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Streit um die Vielfalt Sexualerziehung an Schulen

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Wiesbaden (dpa/lhe). Weitgehend friedlich haben gestern in Wiesbaden mehrere Tausend Menschen für und gegen den neuen Lehrplan zur Sexualerziehung an den hessischen Schulen demonstriert. Die Polizei berichtete am Nachmittag von insgesamt 3500 Teilnehmern an zwei getrennten Kundgebungen. An der Kundgebung für den Lehrplan nahmen nach Angaben der Veranstalter bis zu 3000 Menschen teil, laut Polizei waren es rund 1500. Die Gegner des Lehrplans trafen sich vor dem Kultusministerium. Die Organisatoren zählten rund 1900 Teilnehmer, die Polizei rund 2000. Zwischenzeitlich versuchten mehrere Hundert Menschen, den Zug der Lehrplan-Gegner mit einer Sitzblockade zu verhindern. Deren Veranstalter verkürzten daraufhin die Route. Insgesamt waren bis zu 6000 Demonstranten erwartet worden, mehr als 1000 Polizisten waren im Einsatz. Die Polizei berichtete von einigen Rangeleien aus dem Demonstrationszug der Lehrplan-Befürworter. Es gab zwei Verletzte.

Von DPA

Zum laufenden Schuljahr hat das hessische Kultusministerium einen neuen Lehrplan erlassen, mit dem mehr Offenheit für sexuelle Vielfalt erreicht werden soll. Im Unterricht sollen Homo-, Trans-, Inter- und Bisexualität so thematisiert werden, dass die Akzeptanz gefördert und Diskriminierung vorgebeugt wird. Fragen und Antworten zu dem Sexualkundelehrplan: ? Was ist für die einzelnen Altersstufen vorgesehen? Sechs- bis Zehnjährige sollen neben den körperlichen Unterschieden von Männern und Frauen unter anderem Patchworkfamilien und gleichgeschlechtliche Partnerschaften als Konzepte kennenlernen. Für ältere Schüler kommen dann auch »unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten« als Stoff hinzu. Dies soll neben den anderen Themen der Sexualerziehung in den folgenden Klassenstufen weiter vertieft werden, auch »Unterstützung beim Coming Out« ist vorgesehen. ? Wie fielen die ersten Reaktionen auf den neuen Plan aus? Der Lehrplan wurde per Ministerentscheid in Kraft gesetzt. Dies nährte neben der Kritik am Wort »Akzeptanz« Vorwürfe, Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sei heimlich vorgegangen. Das Ministerium erklärt, es habe sich um einen Routinevorgang gehandelt. Zudem seien unter anderem Vertreter von Eltern, Lehrern und Kirchen dazu angehört worden. Auch inhaltlich sieht Lorz keinen Grund für Kritik. Der Lehrplan sei die Konsequenz aus der geänderten gesellschaftlichen Realität. Die letzte Aktualisierung stammt aus dem Jahr 2007. Ultrakonservative und rechtspopulistische Gruppen lehnen den Lehrplan als indoktrinierend ab. ? Was äußern sich Experten bei diesem kontroversen Thema? Hessen habe eine Entwicklung nachvollzogen, die in anderen Bundesländern bereits geschehen sei, sagt der Frankfurter Professor und Sexualpädagoge Stefan Timmermanns. Die Themen Homo-, Bi- und Transsexualität kämen ohnehin über das Internet und das Fernsehen zu den Kindern und Jugendlichen. Im Unterricht könnten dann pädagogisch angemessen Fragen dazu behandelt werden. Die Sexualwissenschaftlerin Karla Etschenberg kritisierte in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, dass das Thema »Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten« zu stark gewichtet worden sei. Andere Themen kämen dadurch zu kurz. ? Wie sehen die Lehrer den neuen Sexualkundelehrplan? Die Landesvorsitzende des Lehrerverbands, Edith Krippner-Grimme, sagt, es seien noch einige Fragen offen. Beispielsweise, wie die Umsetzung in den Klassen und einzelnen Fächern tatsächlich laufen solle. Und wer entscheide, in welcher Altersstufe nun genau welcher Inhalt unterrichtet werden solle. Zudem sei zu befürchten, dass diese Abstimmung darüber und die anstehenden Elternabende als Zusatzarbeit auf die Schulen und Lehrer zukämen. ? Wie geht es mit dem neuen Lehrplan nun weiter? In Elternabenden sollen die Ziele, Inhalte sowie Lehr- und Hilfsmittel des Unterrichts vorgestellt werden. Der Landeselternbeirat empfiehlt, diese Infoveranstaltungen aktiv einzufordern. Transparenz nehme Ängste, sagt auch der Sexualpädagoge Timmermanns. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sind die neuen Vorschriften in Hessen vor Wochen in Kraft gesetzt worden. Änderungen sind also nicht mehr zu erwarten. (dpa/lhe). Was die frühere Gesundheitsministerin Käte Strobel (SPD) vor fast 50 Jahren in Auftrag gab, glich einer Sensation. Der im Juni 1969 für den Unterricht an bundesdeutschen Schulen vorgestellte Sexualkundeatlas war ein Meilenstein in der Aufklärungspolitik der Bundesrepublik. Bei Katholiken und Konservativen indes fand die Ministerin mit ihrem Vorstoß wenig Gegenliebe: Sie sahen in der Sexualaufklärung eine intime Familienangelegenheit, die nichts im Unterricht verloren hatte. »Die Kinder sollen aufgeklärt werden, wie das Leben wirklich ist«, konterte Strobel. Die Bundesregierung hatte 1967 festgestellt, die Sexualerziehung durch die Eltern allein sei unzureichend. Ein Jahr darauf beschloss die Kultusministerkonferenz »Empfehlungen zur Sexualerziehung an Schulen«.

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