Universität entzieht zwei Ärzten den Doktortitel

Gießen (si). In der Affäre um ihren ehemaligen Medizin-Professor Joachim Boldt hat die Justus-Liebig-Universität weitere Konsequenzen gezogen. Betroffen sind ein Arzt und eine Ärztin, die im Jahre 2005 bzw. 2000 am Fachbereich Medizin promoviert worden waren. Ihnen soll der Doktortitel entzogen werden.

Diese Entscheidung fällte jetzt der Promotionsausschuss einstimmig. Die beiden waren von Boldt betreut worden, der bis Anfang 2011 als außerplanmäßiger Professor am Gießener Fachbereich tätig war. In den 90ern hatte er hier seine Karriere gestartet und am Klinikum gearbeitet. Bis Ende 2010 war er Chefanästhesist am Klinikum Ludwigshafen, dann flog er mit gefälschten und ungenehmigten Studien auf. Der Fall sorgte in der Fachwelt international für Aufsehen.

Der jetzt betroffene Mediziner P. nutzte in seiner 2005 eingereichten Dissertation die Daten einer Untersuchung, die höchstwahrscheinlich schon 1993/94 am Universitätsklinikum Gießen durchgeführt wurde, und zwar mutmaßlich illegal. Damals war den durchweg älteren, teils lebensbedrohlich erkrankten Patienten während Operationen Blut entnommen und der Blutplasma-Ersatzstoff HES verabreicht worden – ohne dass sie davon wussten.

Zum Verhängnis wurde P. jetzt nicht diese Studie (mögliche strafrechtliche Vorwürfe wären längst verjährt), sondern ein Verstoß gegen Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens: Der Promotionsausschuss monierte, dass P. in seiner Doktorarbeit andere wissenschaftliche Veröffentlichungen zum gleichen Thema, in denen er selbst als Co-Autor genannt worden war, nicht vollständig dokumentiert und verwertet habe. Deshalb forderte Ausschuss P. nun auf, die Promotionsurkunde zurückzugeben. Eine Universitäts-Kommission war vor eineinhalb Jahren noch zu dem Schluss gekommen, dass dem Mann kein wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen werden könne. Sie hatte es bei einem »Tadel« belassen wollen.

Ihren Titel verlieren soll auch die Ärztin T. Sie stolperte letztlich darüber, dass sie Daten aus einer experimentellen Studie in zwei Veröffentlichungen mit widersprüchlichen Messwerten benutzte: Zunächst 1998 – damals war sie schon Fachärztin und hatte bereits acht Jahre unter der Leitung von Boldt gearbeitet – und dann noch einmal zwei Jahre später in ihrer Doktorarbeit.

Mit den Ungereimtheiten war ebenfalls schon die »Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis« der Justus-Liebig-Universität befasst, nachdem die Hochschule alle von Boldt betreuten Dissertationen durchforstet hatte. Das Gremium kam im Vorjahr zu dem Schluss, dass die in der Doktorarbeit veröffentlichten Daten die richtigen seien. Dass die Frau in ihrer Dissertation ihre Arbeit aus 1998 erwähnte, ohne auf die Widersprüche einzugehen, hatte die Kommission als »grob fahrlässig« gerügt (die Ärztin behauptete bei ihrer Anhörung, in der ersten Studie sei sie als Co-Autorin erschienen, von der Veröffentlichung habe sie aber gar nichts mitbekommen). Das Angebot der JLU-Hochschulleitung, die kritischen Textteile zu ändern, hatte die Frau abgelehnt.

Die Universität verweist zusammenfassend darauf, dass es sich um »Ermessensentscheidungen« des Promotionsausschusses handele. Sie seien vertretbar, da der Doktorgrad nicht zwingend erforderlich sei, um als Arzt zu arbeiten. Ob mit dem Titel ein bestimmtes gesellschaftliches Ansehen verbunden sei, spiele hier keine Rolle. JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee bekräftigte, dass Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis »kein Kavaliersdelikt« seien. Die Universität müsse solche Vorwürfe aufklären.

Die vom Titelentzug betroffenen Ärzte können gegen die Entscheidung der Universität Widerspruch einlegen. Würde der zurückgewiesen, blieben ihnen der Weg zum Verwaltungsgericht.

Boldt selbst hatte die Justus-Liebig-Universität Anfang 2011 den Professorentitel aberkannt. Aber nicht wegen Vorwürfen wissenschaftlicher Art, sondern weil er in Gießen jahrelang – vom Fachbereich unbemerkt – keine Lehrveranstaltungen gehalten hatte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare