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Quantitative Analysen: Untersuchungen von Mondgesteinsproben 1969 bei Leitz in Wetzlar mit den Wissenschaftlern Heiko Wasmund (rechts) und Jerry Rzeznik (2. von rechts).

Mondlandung

Wie Hightech aus Mittelhessen auf dem Mond zum Einsatz kam

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Nicht nur viele deutsche Ingenieure, sondern auch deutsche Technik hat vor 50 Jahren zum Gelingen der US-Mondmission beigetragen. Zum Beispiel von der Firma Leitz in Wetzlar. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Weltunternehmens erinnert sich.

Großer Stolz drückt sich in einem Telegramm der Wetzlarer Ernst Leitz GmbH vom 21. Juli 1969 aus. Gerade war "Apollo 11" erfolgreich auf dem Mond gelandet, hatte Neil Armstrong die berühmten ersten Schritte und Sprünge auf dem Erdtrabanten absolviert, da meldete das Unternehmen in einem Telegramm: "an unsere freunde astronauten benutzen Fernglas trinovid 10 x 40 in apollo 11 + war schon an Bord von Apollo 8 und 10 + trinovid von nasa offensichtlich ausgewählt weil bei höchster Leistung klein leicht handlich und atmosphärisch unabhängig + sind stolz auf diesen qualitätsbeweis +"

Das Fernglas war es nicht allein, denn auch bei der Untersuchung des Mondgesteins war Leitz entscheidend beteiligt. Doch wie kamen Produkte das Wetzlarer Traditionsunternehmen zum "Apollo"-Programm? "Leitz hatte bei einigen Instrumenten, die zur Raketenherstellung benötigt wurden, eine Alleinstellung in der Welt", berichtet Rolf Beck, der viele Jahre weltweit als Produktmanager für die Firma tätig war und den Trubel um die Mondlandung und ihre Folgen hautnah miterlebt hat.

Rolf Beck mit einem von Karl Kellner (später Leitz, heute Leica) um 1850 in Wetzlar entwickelten Handfernrohr.

Beck war 1955 als Lehrling zum technischen Kaufmann bei Leitz eingetreten und im Jahr 2000 in den Ruhestand gegangen. Danach führte der frühere Gießener Rennruderer noch 16 Jahre ehrenamtlich das Leitz-Archiv, ehe dieses mangels Nachfolger an das hessische Wirtschaftarchiv in Darmstadt überging.

Leitz-Technik für die Mondmission: Entscheidender Beitrag

Neben dem monokularen Fernglas Trinovid kamen aus Wetzlar vor allem optische Teilköpfe zur Anfertigung hochpräziser Raketensteuerungen, Objektive, Kameras und Mikroskope zum Einsatz. "Interessant ist, dass Leitz damals wegen der verlangten Geheimhaltung sehr wenig Aufhebens gemacht hat, um das Ganze werblich zu nutzen", weiß Beck. Es seien schon vor dem Flug eine Menge Geräte notwendig gewesen, um die Mission zum Mond überhaupt erst zu ermöglichen. Denn: "Leitz war weltweit der einzige Hersteller von Mikroskopheiztischen im Bereich von minus 30 bis plus 1750 Grad. Und da boten sich natürlich die Möglichkeiten, die Veränderungen von Strukturen im Mikrobereich von den Materialien zu kontrollieren." Das war wichtig, um zum Beispiel die Auswirkungen von hohen Temperaturen bei der Landung von Raumschiffen einschätzen zu können.

Weiteres Beispiel: ein Dilatometer - ein optisches Messgerät, um Ausdehnungen von Materialien bei Hitzeentwicklung im Mikrobereich feststellen zu können. "Leitz hat also auf dem Instrumentensektor und auch auf dem Kamerasektor interessantes Material für die NASA gehabt. Es kam alles aus einer Hand, man konnte es also miteinander kombinieren, miteinander verheiraten. Das war unser Vorteil. Und natürlich auch die hohe Qualität."

Dabei wurde allerdings nichts Wesentliches an der handelsüblichen Ware geändert, wenn das den Wünschen der NASA entsprach. Ein Fernglas wurde quasi in der Mitte durchgesägt: "Gewichtsersparnis! Man brauchte nur einen Tubus." Das Trinovid hatte beim Mondflug eine wichtige Funktion. Der Erdtrabant war nur mit mehrstufigen Raketen erreichbar. Einzelne Stufen wurden dabei abgetrennt, andererseits gab es aber auch Ab- und Ankopplungen wie die der Raumfähre "Eagle". Um diese schwierigen Manöver sicher auszuführen, waren eine präzise Vorbereitung und ein rechtzeitiges Erkennen der ankommenden oder sich entfernenden Teile nötig.

Leitz-Technik für Weltraumflüge:  Auch am "Sputnik" beteiligt?

Von Ausstellungen in Moskau weiß Beck zu berichten, dass ziemlich zeitgleich zu den Amerikanern die Russen ganz ähnliche Instrumente von Leitz bezogen. Ihr Anwendungszweck wurde nie bekannt. Es liegt aber die Vermutung nahe, dass bei den Weltraummissionen des "Sputniks", der Hündin Laika sowie des Astronauten Juri Gagarin auch ein Stück Leitz mitwirkte.

Leica- und Leicaflex-Kameras kamen zum Einsatz, um den Start der "Saturn"-V-Raketen fotografisch zu dokumentieren, die die "Apollo"-Raumschiffe trugen. Des Weiteren wurden Leitz-Objektive beim "Surveyor"-Programm zur Monderforschung verwendet. Mit dem englischen Wort für Landvermesser (Surveyor) bezeichnete die NASA eine Serie von Raumsonden, die zwischen 1966 und 1968 auf dem Mond landeten.

Das Mondgestein wurde nicht in rohen Brocken, sondern aufbereitet zu Leitz geliefert.

Ein weiterer Punkt war später die Untersuchung der Gesteinsproben, die Armstrong, Aldrin und Co. vom Mond mitgebracht hatten. Es ging darum, festzustellen, ob es dort etwa Vorkommen von seltenen Erzen gibt, erinnert sich Beck. Die Proben kamen über die USA-Vertretung von Leitz nach Wetzlar. Aufgabe dort war es, die Mengen der verschiedenen Bestandteile zu bestimmen. Dabei waren auch viele Wissenschaftler und Leitz-Mitarbeiter aus der hiesigen Region beteiligt. Die Untersuchungen erfolgten mit dem Polarisationsmikroskop Orthoplan-Pol und dem elektronischen Analysegerät Classimat von Leitz. Die mineralischen Analysen nahmen Dr. Karl Medenbach, ein Mineraloge aus Rodheim-Bieber, und sein Assistent Günther Birk aus Wetzlar vor. Für quantitative Analysen waren Diplom-Ingenier Jerry Reznik aus Heuchelheim, die beiden Diplom-Physiker Heiko Wasmund aus Aßlar und Dr. Werner Müller aus Dutenhofen sowie dessen Assistent Helmut Rühl aus Gießen-Wieseck zuständig.

Leitz-Technik für die Mondmission: Mondgestein in Wetzlar

Das Mondgestein wurde nicht in ganzen Brocken zu Untersuchungen nach Wetzlar geliefert. Es war bereits in Kunststoff eingebettet. Danach wurden diese Acrylzylinder in Höhe der Proben aufgesägt und das Mondgestein gespalten. Die somit entstandenen Teilflächen wurden plan geschiffen und zur mikroskopischen Untersuchung der Feinstrukturen poliert.

Die NASA war mit den Forschungsergebnissen aus Wetzlar so zufrieden, dass sie die Geräteeinheit bestellte. Doch was bleibt unterm Strich? "Ich habe gezweifelt. Was bringt es im Grunde genommen?", schildert der ehemalige Leitz-Mitarbeiter seine damaligen Eindrücke. Seine Bilanz heute auf Basis der Ergebnisse von Medenbach und Birk: "Es war nichts Besonderes. Das waren Formationen von Mineralien in den Gesteinen, wie sie auf der Erde auch vorkommen. Insofern brachten die Gesteinsuntersuchungen eine Ernüchterung."

Auch die Firma Leitz musste - was die technologischen Weiterentwicklungen ihrer Erzeugnisse betraf - letztlich eine schlichte Bilanz ziehen: "Es hat für uns entwicklungsmäßig nichts gebracht bei den optischen Geräten", resümiert Beck. "Das hat keine Impulse ausgelöst. Das Instrumentarium war ja praktisch von der Stange. Da musste nichts geändert werden. Und auch hinterher kam keine Anregung, etwas zu modifizieren."

Auf die Frage, was er von den aktuellen Plänen und Ideen für neue Mondmissionen hält, die die europäische Raumfahrtbehörde ESA, US-Präsident Donald Trump, China und Indien derzeit forcieren, sagt Beck nur ein Wort: "Prestige!"

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