sich aus 15 Euro Teilnahmegebühr pro Starter zusammen sowie aus Spenden, die während der live im Internet übertragenen Aktion eintreffen. Die andere Hälfte wandert über den Atlantik nach Guatemala für einen guten Zweck. Ein Freund von Kaan macht dort ein Freiwilliges Soziales Jahr und sammelt Geld für eine Bildungsfahrt mit Kindern.

Die Netzgemeinde kann über Facebook oder über den Live-Kanal, auf dem die Aktion zu sehen ist, den Teilnehmern Aufgaben stellen. Werden sie von den Teilnehmern angenommen, ist eine Spende vom Aufgabensteller fällig. So saß Joel auch schon mal nackt im Raum und Damon musste sich seine Glatze bemalen lassen. »Diese Challenges haben dafür gesorgt, dass immer was auf der Seite los war«, sagt Kaan.

Der Meister der Challenges ist Joel. »Der hat es echt übertrieben«, sagt Damon über seinen Konkurrenten. »Ich habe ziemlich viel Bier getrunken«, rechtfertigt sich Joel. Neben den Spenden bekommen die Teilnehmer für eine angenommene und gewonnene Challenge Zeit gutgeschrieben, die sie für den Toilettengang nutzen können.

Überhaupt sind die Zeitkontingente streng bemessen. Acht Stunden Schlaf pro Tag und 100 Minuten von Freitag bis Sonntag für Toilettengänge haben die Teilnehmer zur Verfügung. Wer länger braucht, fliegt raus. Damit sich trotzdem keiner zu viel zumutet, überwacht Medizinstudent Kaan Blutdruck und Puls am Rechner. Aber: »Den Jungs geht’s gut«, sagt er.

Die Aktion ist ein verblüffender Erfolg. Mehr als 3000 verschiedene Nutzer haben zugeschaut, 400 Euro an Spenden sind zusammengekommen. »Das reicht, um die Bildungsfahrt für die Kinder mitzufinanzieren«, sagt Kaan. Er war auf die Idee gekommen, weil sein Kumpel nach Geldspenden gefragt hatte, Kaan als Student aber nichts geben konnte. Dann sei vor wenigen Wochen Eduard Chil gestorben, der als der »Trololo-Mann« im Internet berühmt wurde. Beides zusammengenommen hat zu der Aktion geführt.

Hat es den Teilnehmern wenigstens ein bisschen Spaß gemacht. »Ja!«, sagt Joel. »So was macht man nicht oft im Leben.« »Ich fand’s supergeil!«, ruft Damon, der aber keine Chance mehr hat, Joel noch einzuholen. Er hat zu viel geschlafen und war zu oft auf dem Klo. Die Zeitkonten der verbliebenen Teilnehmer werden am Schluss miteinander verrechnet. Wer noch mehr Zeit auf seinem Konto gutgeschrieben hat, gewinnt.

Damon würde sich das Video auch noch mal privat angucken. »Ich kann den Typen nicht mehr sehen«, sagt Joel hingegen entnervt über den Sänger, der seine immergleiche Melodie über die Leinwand flötet. Die beiden sind ziemlich am Ende. Das gute Gefühl aber, etwas Gutes getan zu haben, wird bleiben.

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