Tugce: Prozess nach tödlichem Schlag gegen JLU-Studentin beginnt

(dpa). Sanel M. soll die JLU-Studentin Tugce in Offenbach mit einem Schlag mit der flachen Hand niedergestreckt haben. Sie stürzte und fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Am Freitag beginnt der Prozess in Darmstadt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Tugce hatte im fünften Semester Ethik auf Lehramt an der Justus-Liebig-Universität studiert. Zahlreiche Studenten bekundeten nach ihrem Tod ihr Mitgefühl an der Uni-Bibliothek: Sie entzündeten Teelichter, legten Blumen nieder oder verharrten mit Tränen in den Augen vor Fotos, die eine lebenslustige, lächelnde Frau zeigen. Kommilitone Ali Can appellierte, man solle ihren Tod als Weckruf sehen. Die JLU erklärte, Tugces "Zivilcourage erfüllt alle Mitglieder und Angehörigen unserer Universität mit Stolz. Ihr Tod ist unfassbar."

Was war passiert? Tugces Tod bewegte Millionen. Ein 18-Jähriger soll der Studentin in Offenbach einen solchen Schlag versetzt haben, dass sie stürzte und knapp zwei Wochen später starb.

Ist der Verfahren öffentlich? Bei Heranwachsenden - zur Tatzeit 18 bis 20 Jahre alt - ist das Verfahren grundsätzlich öffentlich. Die Kammer kann die Öffentlichkeit aber zum Schutz des Angeklagten oder von Zeugen teilweise ausschließen. Dies gilt besonders, wenn die Zeugen minderjährig sind. Sanel M. ist zwölf Tage vor dem tödlichen Schlag 18 Jahre alt geworden und soll in der Nacht diesen Geburtstag nachgefeiert haben. Die Zahl der Plätze ist allerdings begrenzt: Von insgesamt 52 Plätzen sind 25 für Medienvertreter reserviert.

Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht? Bei einem Heranwachsenden muss das Gericht entscheiden, ob es den Angeklagten noch nach Jugendstrafrecht verurteilt. Möglich ist das, wenn die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Angeklagten ergibt, dass er zur Tatzeit in seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand. Zur Klärung dieser Frage holt das Gericht eine Stellungnahme der Jugendgerichtshilfe, manchmal auch von Gutachtern ein.

Bei Sanel M. ist die Anwendung von Jugendstrafrecht nach Einschätzung von Fachleuten wegen seines Alters (zur Tatzeit gerade 18 Jahre alt) wahrscheinlich.

Was würde eine Verurteilung bedeuten? Nach Erwachsenenstrafrecht stehen auf Körperverletzung mit Todesfolge mindestens drei Jahre Haft. Beim Jugendstrafrecht ist eine Jugendstrafe (Gefängnis) von sechs Monaten bis zu zehn Jahren möglich. Richtschnur ist beim Jugendstrafrecht der Erziehungsgedanke. «Kriterium ist primär die individuelle Rückfallprävention und nicht die Schwere der Tat», sagt die Vorsitzende der Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ), Professorin Theresia Höynck aus Kassel.

Was passiert rund um das Landgericht? Eine Mahnwache für Gerechtigkeit und ein gewaltfreies Miteinander soll zum Prozessbeginn (9.00 bis 15.00 Uhr) gegenüber dem Landgericht an Tugce erinnern. «Tugces Schicksal hat uns alle bewegt, viele kennen ihr lächelndes Gesicht», heißt es im Aufruf des «Tugce-Teams» auf Facebook. «Sie hat mit ihrer Zivilcourage und Organspende ein Zeichen gesetzt und ist zu einer Symbolfigur geworden.» Die Polizei rechnet mit einigen hundert Teilnehmern.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare