Unabhängig und engagiert

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Aus Mut gemacht: Heute feiert die "Frankfurter Rundschau" ihr 75-jähriges Jubiläum. Nach den "Aachener Nachrichten" und der "Berliner Zeitung" ist sie die dritte deutsche Tageszeitung, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Und die erste in der US- Besatzungszone.

Trümmerschutt, zerborstene Stahlträger, Ruinen. Weniger als drei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es schwer, sich einen Weg durch die Innenstadt von Frankfurt zu bahnen. In einem Keller stehen sieben Männer in dunklen Anzügen, aber auch etliche Uniformierte um US-General Roger McClure. Der Kommandant der Abteilung Nachrichtenkontrolle der US-Armee spricht in seiner kurzen Rede von einem "Wagnis". Und setzt dann mit einem Knopfdruck eine Rotationsmaschine in Gang. Es ist der Abend des 31. Juli 1945. Am nächsten Tag erscheint die erste Tageszeitung, die in der US-Besatzungszone lizensiert wird. Sie heißt "Frankfurter Rundschau". Die sieben Männer, fast alle gezeichnet von Haft und Entbehrung, sind die Herausgeber und Chefredakteure in Person. Ein Katholik, drei Kommunisten, drei Sozialdemokraten. Es war nicht leicht gewesen für McClure, überhaupt Personen mit Medienerfahrung zu finden, die sich nicht schuldig gemacht hatten in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die Sieben eint eines: Ihre antifaschistische Grundhaltung, ihr Wille, dass sich ein Nazi-Regime nie mehr wiederholen möge. Die Spitzenmeldung der neuen Zeitung: Der sensationelle Wahlsieg der Labour Party in Großbritannien. Von dieser Gründungsszene an hat die FR über 75 Jahre ihren Weg gemacht. Noch immer gilt, was seinerzeit im Gesellschaftervertrag festgehalten wird: Die "Rundschau" ist eine "unabhängige, politisch engagierte, linksliberale" Tageszeitung. Dieser Tradition haben sich die eine Chefredakteurin und die elf Chefredakteure seither ebenso verpflichtet gefühlt wie die fünf Besitzer des Blattes. Auch die 100-köpfige Redaktion heute sieht sich in dieser Linie.

Immer wieder bezogen die Redakteure und die anfangs noch sehr wenigen Redakteurinnen in den nächsten Jahren klar Stellung. Gegen die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik, für die Aufklärung der Taten des NS-Regimes, die von der bürgerlichen Gesellschaft des "Wirtschaftswunders" nur zu gerne verdrängt wurden. Die Artikel der FR trugen zum Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse von 1963 bei, in denen das Geschehen im Todeslager juristisch aufgearbeitet wird. Der langjährige Verleger und Chefredakteur Karl Gerold stand bis zu seinem Tod 1973 für diesen Kurs.

Klar gegen rechts

Als 1968 die Studenten das Jahr der Revolte ausriefen und einschneidende Veränderungen an den Universitäten wie überhaupt in der bürgerlichen Gesellschaft forderten, begleitete die Redaktion die Auseinandersetzungen überwiegend mit Sympathie. Der stellvertretende FR-Chefredakteur Karl-Hermann Flach (FDP) kämpfte für das Zustandekommen der ersten sozialliberalen Koalition 1969 auf Bundesebene, bei der Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) das Motto "Mehr Demokratie wagen" ausrief. Der langjährige Chefredakteur Werner Holzer (1973-1992) setzte diesen Kurs fort. Die FR unterstützte die Umweltbewegung, aus der 1980 eine neue Partei entstand: Die Grünen. Frankfurt und Hessen gerieten zum politischen Labor für ganz Deutschland: Mit dem Einzug der Grünen ins Stadtparlament 1981, dem Umweltminister Joschka Fischer 1985 und der ersten rot-grünen Stadtregierung in Frankfurt 1989.

Der wirtschaftliche Weg der FR wurde Ende der 90er Jahre schwieriger, auch, weil das Unternehmen den Umbruch, den die sozialen Medien mit sich brachten, erst langsam nachvollzog. Aber auch soziale Milieus, mit denen die Zeitung fest verbunden war, zerbrachen. Die Insolvenz 2012 war ein Tiefpunkt. Gerettet wurde das Blatt zunächst vom Verlag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 2018 übernahm die Zeitungsholding Hessen die "Frankfurter Rundschau" zusammen mit der "Frankfurter Neuen Presse". Neben der Verlagsgruppe Ippen ist an der Zeitungsholding Hessen auch die MDV-Mediengruppe der Gießener Verlegerfamilie Rempel beteiligt.

"Heute, in einer Zeit neuer rechtsextremer Gewalt und zunehmender Verunsicherung der Gesellschaft, wird die FR mit ihrem klaren politischen Profil gegen rechts mehr denn je gebraucht", sagt Chefredakteur Thomas Kaspar. "Zukunft entsteht nicht von selbst. Zukunft entsteht durch uns, indem wir die Welt verändern. Dazu braucht es Neugier und vor allem Mut. Denn unsere Zukunft ist aus Mut gemacht." Unter dem Motto "Zukunft hat eine Stimme" wird die "Rundschau" Mutmacherinnen und Mutmacher von gestern, heute und morgen in einer Serie in den Mittelpunkt rücken. FR-Geschäftsführer Dr. Max Rempel sieht mit dem Jubiläumsprojekt die visionäre Kraft der FR bestätigt: "Inhalte, die bei unserer Leserschaft Neugier wecken und zum Mitgestalten der Zukunft einladen, passen seit jeher sehr gut zu unserem Markenprofil."

Quelle: Gießener Allgemeine

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