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»Wir sind damals an den Falschen geraten«

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Friedberg/Butzbach (wz). Vor zehn Jahren begann eines der größten Konkursverfahren in der Bundesrepublik. In der Wetterau sucht es bis heute seinesgleichen. 2004 wurde der Butzbacher Wilhelm Just wegen Betrug, Untreue und Konkursverschleppung zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Friedberg/Butzbach (wz). Vor zehn Jahren begann eines der größten Konkursverfahren in der Bundesrepublik. In der Wetterau sucht es bis heute seinesgleichen. 2004 wurde der Butzbacher Wilhelm Just wegen Betrug, Untreue und Konkursverschleppung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er hatte Zehntausende Anleger geprellt. Es entstand ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe. Seit zehn Jahren warten die Gläubiger auf Gerechtigkeit in Form eines kleinen Teils aus der Konkursmasse. »Es scheint, als ob sich das Insolvenzverfahren dem Ende nähert«, sagt der Friedberger Amtsgerichtsdirektor Oskar Tritt. »Außer einem enormen Arbeitsaufwand wird aber wohl nicht viel herumkommen.« Der zuständige Anwalt Dr. Hans-Jörg Graf vom Insolvenzverwalter, der Kanzlei Bernd Reuss in Friedberg, wird konkreter: »Es wird höchstens zwei Prozent des gezahlten Betrags wieder zurückgezahlt.« Das heißt: Wer eine Beteiligung von 1000 D-Mark erworben hatte, bekommt 20 D-Mark respektive 10 Euro zurück. Ein Unternehmen aus Schleswig-Holstein gibt Reuss eine Mitschuld an der geringen Auszahlungsquote.

»Es handelt sich vielleicht um das aufwendigste Verfahren in der Geschichte des Amtsgerichts«, sagt Tritt. Was war der Auslöser für diesen Mammutprozess? Der Butzbacher Finanzjongleur Just hatte in den 90er Jahren Bürgern sichere Anlagen und Traumrenditen versprochen. Viele Menschen - es gibt 22 000 Gläubiger - trauten ihm und verloren ihr Geld. Just hatte sogenannte stille Beteiligungen an seiner Firma AKJ verkauft und Gewinne von bis zu 14 Prozent in Aussicht gestellt. Als Anfang 1998 die Firmengruppe, deren Gründer und alleiniger Vorstand Just war, Insolvenz anmeldete, war der Traum vom großen Geld für viele Anleger zu Ende. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Gießen hatte der gelernte Schlosser nie ernsthaft versucht, die versprochenen Gewinne zu erwirtschaften. Stattdessen hatten er und seine Vertrauten das Geld in laufende Betriebskosten, fantastische Bauprojekte wie den Glaspalast in Butzbach, teure Werbeaktionen wie Kreuzfahrten oder in die eigene Tasche gesteckt.

Just setzte sich 1997 in die Dominikanische Republik ab und konnte nach seiner Flucht über Kanada in Brasilien festgenommen werden. Er wurde 2004 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nach dem Urteil konnte er den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Da nach Ansicht des Gerichts der Gefängnisaufenthalt von Just in Brasilien bereits mehr als zwei Drittel der Strafe umfasste, wurde der Rest zur Bewährung ausgesetzt. Während Just heute im Harz lebt, warten mehr als 22 000 Gläubiger auf ein Ende des Insolvenzverfahrens. Das Problem: »Es handelt sich um schwer verkäufliche Objekte oder abenteuerlich bebaute Grundstücke in Brasilien«, sagt Tritt. Einen Preis, mit dem die damals entstandenen Kosten gedeckt werden können, werde man bei einem Verkauf niemals erreichen. »Das Ende hängt davon ab, wie die Vermögensgegenstände verwertbar sind«, betont der Amtsgerichtsdirektor. Das Verfahren sei sehr kostenintensiv, verwertbare Güter seien kaum vorhanden. »Das ist leider die traurige Wahrheit.« Hoffnung für die 22 000 Anleger klingt anders. Um die Grundstücke in Brasilien hat sich ein Konflikt zwischen dem Amtsgericht und der Anwaltskanzlei Reuss auf der einen sowie Wulf Weißmann von der Unternehmensberatung Viking Consult auf der anderen Seite entwickelt.

Weißmann vertritt drei AKJ-Gläubiger. Er wirft dem Insolvenzverwalter eine »dubiose Veräußerungstaktik« vor. So seien zwischen 2002 und 2004 Kaufverträge für die Grundstücke unterzeichnet worden, ohne die Kreditwürdigkeit der Interessenten zu prüfen. Zudem habe ein Angebot in Höhe von 8,5 Millionen Euro vorgelegen. Verkauft worden sei das Grundstück jedoch für gut 3 Millionen Euro. »Bis heute gibt es keinen Nachweis, welche Kaufpreisraten wann und auf welchem Konkurshinterlegungskonto eingegangen sind.«

Zudem sollen Reuss und Partner nach Angaben Weißmanns in Brasilien in den letzten Jahren sechs Anwaltskanzleien mit Mandaten versehen haben, ohne deren »Tauglichkeit« vorab zu überprüfen. Auch gebe es keinen Korrespondenzanwalt in Brasilien, der den Prozess von Anfang an hätte begleiten können. »Gibt es Gründe für solch eine Intransparenz oder handelt es sich um Dilettantismus?«, fragt er.

Ein weiterer Vorwurf: Laut Beschluss der Gläubigerversammlung vom 18. März 1998 sollte der Insolvenzverwalter dem Konkursgericht ab 1999 halbjährlich Bericht über den Verlauf des Verfahrens erstatten. Die letzten Berichte des Verwalters stammten vom 30. Juli 2001, 30. Juni 2005 und 30. Januar 2008.

Tritt möchte zu der Kritik eigentlich keine Stellung nehmen, reagiert auf Nachfrage aber doch: »Diese Vorwürfe stammen von einem Mann aus dem Norden. Der hat Eigeninteressen, da er als Makler selbst an den Provisionen für die Grundstücksverkäufe interessiert war«, sagt der Amtsgerichtsdirektor. Er frage sich, warum »der Mann« keinen Schadensersatzprozess führen wolle - und liefert gleich die Antwort mit: »Der hat Angst vor den Kosten.« Es stünden »unsachliche Vorwürfe« im Raum. Unter anderem habe Weißmann eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Rechtspflegerin eingereicht. »Auch wenn es keine wissenschaftliche Definition des Begriffs Querulant gibt - ich glaube, dieser Mann aus dem Norden ist einer«, sagt er und atmet am Telefon tief durch. Anwalt Graf holt aus, um den Vorwürfen Weißmanns zu begegnen. »In Brasilien gibt es noch Rechtsstreitigkeiten aufgrund eines Grundstücks, das 2004 schon mal verkauft worden war, und zwar an einen Mann namens Jose Airton dos Santos«, sagt er.

Dieser hatte einen Kaufvertrag unterschrieben, aber bis heute nicht gezahlt. »Deshalb haben wir einen anderen Käufer gesucht.« Dos Santos versuche nun, seine Ansprüche gerichtlich geltend zu machen. »Solange kann das Konkursverfahren nicht zu einem Ende gebracht werden.« Die Kanzlei habe Weißmann als Makler engagiert, da dieser Kenntnisse in Brasilien und zum Fall Just hatte. »Wir gaben ihm den Auftrag, das Grundstück zu verkaufen.« Gleichzeitig habe man selbst einen Käufer gesucht und gefunden. Dieser zahlte im März 2007 gut 3 Millionen Euro. Auch Weißmann habe einen Käufer aufgetan, der 9 Millionen Euro überweisen wollte. »Wir forderten von diesem Mann, er solle 3,75 Millionen in einer Frist von drei bis vier Wochen anzahlen.« Der Grund: Nach den schlechten Erfahrungen - Graf nennt es »Fiasko« - mit dos Santos wollte der Insolvenzverwalter sichergehen, dass wirklich gezahlt wird. Zur Überweisung der 3,75 Millionen Euro sei es nie gekommen, weshalb das Grundstück an den Interessenten mit dem 3-Millionen-Gebot ging.

Dem Vorwurf, man sei der Berichtspflicht nicht nachgekommen, widerspricht der Rechtsanwalt. »Wir haben das Gericht sehr wohl in regelmäßigen Abständen über den Fortgang des Konkursverfahrens informiert.« Dies sei bei den Gläubigern nicht ohne Weiteres möglich gewesen. »Wir hätten 22 000 Briefe abschicken müssen. Stellen Sie sich nur mal den Arbeitsaufwand und die Kosten vor, die dadurch entstanden wären.« Zudem verweist er auf die Internetseite , auf der der Insolvenzverwalter Berichte für die Gläubiger veröffentliche.

Nun hängt alles an dos Santos. »Wir werden vor Ort von Anwälten vertreten, die sich um den Fall kümmern«, sagt Graf. Man müsse denen vertrauen, da man aufgrund der Sprachbarriere nicht selbst aktiv werden könne. Man merkt Graf an, dass er sich noch immer über das geplatzte Geschäft mit dem Brasilianer ärgert. »Wir sind damals schlicht an den Falschen geraten.«

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