Vatikan-Experte Englisch plauderte aus Nähkästchen

Gießen (sis). Andreas Englisch ist einer der gefragtesten deutschen Vatikan-Experten. Nun kam er mit seiner Vortragsreihe »Schicksalswahl im Vatikan – von Benedikt XVI. zu Franziskus« auch in die Petruskirche nach Gießen, um die Hintergründe für die revolutionäre Amtsniederlegung des letzten Papstes aufzudecken.

Als Benedikt XVI. am Rosenmontag, dem 11. Februar 2013, seinen Rücktritt als Papst bekanntgibt, ist die Menschheit fassungslos. Denn zum ersten Mal seit über 700 Jahren legt ein Nachfolger Petri aus freier Entscheidung sein Amt nieder. Als Grund für diesen epochalen Schritt, mit dem Benedikt XVI. in die Geschichte eingehen wird, führt er schwindende Kräfte an, die eine angemessene Weiterführung des Pontifikats unmöglich machten. »Mein Telefon klingelte an diesem Tag unentwegt, denn ich hatte den Rücktritt des Papstes schon im April 2012 in einem Interview für sehr wahrscheinlich gehalten«, erzählte Englisch im Gemeindesaal der Petruskirche. Nun habe man ihn für hellseherisch gehalten, doch tatsächlich habe er nur geraten. »Joseph Ratzinger wollte nicht Papst werden.« In seinem Protokoll, das nur gekürzt übermittelt worden sei, habe es geheißen: »Als das Fallbeil fiel, habe ich gebetet, dass es einen anderen treffe. Aber Gott hat mir an diesem Tag nicht zugehört.«

Englisch schaffte in seinem lebendigen Vortrag einen hochinteressanten Blick hinter die Kulissen des Kirchenstaates und ließ Geschichte nicht nur lebendig werden, sondern gestaltet sie auch mitreißend wie einen guten Krimi. Kaum jemand hat einen so intimen Blick auf die Vorgänge im Vatikan oder bessere Kontakte als der langjährige Vatikan-Insider und Bestseller-Autor Englisch. Er stand in engem Kontakt zu Papst Johannes Paul II. und gehörte zu den wenigen Journalisten, die Benedikt XVI. auf seinen Reisen begleiten durften.

»1988 habe ich meine Meinung über Wojtyla geändert«, berichtete Englisch. »Er handelte die Generalaudienz 45 Minuten schneller ab als geplant, um anschließend mit einem Fiat Panda und seinen Skiern auf den Knien der schneebedeckten Piste entgegen zu fahren.« Trotz des Attentats, das 1981 auf den damaligen Papst verübt worden war, sei Wojtyla unter allen anderen Menschen Ski gefahren, bis ihn die Polizei gestoppt habe. »Das soll der reaktionäre Mann sein, für den ich ihn immer gehalten habe? Nein, Johannes Paul II. konnte zeigen, dass er nichts hatte außer zwei leeren Händen und seinen Glauben«, zog Englisch sein persönliches Fazit.

Ratzinger versuchte laut Englisch dann einen starken Kontrast zu Wojtyla zu setzen, was nicht leicht gewesen sei. »Die Katholische Kirche ist kein gut funktionierender Apparat, der die Welt verbessert. Jorge Mario Bergoglio hat das erkannt. Erst müssen wir helfen, dann beten, sagt er. Diese Theologie der Befreiung ist neu im Vatikan«, so Englisch.

Ratzinger sei der Papst gewesen, mit dem er sich am häufigsten gestritten habe. Bergoglio hingegen kannte er schon von einer Reise nach Brasilien im Jahr 1992. »Es ist wieder ein Kämpfer Papst geworden.« Franziskus habe keine bewaffnete Leibwache mehr, lasse sich nicht bedienen und wohne weiterhin im Haus der Kardinäle. »Der Papst soll eigentlich nicht wissen, was im Vatikan wirklich passiert. Franziskus aber veranstaltet nun eine Revolution von oben. Das ist etwas ganz Neues in der Geschichte der Katholischen Kirche.« (Foto: sis)

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