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Todesfahrer muss nicht ins Gefängnis

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Butzbach/Gießen (lk). Im Rausch hat ein Rentner im Mai 2012 ein Leben ausgelöscht: Am Ortseingang von Nieder-Weisel erfasste er mit dem Auto einen 43-jährigen Radfahrer. Der Oberarzt in der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik und Vater von vier Kindern starb.

Der Unfallverursacher war vom Friedberger Amtsgericht im November letzten Jahres zu einer 16-monatigen Haftstrafe verurteilt worden. Die wurde am Mittwoch im Berufungsverfahren vor dem Gießener Landgericht in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.

Herbert A. (Name geändert, die Red.) sieht älter aus, als er ist. Das verlebte, großporige Gesicht wird eingerahmt von buschigen Augenbrauen, sein ausgewaschener Pullover hat schon bessere Zeiten hinter sich – wie der Angeklagte auch. Peter Heidt, Verteidiger des 69-jährigen Butzbachers, gibt eine Stellungnahme für seinen Mandanten ab. Was im Urteil des Friedberger Amtsgerichts stehe, stimme soweit. Demnach war A. am 7. Mai 2012 mit seinem Auto nachmittags nach Bad Nauheim gefahren, hatte im Gewerbegebiet »In den Langen Morgen« an einem Imbiss eine Wurst gegessen und einige Flaschen Bier getrunken. Im Anschluss fuhr der Rentner weiter nach Nieder-Mörlen, ließ sich in einem Supermarkt ein Leberkäsebrötchen schmecken und trank noch einige Schoppen. Mindestens vier Liter Bier hatte er intus, als er um 20.20 Uhr den Heimweg antrat. Auf der Kreisstraße, kurz vor dem Ortseingang von Nieder-Weisel, übersah er den Radfahrer, der ebenfalls auf dem Heimweg war.

Frontal prallte er auf das Hinterrad, der Oberarzt stürzte, seine Halswirbelsäule brach. A. wollte unbeirrt weiterfahren, doch ein 38-Jähriger, der im Auto vor ihm unterwegs war, bremste ab und zwang den alkoholisierten Rentner zum Anhalten. Er habe gerade einen Radfahrer gerammt, rief er A. zu. Der erwiderte: »Das ist dumm gelaufen.« Und ging ins Gebüsch, um zu pinkeln. Währenddessen sicherte der 38-Jährige die Straße ab, eilte zum Unfallopfer und wählte den Notruf.

Angeklagter: Mache mir Vorwürfe

Sein Mandant könne sich das Geschehene nicht verzeihen, berichtet Verteidiger Heidt dem Gericht am Mittwoch. Dennoch wolle A. eine Bewährungsstrafe erreichen. »Er möchte nie mehr Auto fahren«, sagt Heidt.

»Seit dem Vorfall kann ich nicht mehr schlafen, ich mache mir Vorwürfe ohne Ende«, sagt A., er wirkt dabei gefasst. Sein Auto habe er sofort nach dem Unfall verschrotten lassen, er fahre nur noch Bus. Ja, er trinke ein- oder zweimal pro Woche Alkohol. »Aber nur Bier.

« Früher – bis zum Tag des Unfalls – sei er jedoch nie gefahren, wenn er getrunken habe. »Ihr Verkehrsregister ist leer«, bestätigt Richter Dr. Johannes Nink. Er berichtet auch, A. hatte zum Zeitpunkt der Tat mindestens 1,6 und maximal 2 Promille Alkohol im Blut. A. behauptet, er sei im Sekundenschlaf gewesen, habe nicht gemerkt, dass er den Radfahrer überfahren habe, nur darum habe er nicht angehalten. »Es war kein Sekundenschlaf, der Unfall hat sich hinter einer Linkskurve ereignet«, korrigiert der Richter.

Sein Mandant habe der Familie des Verstorbenen eigentlich Geld zukommen lassen wollen, berichtet Heidt. Das sei aufgrund A.s schwieriger finanzieller Situation allerdings nicht möglich gewesen.

Der 38-Jährige, der vor dem Rentner gefahren war, berichtet im Zeugenstand, A.s Auto sei ihm kurz vor dem Unglück im Rückspiegel aufgefallen. »Er fuhr extrem weit rechts.« Dann habe er den Radfahrer vor sich entdeckt, habe beschleunigt, den Blinker gesetzt und ihn überholt. Beim Blick in den Rückspiegel habe er den Unfall beobachtet. Da A. nicht stehengeblieben sei, habe er gebremst und ihm den Weg versperrt. Der Kotflügel und die Motorhaube des Citroen des Rentners seien eingedrückt gewesen. A. habe das nicht realisiert. »Ich dachte, er steht unter Schock.«

Zwei Polizisten werden in den Zeugenstand gerufen, sie berichten von völlig unproblematischen Straßen- und Sichtverhältnissen.

Richter Nink verliest das Gutachten eines Unfall-Sachverständigen. Der Fahrradfahrer, der einen Helm getragen hatte, habe 75 Meter vom Ort des Zusammenstoßes entfernt gelegen. A. sei mit 80 oder 90 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Dem Rentner sei genügend Zeit geblieben, den Unfall zu vermeiden.

Der 69-Jährige »hat an diesem Tag zwischen acht und zwölf halbe Liter Bier getrunken«, berichtet ein Rechtsmediziner. »Ich gehe davon aus, dass er öfter trinkt.« Sonst erreiche man einen so hohen Promillewert nicht.

Der Bruder des Verstorbenen ist Rechtsanwalt. Er tritt im Verfahren als Nebenkläger als und Vertreter der Nebenklage auf. Die Frau seines Bruders versuche, die Situation zu stemmen, was auch recht gut klappe. Das Finanzielle sei geklärt, den vier Kindern fehle allerdings eine männliche Bezugsperson.

100 Stunden gemeinnützige Arbeit

Dann wird plädiert. Peter Heidt sagt: »Seit die Frau meines Mandanten an Krebs gestorben ist, ist er nicht mehr richtig auf die Beine gekommen.« A. könne sich nicht erklären, warum er an jenem Tag so viel Bier getrunken habe. Der 69-Jährige sei gesundheitlich stark angeschlagen, leide sehr unter der Situation. Eine Bewährungsstrafe solle es sein.

Staatsanwalt Dr. Christian Matejko stimmt Heidt zu. Es bringe keinem etwas, wenn A. ins Gefängnis gehe. »Auf mich macht er den Eindruck, dass er bereut, was passiert ist.«

Der Vertreter der Nebenklage stellt keinen Strafantrag, macht aber deutlich, dass er das Verhalten des Rentners – nach dem Unfall nicht anzuhalten – nicht tolerieren könne. »Mich stört auch zutiefst, dass er sich seinem Alkoholproblem nicht stellt.« A. sagt: »Es tut mir Leid, das hätte nie passieren dürfen.«

Nachdem sich Richter und Schöffen beraten haben, spricht Nink den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs schuldig. Das Urteil des Amtsgerichts wird aufgehoben, A. zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er muss sämtliche Gerichtskosten tragen und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Dem Rentner sei nicht vorzuwerfen, einen Verkehrsteilnehmer übersehen zu haben, sondern im betrunkenen Zustand überhaupt ins Auto gestiegen zu sein. Dennoch: Die Sozialprognose des 69-Jährigen sei überdurchschnittlich gut, von ihm gehe künftig im Straßenverkehr keine Gefahr mehr aus. Nink spricht aber auch von einer »gnadenweisen Strafaussetzung zur Bewährung«. Zum Angeklagten sagt er: »Wären Sie 50 Jahre alt und gesund, dann wären Sie jetzt hinter Gittern.« Der Richter spricht den Brüdern und der ebenfalls anwesenden Mutter des Verstorbenen sein Beileid aus.

Das Urteil ist rechtskräftig.

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