+
Die Baseler Kaiserchronik im Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Uni Marburg. An der Hochschule tragen Forscher Tausende alte Handschriften zusammen und stellen sie in eine Online-Datenbank.

Schätze des Mittelalters

  • schließen

An der Uni Marburg tragen Forscher Tausende alte Handschriften zusammen und stellen sie in eine Online-Datenbank. Die Recycling-Mentalität unserer Vorfahren stellt sie dabei vor Probleme.

Es geht um Tausende vergilbte Schnipsel und Manuskripte voller Geschichten. Sie schlummern seit Jahrhunderten in Privatarchiven, Klöstern oder Bibliotheken und sollen nun nach und nach öffentlich zugänglich gemacht werden. Dafür läuft an der Uni Marburg ein Mammutprojekt mit dem Ziel, die deutschsprachigen Handschriften des Mittelalters vollständig digital zu erfassen. Die Forscher interessiert nicht nur, was die Menschen damals schriftlich festgehalten haben, sondern auch, was die unzähligen Dokumente Neues über das Mittelalter erzählen.

"Eigentlich untersuchen wir vor allem Müll", sagt der Historiker Jürgen Wolf. Seit zwei Jahren arbeiten der Professor vom Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität Marburg und sein Kollege, der Historiker Nathanael Busch von der Uni Siegen, an dem Projekt. Die beiden und ihr Team wollen alle erhaltenen deutschsprachigen Manuskripte und Fragmente des Mittelalters untersuchen und in eine Online-Datenbank einstellen. Es geht um rund 25 000 Schriftstücke und -stückchen.

Die meisten stammen aus der Zeit von vor dem Buchdruck, angefertigt zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert. Das Problem: Irgendwann wurden mittelalterliche Texte für die folgenden Zeitgenossen unmodern. Die Schriftstücke wurden dann aber nicht entsorgt, sondern recycelt. Die Texte waren in der Regel auf Pergament geschrieben. Hatten sie ausgedient, fanden sie Verwendung als Briefkuvert, Buchdeckel oder dienten dazu, Orgelpfeifen abzudichten.

Das ist der Grund, warum Historiker Wolf von "Müll" spricht: Selbst Texte aus der höfischen Blütezeit, etwa Schriften der Dichter Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue und selbst das "Nibelungenlied" liegen nach seinen Worten nur in Schnipseln vor. Erschwerend komme hinzu, dass die meisten Fragmente über die ganze Welt verteilt seien, erzählt Kollege Busch. Mittlerweile hat sich demnach allerdings herumgesprochen, woran die Forscher arbeiten. Daher bekommen sie von überall bereits digital aufbereitete Fragmente und Texte zugeschickt. Die Originale lagern in rund 1500 Klöstern, Kirchen, Bibliotheken, Museen oder stammen aus privaten Nachlässen.

Manche Handschriften wurden in der Vergangenheit auch gezielt vernichtet. Im Zuge der Reformation gab es Texte, die nun an den Höfen als anrüchig galten - es ging um Sex und Crime. Ordnungshüter zerstörten sie, um das "verlotterte Leben" wieder richtigzustellen, sagt Wolf.

"Bei manchen Texten ist es wirklich sehr schade, dass uns da so viel fehlt", ergänzt Busch. "Wären sie vollständig, dann könnten es großartige Klassiker sein."

Überraschend ist ein Fund, auf den die Forscher vor Kurzem gestoßen sind: Im Kloster Melk in Österreich wurde ein Gedicht namens "Rosendorn" entdeckt. Der Autor geht in seinem Werk sehr freizügig mit dem Thema Sexualität um. Das ist nicht neu für die Forscher, nur hätten sie den Inhalt erst 200 Jahre später vermutet.

Doch nicht alles wurde vernichtet oder neu verwendet. Religiöse Texte wie Gebetsbücher sind bis heute gut erhalten. Sie seien kostbar, reich verziert und strömten, so Wolf, "Erhabenheit und Heiligkeit" aus. Häufig seien auch Rechtsbücher erhalten, in denen städtisches Recht geregelt wurde.

Armin Schlechter, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Handschriften und Alte Drucke des Deutschen Bibliotheksverbandes, begrüßt das Projekt sehr: "Es wird unser Wissen über die deutsche Literatur des Mittelalters und ihre Überlieferung ganz erheblich bereichern", sagt er. Die auf den ersten Blick hohen Kosten relativierten sich aufgrund der langen Projektdauer. Angelegt ist das Projekt auf rund 20 Jahre. Bund und Länder finanzieren es mit insgesamt 6,5 Millionen Euro. Getragen wird es von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Jürgen Wolf und Nathanael Busch sind immer wieder überrascht, was die Menschen des Mittelalters schon wussten und welche Vorstellungen sie hatten. So seien bereits viele Heilpflanzen und deren Wirkung auf den Menschen bekannt gewesen. Eher ungewöhnlich sei es allerdings, dass die Mediziner damals glaubten, alles vom Geier sei für die Menschen gesundheitlich sehr wertvoll.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare