Viele Beileidsbekundungen zu Horst-Eberhard Richter

Gießen (mö). Zum Tod des Gießener Ehrenbürgers, Wissenschaftlers, Buchautors und Friedenskämpfers Prof. Horst-Eberhard Richter gibt es Beileidsbekundungen von Persönlichkeiten und Institutionen aus ganz Deutschland.

Zudem würdigten alle Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens am Dienstagabend das Lebenswerk des neben Ministerpräsident Volker Bouffier wohl bekanntesten Gießeners der Gegenwart. Richter war am Montag im Kreise seiner Familie in Gießen nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Beisetzung findet am morgigen Freitag in Richters Geburtsstadt Berlin statt.

SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel sagte, die deutsche Sozialdemokratie verdanke Richter viel. "Sein Engagement für den Frieden in der Welt und sein Eintreten für gewaltfreie Konfliktlösungen haben uns stets Orientierung gegeben." Der aus Gießen stammende SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hob den verstorbenen Psychoanalytiker als "moralische Instanz unseres Landes" hervor. Mit Richter sei ein großer Humanist und "wichtiger Ratgeber jenseits aller Parteipolitik" gegangen. Für die Gießener SPD erklärte Vorsitzender Gerhard Merz: "Horst-Eberhard Richter war ein unabhängiger, oft unbequemer, aber immer solidarisch-kritischer Mahner und Anreger. Wir verdanken ihm viel, sowohl programmatisch als auch in praktisch-politischer Hinsicht. Seine Präsenz im politischen Leben der Stadt geht weit über die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen und Diskussionen hinaus, er hat das geistige und politische Klima in der Stadt auf ungewöhnliche Weise und in hohem Maße geprägt.

Er wird uns unvergessen bleiben."

Teil der sozialen Bewegungen

Die Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir betonten sein Engagement für den Frieden. "Mit Horst-Eberhard Richter verlieren wir einen außerordentlichen Wissenschaftler und engagierten Kämpfer für eine bessere und friedlichere Welt", erklärten sie am Dienstag in Berlin. Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, nannten Richter einen Menschen, der sich mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden habe. "Er hat nicht haltgemacht bei der Analyse der Gesellschaft und der sozialen Bewegungen, sondern wurde zum maßgeblichen Teil dieser Bewegungen, vor allem der Friedensbewegung in Deutschland." Durch seinen unermüdlichen Einsatz für den Frieden und durch seine psychoanalytischen Forschungen habe sich Richter weltweites Ansehen erworben und werde auch in Hessen unvergessen bleiben, so Kordula Schulz-Asche und Tarek Al-Wazir, Landesvorsitzende der hessischen Grünen..

Für den Fraktionsvorsitzenden der Linken im Hessischen Landtag, Willy van Ooyen, war Richter "ein langjähriger Mitstreiter in der Friedensbewegung". Der Pazifist habe sich in vielfältiger Weise engagiert und sei immer ein wichtiger Orientierungspunkt für fortschrittliche Politik gewesen.

Die geschäftsführende Direktorin des von Richter viele Jahre geleiteten Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, Marianne Leuzinger-Bohleber, hat den Verstorbenen als moralische Instanz gewürdigt. Die deutsche Psychoanalyse verliere eine ihrer ganz besonderen Persönlichkeiten, sagte Leuzinger-Bohleber. Richter sei eine besondere öffentliche Stimme im gesellschaftspolitischen Diskurs gewesen. Die Direktorin verwies auf die von Richter initiierten Anfänge der Familientherapie. Er habe damals in revolutionärer Weise beschrieben, dass ungelöste Konflikte der Elterngeneration auf die Kinder übergingen: "Das ist ein Wissen, das inzwischen so weit verbreitet ist, dass wir gar nicht mehr wissen, woher es kommt. Aber Horst-Eberhard Richter hat dies in einer Studie als Erster herausgefunden und damit die psychoanalytische Familientherapie begründet."

Die von dem Gießener Ehrenbürger mitgegründete Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung" (IPPNW) bezeichnete Richter als großen Humanisten und eine der führenden Persönlichkeiten der Bundesrepublik. Der Pazifist habe sein Wirken als Arzt immer auch politisch verstanden. Seine Überzeugung sei es gewesen, dass Ärzte niemals der Obrigkeit zur Verfügung stehen dürften. In einzigartiger Weise habe Richter die bundesdeutsche IPPNW, deren internationale Dachorganisation 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, mit seinen Gedanken, Analysen, Reden, Aufrufen und Aktivitäten beeinflusst und geführt.

Die Humanistische Union in Marburg würdigte Richter als "Leuchtfeuer der Menschlichkeit", sagte der mittelhessische Vorsitzende Franz-Josef Hanke. Richter war von der Universitätsstadt Marburg und der Humanistische Union Marburg (HU) im Jahr 2010 mit dem "Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte" ausgezeichnet worden.

Einsatz am Gießener Eulenkopf

Ausführliche Nachrufe hatten am Dienstag auch die Stadt Gießen und die Justus-Liebig-Universität veröffentlicht (die GAZ berichtete). Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die mit Richter befreundet war, erinnerte an die Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Jahr 2007. Richter habe sich in seiner Gießener Zeit unter anderem sozialpolitisch für die Verbesserung der Lebenssituation im einstigen Gießener sozialen Brennpunkt Eulenkopf eingesetzt. Die Initiativgruppe, die er dafür gründete, legte den Grundstein für die später bundesweit beachtete Gemeinwesenarbeit. "Mit diesem Wirken hat Horst-Eberhard Richter Maßstäbe gesetzt in unserer Stadt. Maßstäbe, die fortbestehen und an denen wir uns auch weiterhin messen lassen müssen und messen lassen wollen", so die OB. "Das ist sein Erbe, das wir in ehrendem Gedenken an unseren großen Bürger bewahren wollen."

Gießener, die dem Verstorbenen ihre letzte Ehre erweisen wollen, können sich seit Mittwoch in ein Kondolenzbuch eintragen, das in der Stadtbibliothek im Rathaus zwei Wochen lang ausliegt. Als erste trugen sich OB Grabe-Bolz und Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz ein. Es besteht auch die Möglichkeit, sich im Internet (www.giessen.de) einzutragen. Nach dem Tod Richters gibt es mit dem Israeli und früheren Wiesecker Dr. Avraham Bar Menachem, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt wird, nur noch einen lebenden Ehrenbürger.

"Pionier" der Familientherapie

JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee bezeichnete Richter als "Pionier" der psychoanalytischen Familienforschung und -therapie. Richter sei ein herausragender international bekannter und renommierter Psychoanalytiker gewesen. Seine Arbeiten hätten sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass er seine Erfahrungen als Arzt mit der Forschung verband und daraus wegweisende Schlussfolgerungen gezogen habe.

Quelle: Gießener Allgemeine

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