Vier Gießener WGs leben im Stil von vier Epochen

Gießen (kw). Der Teppichboden dunkelbraun, an der Wand eine gelb-orangefarbene Tapete mit stilisierten Blümchen, im Flur zwei Cocktailsessel vor einer Wand voller altmodischer Zeitschriftenseiten. »Es hat was vom Leben im Museum«, sagt Sylvia Wahl über ihre Bleibe im Alten Wetzlarer Weg.

Das Sechziger-Jahre-Ambiente ist Programm, denn die 21-Jährige wohnt im »Epochenhaus«. Vier Wohnungen haben der Eigentümer Günther Rink und seine Lebensgefährtin Astrid El-Hagge für Wohngemeinschaften ausgestattet – wer hindurchgeht, erlebt eine Zeitreise von der Gründerzeit über die 60er und 80er Jahre bis zur Moderne. Den Anstoß gab eine Einbauküche in knalligem Orange.

Ein solches Projekt habe er gar nicht im Sinn gehabt, als er 2011 das damals genau 100 Jahre alte Gebäude kaufte, berichtet der Bauingenieur. Zwei Mietparteien übernahm er, vier Stockwerke standen leer oder die Bewohner zogen gerade aus. Eigentlich wollte Rink diese Wohnungen einfach modernisieren und WG-Zimmer vermieten. Doch da war die Originalküche aus den sechziger Jahren in solider Qualität. »Wir fanden: Die kann man nicht wegwerfen«, sagt Astrid El-Hagge, die als Requisiteurin beim Hessischen Rundfunk arbeitet.

Als gut erhalten erwiesen sich auch die rosa Kacheln im Bad, dann die Küche im Erdgeschoss, Erscheinungsbild Eiche rustikal, im Keller fand sich ein verstaubtes Porträt des einstigen deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ...

So entstand das Konzept des Epochenhauses mit je einer Wohnung im Stil von Gründerzeit, Sechzigern, Achtzigern und Moderne. Nur weniges war vorhanden, vieles musste eigens gesucht und gestaltet werden, erzählt Günther Rink. »Es kam immer mehr dazu. Mit jeder Etage wuchs der Anspruch.« Monatelang widmete Astrid El-Hagge zusammen mit ihrer Kollegin Bettina Schepp ihre Freizeit der Suche nach Möbeln, Bildern und Tapeten im passenden Stil. Fündig wurden sie zum Beispiel auf Flohmärkten, in Gebrauchtwaren-Kaufhäusern, in Zeitungs-Kleinanzeigen und im Internet, aber auch bei Verwandten. Rink stellte eigens einen Maler ein, der beispielsweise den Achtziger-Jahre-Flur mit einem gemauerten Klinker-Rundbogen versah. In den Küchen und Bädern wurden moderne Technik und ein nostalgisches Erscheinungsbild kombiniert. Der Künstler Dirk Haensch gestaltete außen eine Mauer mit einer Zeitleiste von 1900 bis heute.

Im Herbst zogen die ersten Bewohner ein – fast ausnahmslos junge Studierende, die solche Utensilien wie braune Kugelleuchten bestenfalls aus den Wohnungen ihrer Großeltern kennen. In ihren eigenen Zimmern sind Bodenbelag und eine Wand passend zum jeweiligen Jahrzehnt gestaltet, die weitere Einrichtung ist Sache der Mieter. Viele lassen sich anstecken vom Ambiente – so hängen im Sechziger-Jahre-Stockwerk Vorhänge mit grafischen Mustern in Orange.

Sylvia Wahl hat schlichte weiße Möbel gekauft, auch weil sie zum Braun und Orange passen. »Ich fühle mich wohl. Man geht irgendwie in der Zeit zurück«, meint die 21-Jährige. »Ziemlich faszinierend«, findet Leonie Heil (19) ihr Leben im Achtziger-Stil, gerade die altmodische Küche sei »total toll«. Maria Denke ist angetan vom Konzept des Hauses, letztlich hat sich die 24-Jährige allerdings für die Moderne im Dachgeschoss entschieden. »Alles andere wäre mir auf Dauer doch zuviel geworden.«

Im Frühjahr werden mehrere Zimmer im Epochenhaus frei. Interessenten finden Informationen unter .

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