1. Wetterauer Zeitung
  2. Hessen

Spurensuche nach Horrornacht

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bei Löscharbeiten in dem Laubacher Stadtteil wird ein 57-Jähriger tot aufgefunden. Doch es handelt sich um keinen Unglücksfall. Sechs Vermummte sollen ein Paar abgefangen und über mehrere Stunden traktiert haben. Schließlich sollen sie Feuer gelegt haben. Nach den Tätern wird gefahndet.

Es ist ein unwirkliches Szenario, wie in einem Krimi: Nebel steigt aus den Wäldern auf, es nieselt, rotes Absperrband flattert im kühlen Wind, es riecht nach verbranntem Kunststoff. Polizisten bewachen das Mehrfamilienhaus in der Gonterskirchener Straße »Am Heiligenstock«, während die Spurensicherung und Brandermittler im und um das Gebäude herum nach Spuren der Täter suchen.

Wenige Stunden zuvor müssen sich in dem beschaulichen 700-Einwohner-Dorf erschreckende Szenen abgespielt haben. Am Ende ist ein 57-Jähriger aus Bruchköbel tot, seine Lebensgefährtin wird verletzt ins Krankenhaus gebracht, die Feuerwehr muss einen Brand löschen.

Gegen 21.30 Uhr – so die derzeitigen Erkenntnisse der Polizei – haben sechs vermummte Männer das Paar an dem Haus abgepasst. Ein Gonterskirchener will die Männergruppe bereits zuvor in der Nähe gesehen haben, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie sollen diskutiert haben und dann in einem Fahrzeug mit Hamburger Kennzeichen, einem Mietwagen, fortgefahren sein.

Doch die Täter kommen wieder und zwingen das Paar ins Haus. Was sich dort in den kommenden vier Stunden abspielt, darüber hält sich die Staatsanwaltschaft »aus ermittlungstaktischen Gründen« bedeckt. Nur so viel ist klar, das Haus wurde stundenlang durchwühlt. Ob und was dabei entwendet wurde, ist auch am späten Mittwochnachmittag weiter offen: »Wir gehen aber davon aus, dass der Pkw des Geschädigten entwendet wurde«, sagt Staatsanwalt Thomas Hauburger.

Für das Paar müssen es Stunden furchtbarsten Ausmaßes gewesen sein. Sie werden mit Schlägen traktiert, sagt Hauburger über die Tat. Um kurz nach 1 Uhr kommt es dann zum Brand im Gebäude. »Wir gehen von vorsätzlicher Brandstiftung aus«, erklärt der Staatsanwalt. Der Verdacht, dass so Spuren beseitigt werden sollten, liegt nahe. Nachbarn hören Hilferufe und werden auf das Feuer aufmerksam. Sie verständigen Polizei und Feuerwehr. Vor allem aber gelingt es ihnen, die Frau über ein Fenster ins Freie zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Täter bereits auf der Flucht.

Später in der Nacht findet eine Polizeistreife auf einem Feldweg zwischen Gonterskirchen und Laubach den blauen Pkw mit Hamburger Kennzeichen. Das Fahrzeug hat sich in dem aufgeweichten Boden festgefahren. »Der Pkw war wohl eines der Fluchtfahrzeuge«, sagt Hauburger.

Derzeit wird das Fahrzeug auf Spuren untersucht. Warum die Täter auf dem Feldweg – eine Sackgasse – fuhren, ist bislang unklar. Seit der Tat wird außerdem ein silberfarbener Audi Avant mit polnischem Kennzeichen gesucht. Er soll zuletzt von dem Opfer genutzt worden sein. Bei den Tätern soll es sich um sechs Personen handeln. Sie werden als dunkel bekleidet und maskiert beschrieben und sollen sich in Arabisch und Französisch unterhalten haben.

»Als wir hierher kamen, gingen wir von einem normalen Wohnungsbrand aus«, sagt Norman Rohn, Wehrführer von Gonterskirchen. Dichter Rauch drang aus den Fenstern der Wohnung im Kellergeschoss. Ein erster Trupp der Feuerwehr versucht, über die Terrassentür ins Innere zu gelangen und den Brand zu löschen. Doch aufgrund der enormen Hitzeentwicklung müssen die Helfer den Versuch abbrechen. Ein Feuerwehrmann zieht sich dabei eine Schnittverletzung zu. Er kommt ins Krankenhaus. »Die Wohnung war von der Decke bis in Knöcheltiefe komplett verraucht«, sagt Rohn.

Über einen zweiten Zugang von der Nordostseite des Hauses kommen die Einsatzkräfte schließlich ins Innere und können die Flammen löschen. Zeitgleich suchen Feuerwehrleute die darüberliegenden Wohnungen nach möglichen weiteren Vermissten ab. Insgesamt 45 Einsatzkräfte aus Lauter, Laubach, Röthges und Freienseen unterstützen die Gonterskirchener Wehr. Während der Löscharbeiten machen sie dann den grausamen Fund: Im Schlafzimmer entdecken die Männer den verkohlten Leichnam des 57 Jahre alten Mannes. Zu den genauen Umständen des Auffindens will die Staatsanwaltschaft ebenfalls aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit nichts sagen.

Die Feuerwehrleute wurden nach dem Einsatz von Notfallseelsorgern betreut. »Wir werden uns noch einmal gemeinsam hinsetzen und das Geschehene besprechen. Das kann man sich alles so hier in Gonterskirchen nicht vorstellen«, sagt Rohn.

Das Paar habe sich nur sporadisch in dem Anwesen aufgehalten, erzählen Nachbarn. Das Haus habe der Vater des Opfers in den 1990er Jahren gebaut, es sei dann vermietet gewesen, zuletzt aber habe es leer gestanden. Der Mann, ein Deutscher, und seine spanische Partnerin hätten sich in den letzten Jahren um das Haus gekümmert, im Sommer den Rasen gemäht und sich selbst immer wieder kurzzeitig in der Einliegerwohnung aufgehalten.

Bis Redaktionsschluss waren die Täter noch nicht gefasst. Der Leichnam des Opfers wurde am Mittwochabend obduziert, ein Ergebnis wird im Verlauf des heutigen Donnerstags erwartet. Die Mordkommission, die Tatortgruppe des Bundeskriminalamts und Brandermittler der Polizei sind an den Ermittlungen beteiligt. (Foto: con)

Auch interessant

Kommentare