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Starke Stimme für die Schwachen Ein Held der Humanität Bundesvereinigung Lebenshilfe

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Von: Rüdiger Geis

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Ein Mann mit Ecken und Kanten, der mit Zähigkeit sein Ziel verfolgte: behinderten Menschen einen Platz in der Gesellschaft zu geben – und sie nicht in freudlosen Heimen von der Welt abzuschotten. Der Lebenshilfe-Gründer Tom Mutters hat nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eine gesellschaftliche Revolution in Gang gebracht. Zwei Gießener Journalisten haben ihm jetzt mit einem Buch ein Denkmal gesetzt.

Ein Satz, der schockierte: »Herr Mutters, sehen Sie sich diese Kinder genau an und lassen Sie sich von mir als erfahrenem Arzt sagen, dass auch Sie als Pädagoge aus diesen Idioten keine Professoren machen können.« Der UN-Verbindungsoffizier für den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen ist fassungslos. Aus seinem Heimatland, den Niederlanden, kennt er einen anderen Umgang mit Behinderten. Hier, im Philippshospital in Goddelau bei Darmstadt, weht in den ersten Nachkriegsjahren noch immer der Geist der Nationalsozialisten. Tom Mutters beschließt: Es muss sich etwas ändern. Und er packt es an. 1958 gründet er in Marburg die Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Das Buch »Tom Mutters – Pionier, Helfer, Visionär« beschreibt den langen Weg des Niederländers bis zu diesem ersten großen Markstein der Inklusion und in der Zeit danach, die Mutters über drei Jahrzehnte als Geschäftsführer der Lebenshilfe prägte. Geschrieben haben es die Gießener Journalisten Markus Becker und Klaus Kächler. Becker, Jahrgang 1976 und mehrere Jahre als Redakteur in der Politikredaktion dieser Zeitung tätig, absolvierte an der Gießener Uni eine Magisterstudium der Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie und arbeitet heute als Lokalredakteur beim MAZ-Verlag. Kächler, 1966 geboren, ist dort Chefredakteur. Er studierte ebenfalls in Gießen Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte und Medienwissenschaften und war auch für verschiedene Tageszeitungen und im Hörfunk tätig. Die Initialzündung für das Buch erfolgte im Jahr 2008, als Becker bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen der Lebenshilfe in Marburg Mutters kennenlernte. Dabei wurde er gleich von dessen charismatischer Persönlichkeit in den Bann gezogen. Bei einem weiteren Besuch 2013, gemeinsam mit seinem Kollegen Kächler, wollten die beiden ein Porträt dieses beeindruckenden Mannes für eine Rubrik in der MAZ schreiben. Doch schon während dieses Besuchs merkten die zwei erfahrenen Journalisten: Da steckt mehr drin als ein Artikel. Sie beschlossen, eine Biografie des fast vergessenen Pionier-Pädagogen zu schreiben. Die Gesichte eines ganz besonderen Menschen. »Für uns waren seine Empathie und das unvoreingenommene, liebevolle Menschenbild die Schlüssel, um sich der Persönlichkeit von Tom Mutters zu nähern. Unbestritten ist das Lebenswerk Lebenshilfe, doch die eigentliche Geschichte steht dahinter. Es ist der Mensch mit all seinen prägenden Erlebnissen und seiner Art, Herausforderungen anzugehen. Und auch das wurde uns bei unseren zahlreichen Besuchen in Marburg-Wehrshausen schnell klar: Die Rolle, die seine Frau Ursula dabei gespielt hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen«, beschreibt Becker die Motivation der beiden Autoren. Und so machten sie sich an die Arbeit, die drei Jahre dauerte. »Im Grunde haben wir alles gemeinsam erarbeitet. Wenn es beim Schreiben einmal stockte, hat jeder einmal dem anderen mit neuen Ideen oder einem Vorschlag, etwa für den Einstieg ins nächste Kapitel, weitergeholfen. Es hat einfach gepasst und war eine tolle Erfahrung«, erklärt Kächler. Grundlage der Biografie waren persönliche Gespräche mit Tom Mutters, seiner Frau Ursula und vielen Wegbegleitern. Hinzukam Recherchearbeit in Archiven. Im Internet war zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts über Tom Mutters zu finden. Bemerkenswert: »Alle, die wir im Laufe der Recherche zur Biografie befragten, waren begeistert von dem Buchprojekt und zeigten sich äußerst kooperativ«, freuten sich die beiden Autoren. Unter anderem schrieben die Bundestagsvizepräsidentin und Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Ulla Schmidt, die Behindertenbeauftragte des Landes Hessen und Vorsitzende der Lebenshilfe Gießen, Maren Müller-Erichsen, sowie der TV-Star und Modedesigner Guido Maria Kretschmer Beiträge für das Buch. Die beiden Autoren hatten Kontakt zu mehreren Verlagen, entschieden sich aber schließlich für den Daedalus Verlag, »weil der Verleger Joachim Herbst die Bedeutung der Geschichte schnell erfasste und unseren Vorstellungen vom fertigen Produkt von Anfang an positiv gegenüberstand«. Tom Mutters wird am 23. Januar 1917 in Amsterdam geboren. Das Leben in einer Familie, die immer zusammenhielt und in der jeder für den anderen da ist, prägt ihn fürs Leben. Mutters, der Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch spricht, studiert Pädagogik. Schon früh entwickelt er ein Gespür für das Leiden oder die Behinderung anderer, beispielsweise Menschen, die im Ersten Weltkrieg Arme oder Beine verloren haben. Er erlebt aber auch die grausame Besatzungsherrschaft der Nazis in seinem Heimatland während des Zweiten Weltkriegs, die bei den Niederländern viel Hass erzeugt. Nicht so bei Mutters, der auch im Widerstand aktiv war. Warum half er gerade in dem Land, das seiner Heimat so viel Leid angetan hat? Gegenüber den Autoren sagte Mutters einmal: »Ich kam im Dezember 1949 nach Deutschland. Ich wollte Menschen helfen, die aus den Konzentrationslagern befreit worden waren. Ich war auch sehr an den Schicksalen der Flüchtlinge interessiert. Ich hatte negative Gefühle gegenüber der deutschen Bevölkerung. Das ist ein Fehler, den man macht: Ein Regime in einem Land überträgt man oft auch auf die Bevölkerung. Das ist nicht gut. Ich fühlte mit den Flüchtlingen, den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, und den Menschen, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Meine skeptische Haltung änderte sich, als ich hier in Deutschland war und die Menschen hier kennenlernte.« 1949 kommt er nach Marburg, wo viele Heimatlose, Displaced Persons, gestrandet sind. Hier lernt er auch seine spätere Frau Ursula kennen, eine Lehrerin, die ihn zeitlebens bei seiner Arbeit unterstützt. Als UN-Mitarbeiter schockiert ihn die Art und Weise, wie noch immer in Deutschland mit Behinderten, insbesondere mit behinderten Kindern, umgegangen wird. Zum Beispiel in Goddelau: »Diese Kinder waren die Vergessenen, die Beiseitegschobenen, ohne Rechte. Ich wollte und musste versuchen, für sie und darüber hinaus für andere Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung die Anerkennung der Menschenrechte einfordern. In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben die behinderten Kinder der Anstalt Goddelau mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten.« Gegen viele Widerstände gründet er 1958 die Bundesvereinigung Lebenshilfe in Marburg als Selbsthilfevereinigung, Eltern-, Fach- und Trägerverband für Menschen mit besonderer geistiger Behinderung und ihrer Familien. Sein Ziel: Behinderte sollen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen – mit dem Recht auf Schule, Ausbildung, Beruf und Sexualität. Siege und Niederlagen Der Verein wächst schnell, denn es gibt einen Bedarf bei Eltern, die ihre Kinder nicht länger verstecken wollen. Heute hat die Lebenshilfe über 500 Orts- und Kreisvereinigungen und 16 Landesverbände und insgesamt 130 000 Mitglieder. Sie unterhält Kindergärten, Schulen, Werkstätten und Wohneinrichtungen. Zusammen mit dem ZDF-Gesundheitsredakteur Hans Mohl initiiert Mutters auch die »Aktion Sorgenkind«, heute »Aktion Mensch«, die mit Fernsehshows die Leute für das Thema Behinderte sensibilisiert. Ein weiterer Sieg auf seinem Weg, diesen Menschen Anerkennung zu verschaffen. Das Buch spart aber auch nicht die negativen Erfahrungen Mutters aus. 30 Jahre war er als Geschäftsführer für die Lebenshilfe tätig. Kurz vor seinem Ausscheiden will er 1989 den umstrittenen australischen Ethiker Peter Singer zu einem Symposium nach Marburg einladen, um dessen Thesen als moralisch extrem verwerflich zu brandmarken. Singer nämlich postulierte: »Die Tötung eines behinderten Säuglings ist nicht moralisch gleichbedeutend mit der Tötung einer Person. Sehr oft ist sie überhaupt kein Unrecht.« Mutters ist außer sich. Doch die gut gemeinte Idee mit der Einladung geht nach hinten los: Viele Menschen mit Behinderung sehen nicht die eigentliche Absicht und sind entrüstet. Interessenvertretungen laufen Sturm. Mutters muss einen Rückzieher machen, Singer wird wieder ausgeladen. Der Popularität des Lebenshilfe-Gründers und seinem Lebenswerk schadet diese Episode nicht. Nach dem Fall der Mauer stürzt er sich gleich in den Aufbau der Lebenshilfe in Osteuropa. Ruhestand ist für ihn noch lange Zeit ein Fremdwort. Trotz dieses hohen Engagements gönnte er sich aber auch Freiräume: das Mittagsschläfchen, bevor es wieder ins Büro an die Arbeit ging, die Urlaubsreisen in aller Herren Länder, die Familientreffen mit den holländischen Verwandten. Immer getreu seinem Lebensmotto: »Je moet het Leven leven. Ja mag het niet langs je heen laten glijden – Man muss das Leben leben. Man darf es nicht an sich vorbeigleiten lassen!« Als er am 2. Februar dieses Jahres im hohen Alter von 99 Jahren stirbt, bringt es die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt, auf den Punkt: »Wir verlieren einen Helden.« Markus Becker, Klaus Kächler: »Tom Mutters – Pionier, Helfer, Visionär«, Daedalus Verlag, Münster, 176 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 19,95 Euro, ISBN 978-3-89126-239-9 Ich muss gestehen: Bis vor einigen Tagen sagte mir der Name Tom Mutters nichts. Die Lebenshilfe war für mich ein Begriff, nicht aber ihr Gründer. Nachdem ich das Buch über ihn gelesen habe, ist das Gott sei Dank anders. Denn Tom Mutters verdient Beachtung. Über seinen Tod hinaus. Weil er ein gutes Beispiel gibt. Ausgerechnet im Land derjenigen, die im Zweiten Weltkrieg seine niederländische Heimat brutal drangsalierten, beginnt er sein segensreiches Wirken, das weltweit Beachtung findet. Hier gibt er denjenigen eine Stimme, die ungehört in Heimen weggeschlossen, in der Nazi-Zeit sogar ermordet wurden. Er hat – wie es die holländische Tageszeitung »Dagblad van het Noorden« formulierte – die Gehandicapten aus der Verdunkelung geholt. Er hat sein Ziel, behinderte Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen, mit Zähigkeit und Erfolg ein Leben lang verfolgt. Dass die Inklusion in der UN-Behindertenrechtskonvention als Menschenrecht verankert wurde, ist zu einem bedeutenden Teil seiner Arbeit zu verdanken. Tom Mutters ist ein Vorbild des Engagements für die Schwachen, ein Held der Humanität. Von seinem Schlage müsste es noch sehr viel mehr Menschen geben. »Ein Buch? Über mich? Wer liest das?«, hat er einmal in seiner bescheidenen Art gefragt. Hoffentlich viele. Er hätte es verdient. “ In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben die behinderten Kinder der Anstalt Goddelau mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten „ Die Bundesvereinigung Lebenshilfe ist ein im Jahr 1958 gegründeter gemeinnütziger Verein. Die Lebenshilfe hilft Menschen mit Behinderung, gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen. Behinderte Mitmenschen sollen bei ihrer Lebensbewältigung intensiv unterstützt werden. Durch ihre Aktivitäten möchte die Lebenshilfe erreichen, dass Menschen mit Behinderung durch möglichst individuell bedarfsgerechte Hilfen so selbstständig leben können wie möglich. Dazu bietet sie selbst Hilfen und Dienstleistungen an und vertritt in der Öffentlichkeit und auf politischer Ebene Interessen von Menschen mit Behinderung. Die Lebenshilfe will zu dem die Menschenrechte von behinderten Menschen in Deutschland schützen. In der DDR wurde 1990 zunächst eine eigene Lebenshilfe gegründet; 1990 erfolgte der Zusammenschluss mit der Bundesvereinigung. Nach der Einführung des neuen Lebenshilfe-Logos 1995 wurde im Folgejahr auch der Name geändert; der Verband trat fortan als Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung auf. Mittlerweile ist der Ausdruck »geistige Behinderung« vielerorts in die Kritik geraten, sodass insbesondere Ortsverbände der Lebenshilfe zunehmend auf das Wort »geistige« im Namen verzichten. (Quelle: Wikipedia)

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