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Kunstvolle Holzfässer und alte Gerätschaften sind in der Küferwerkstadt zu sehen.

Stadt unter der Stadt

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Oppenheim ist einen Ausflug wert. Die Kommune kurz hinter der hessischen Landesgrenze punktet mit ihrer Lage an den Weinbergen, einer netten Altstadt, gemütlichen Cafés, schmalen Gassen, einer imposanten Kirche. Das Highlight ist jedoch die Stadt unter der Stadt. Ein Abstieg in die Unterwelt.

Einmal quer durchs schöne Hessenland fahren, und da ist er schon: Der Fremdenverkehrsort Oppenheim findet sich in Rheinhessen (Rheinland-Pfalz), genauer gesagt am Oberrhein. Sehr malerisch gelegen zwischen Weinbergen, in denen man trefflich wandern oder radeln kann. Rund um das Rathaus gefallen viele pittoreske Fassaden. Mittelalterliches Flair ist noch spürbar im beschaulichen Ortskern, auch wenn die Stadt im Laufe ihrer Geschichte immer wieder zerstört und aus den Ruinen neu aufgebaut wurde. Dass sich 1000 Jahre Geschichte zum Anfassen unter den Füßen des Besuchers befinden, erfährt man genauer im Tourismusbüro gleich um die Ecke - und kann mit einem kundigen Führer hinuntergehen in die Stadt unter der Stadt.

Eine unscheinbare Tür ist der Eingang zu dieser eigenen Welt rund um das Rathaus. Zu einem System, das die Altstadt unterhöhlt - und die Assoziation zu einem Schweizer Käse weckt. "Festhalten und Vorsicht bitte", mahnt unser Tourguide - schließlich geht es über eine Steintreppe steil hinunter in den wirkungsvoll beleuchteten Untergrund. Wie sinnvoll die Helmpflicht ist, erfährt man, wenn man den Kopf an einer niedrigen Stelle mal nicht genug einzieht unter Tage. Klong - das hätte wehgetan. Schmale Gänge, Treppen, kleinere und größere Gewölbe, Ausschachtungen und Keller verbinden die Anlagen, die rund 600 Meter in zwei unterschiedlichen Rundgängen touristisch erschlossen sind. Auch für Menschen, die ein bisschen klaustrophobisch veranlagt sind, ist die Unternehmung kein Problem.

Luftig und kühl ist es hier unten - aber nicht feucht, wie man vielleicht denken könnte. Was die Mauern wohl alles erzählen würden? Einst, so heißt es, lagerten die reisenden Händler, die Oppenheim ansteuerten, hier ihre Waren. Eine Theorie besagt, dass sie es waren, die mit Erlaubnis der Stadt von außen große Teile des Gänge- und Raumsystems anlegten, um ihre Produkte sicher unterzubringen und von diesem Depot aus weiterzuverteilen. "Was meinen Sie", fragt der Ortsansässige, nachdem wir etliche Kehren, Auf- und Abstiege hinter uns haben - "wo sind wir ungefähr, und wie tief sind wir an dieser Stelle unter der Erde?" Alle Antworten falsch. Tatsächlich befindet sich die Asphaltdecke der Straße, in Luftlinie gar nicht weit weg vom Eingang, den wir genommen hatten, hier nur einen Meter über unseren Köpfen.

In den vielen Kriegszeiten der Vergangenheit dienten die Räume dann als Versteck oder Fluchtmöglichkeit, erzählt der Reiseleiter - gab es doch Brunnen und zudem etliche Ausgänge, sowohl an den Häuserfassaden direkt oder durch einen der vielen angeschlossenen Privatkeller, die heute oft nur durch eine Tür vom begehbaren Teil des Labyrinths abgetrennt sind. Einige Figurengruppen in den Nischen verdeutlichen, wie man sich das Leben hier unten vorstellen konnte.

Längst ist nicht alles erforscht, was das unterirdische Oppenheim betrifft. "Kontinuierlich", so unser Führer, "werden vergessene und verschüttete Kellerräume entdeckt und sicher gemacht." Hier und da kann man ein Stück hineinspähen in noch unerschlossene Gänge. Wie es auf der Homepage der Stadt heißt, wartet das bereits bekannte Potenzial von 600 Einzelanlagen mit einer Gesamtfläche von rund 6000 Quadratmetern darauf, entschlüsselt zu werden.

So, Aufstieg nach oben, Helm ab. Die nächste Gruppe wartet schon. Das Oppenheimer Kellerlabyrinth zählt laut Tourismusstatistik jedes Jahr rund 30 000 Besucher. Kann man gut verstehen: Denn es ist wirklich eine Reise wert - auch wenn man dann schon gerade so nicht mehr unterwegs ist in Hessen.

Quelle: Gießener Allgemeine

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