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Schüsse verletzen Asylbewerber: "Gezielter Angriff" vermutet

Schüsse durchlöchern mitten in der Nacht das Fenster eines Zimmers in einer Unterkunft für Flüchtlinge im Kreis Offenbach. Ein Mann wird im Schlaf leicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft geht von einem "gezielten Angriff" aus.

Dreieich (dpa/lhe) - Unbekannte haben auf eine Asylbewerberunterkunft im südhessischen Dreieich (Kreis Offenbach) geschossen und einen Flüchtling im Schlaf leicht verletzt. Mehrere Schüsse seien am Montag um kurz vor 2.30 Uhr auf ein Fenster des Gebäudes abgegeben worden, berichtete die Polizei. Ein Schuss traf den hinter dem Fenster schlafenden Mann am Bein. Der 23-Jährige ist nach Aussage eines Mitbewohners Syrer. Er wurde zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus gebracht.

Die Staatsanwaltschaft sprach von einem "gezielten Angriff", sagte zu der Waffe und der Munition aber nichts und nannte als Grund die laufenden Ermittlungen. "Das ist Täterwissen", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Nina Reininger. Von dem oder den Tätern fehlte zunächst jede Spur. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) und der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel verurteilten die "feige Tat".

"Wenn jemand mit einer Waffe auf eine Unterkunft schießt, in der sich Menschen befinden, gehe ich von einem gezielten Angriff aus", sagte Reininger. Von einem Anschlag wollte sie zunächst aber nicht sprechen. Die Hintergründe seien noch völlig unklar, es werde in alle Richtungen ermittelt. Über die Nationalität des Verletzten machte die Behörde ebenfalls keine Angaben. Unklar war auch, ob der Mann allein in dem beschossenen Zimmer war.

Die Flüchtlingsunterkunft, die zwischen einer Bahnlinie und zwei Großmärkten in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Dreieichenhain liegt,  wurde für die Spurensuche abgesperrt. Polizisten suchten das Gebiet mit Hunden ab. Experten des Landeskriminalamts untersuchten die Einschusslöcher in der gesplitterten Glasscheibe in dem Flachbau. Sie sind mit einer besonderen Technik ausgerüstet, die Flugbahn und Abschussort von Geschossen mit 3-D-Technik nachstellen kann.

Das Polizeipräsidium Südosthessen habe eine "Besondere Aufbauorganisation" eingerichtet und arbeite mit Unterstützung des Landeskriminalamts mit einem 90-köpfigen Team an der Aufklärung der Schüsse, sagte Beuth. Gewalt gegen Schutzsuchende in Hessen werde nicht geduldet. "Wir nehmen diesen Angriff sehr ernst."

Ein Zeuge sprach von einem vermummten Täter, den er gesehen habe. Es habe sich um eine Einzelperson gehandelt, die sechs- bis siebenmal aus einer Handfeuerwaffe gefeuert habe, sagte der in der Unterkunft lebende Syrer mit Hilfe eines Dolmetschers. Nach der Waffe suchten die Ermittler am Nachmittag noch.

Die Flüchtlingsunterkunft besteht aus einem dreistöckigen Haus, in dem nach Angaben der Stadt vier Familien leben, sowie dem beschossenen einstöckigen Anbau. Darin seien 15 Männer untergebracht, 14 Syrer und ein Afghane, sagte eine Sprecherin. Ob die Schüsse von der Straße aus oder direkt aus dem eingezäunten Vorgarten abgefeuert wurden, war nach Angaben der Ermittler noch unklar.

Insgesamt leben in Dreieich rund 430 Flüchtlinge. Es gebe zwölf größere Unterkünfte für jeweils 15 bis 30 Flüchtlinge und 50 kleinere Einheiten für bis zu sieben Menschen. "Wir sind erschüttert, fassungslos und entsetzt", sagte der stellvertretende Bürgermeister Dreieichs, Martin Burlon (parteilos). Es habe keinerlei Anzeichen für fremdenfeindliche Stimmung in der Stadt gegeben. Die Erfahrungen im Zusammenleben mit den Flüchtlingen seien durchweg positiv, auch dank des großen ehrenamtlichen Engagements der Bürger.

In Hessen sind im bundesweiten Vergleich bisher eher wenige Flüchtlingsheime attackiert worden. 22 Fälle wurden von Januar bis Ende September 2015 im Land gezählt, bei denen Asylunterkünfte aus politischen Motiven Tatort oder Angriffsziel waren. Bundesweit lag die Zahl nach einem Bericht der Bundesregierung bei 549.

Quelle: Gießener Allgemeine

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