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Wachsen und vergehen ohne Einfluss des Menschen: In Hessens Naturwäldern ist Totholz willkommen. FOTO: MARK HARTHUN

Virtuell in die neue Wildnis

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Mehr Naturwald in Hessen: Das klingt nach weißem Schimmel. Ist Wald nicht immer Natur? Ja und nein. Für viele ist er entweder Wirtschaftsfaktor oder Revier für Freizeitgestaltung und Erholung. Dass es auch anders geht, zeigt eine neue Internet-Plattform.

Knorrige Bäume, die wachsen können wie sie wollen. Vermodernde Stämme, die mit weichem Moos überzogen sind. Ein Märchenwald-Ambiente, wie es der bewirtschaftete Wald selten bietet. Und doch ist diese Wildnis inmitten zivilisationsgesteuerter Forstwirtschaft möglich. In Hessen sogar zunehmend. Wo, das kann man jetzt auf einer neuen Internet-Plattform unter www.naturwald-hessen.desehen, die der Naturschutzbundes Hessen (NABU) betreibt.

Dort werden die 23 größten Gebiete mit natürlicher Waldentwicklung in Hessen in einzelnen Steckbriefen vorgestellt. Sie sind Wegweiser in die Gebiete oder eine Möglichkeit zum "virtuellen Waldbaden in Corona-Zeiten", sagt Mark Harthun, Waldexperte beim NABU Hessen. Eine zehnminütige Bilderpräsentation zeigt die Naturschätze in einer Zusammenfassung. Manche der Wälder wurden bereits vor 20 Jahren unter Schutz gestellt, andere wurden erst im vergangenen Jahr ausgewählt.

Das kleinste Gebiet ist der Breite Berg im Biosphärenreservat Rhön, das größte der Nationalpark Kellerwald-Edersee in Nordhessen. Manche Gebiete haben bekannte Namen wie ein Märchenwald im Reinhardswald, ein Auenwald am Kühkopf am Rhein oder der Wispertaunus. Andere, wie die Heiligen Köpfchen, die Naturwälder der Untermainebene oder der Heiligenberg sind noch eher unbekannt. "Die Waldgebiete sind über das ganze Land verteilt und für alle Menschen erlebbar", erklärt der NABU-Experte. Auch in Corona-Zeiten, sofern man sich an die bekannten Beschränkungen wie das Abstandsgebot hält.

Das markante an Naturwäldern ist: Dort werden künftig weder Bäume gepflanzt, noch gefällt. Im Zuge der natürlichen Entwicklung darf alles von selbst wachsen, ungelenkt vom Menschen und solange die Bäume wollen. Statt mit 140 Jahren für die Holznutzung gefällt zu werden, können Buchen dann größer, dicker und bis zu 400 Jahre alt werden. Eichen noch viel älter. "Es werden spektakuläre Wälder entstehen, die nicht nur spannend und erlebnisreich sind, sondern auch vielen bedrohten Arten eine Heimat geben können", meint Harthun. Das Geheimnis von Naturwäldern sei eine sechsmal höhere Zahl an Kleinlebensräumen, als im üblichen bewirtschafteten Forst. Wer genau hinguckt, kann solche Naturwaldstrukturen schon finden. Auch diese werden auf der neuen Internet-Plattform vorgestellt. Spechthöhlen und Astlöcher, Blitzrinnen, Pilzkonsolen, selbst abgestorbene Äste oder Bäume und Wurzelteller bieten Wohnungen für viele Tiere des Waldes. "Wir freuen uns, wenn viele Menschen die Veränderung dieser Wälder in den nächsten Jahren gemeinsam mit uns begleiten", sagt Harthun.

Gesunde Forste gut fürs Klima

Auf der Naturwälder-Plattform stellt der Naturschutzbund auch zwölf weitere Waldgebiete vor, die als künftige Naturwälder geeignet wären, aber bisher noch nicht geschützt sind.

Es sei das Ziel der hessischen Biodiversitätsstrategie, einem Anteil von fünf Prozent der hessischen Wälder wieder eine natürliche Entwicklung zu ermöglichen. Erreicht seien bisher 3,8 Prozent. Zu diesen Gebieten gehören die Taunushöhen, der Krofdorfer Forst bei Gießen und die Hörre im Land-Dill-Bergland. Acht davon sind mit über zehn Quadratkilometern sogar so groß, dass sie international als Wildnisgebiete gelten könnten. "Diese Dimension erreichen bisher nämlich nur vier der Naturwälder in Hessen", erklärt Harthun.

Ein wichtiges Ziel der Naturwaldentwicklung ist es laut Harthun auch, den in Wirtschaftswäldern oft lückigen Baumbestand in den Naturwäldern wieder zu schließen und so die Bäume weniger anfällig für Trockenstress und Windwurf zu machen. "Denn naturnahe Wälder leisten einen unschätzbaren Beitrag als Wasser- und CO2-Speicher und Luftfilter." In Naturwäldern gebe es keine Aufforstung, sondern die Bäume könnten sich in einer Naturverjüngung frei entfalten.

"Diese natürlich nachwachsenden Bäume sind gut an die Bedingungen vor Ort angepasst und müssen nicht wie künstliche Aufforstungen gewässert werden. So wird die Trockenresistenz der heimischen Wälder im Klimawandel gefördert", erklärt NABU-Waldexperte Harthun.

Quelle: Gießener Allgemeine

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