Roter Himmelsstürmer

»Wenn die Arbeit ruft«: Die sechste Folge der Sommerserie führt anlässlich des Rosenfestes zur Freiwilligen Feuerwehr nach Steinfurth.

Ihre Vielfalt ist schier grenzenlos: Es gibt ein- und zweifarbige, schlichte und üppig gefüllte Blüten, gefranste und runde Blätter, längliche und runde Köpfe, kleine und große, historische und moderne Sorten. Einige mit betörendem Duft, andere eher unscheinbar, aber dafür umso dorniger. Die Rose ist schon etwas ganz Besonderes: Nicht von ungefähr kommt der Beiname »Königin der Blumen«. Eine spezielle Würdigung erfährt sie alle zwei Jahre beim Steinfurther Rosenfest, zu dem Menschen aus nah und fern kommen. Vier Tage lang steht der Ortsteil von Bad Nauheim Kopf und verlangt seinen Bewohnern allerhand ab. Helfende Hände werden für die zahlreichen Events dringend benötigt. So ereilt die Redaktion in Gießen die Anfrage im Rahmen der Sommerserie »Wenn die Arbeit ruft«. Die Freiwillige Feuerwehr Steinfurth benötigt »einen motivierten Mitarbeiter« für die Fertigstellung ihres Motivwagens für den Rosenkorso. Ich melde mich freiwillig. Als jüngstes Redaktionsmitglied dürfte der Einsatz, inklusive Arbeitsbeginn um 5 Uhr am Samstagmorgen eigentlich kein Problem sein.

Aber der Dauerregen der vergangenen Tage macht schon die Fahrt nach Steinfurth zum Abenteuer. Aquaplaning auf der A5 – es könnte besser laufen.

Die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr erwarten mich schon, zumindest der harte Kern – Thomas und Ralph Walter, Martin Michel, Thomas Baierl und Frank Steinhauer – ist da. Die Begrüßung ist kurz, aber herzlich. Von Anfang an dutzen wir uns, was die Atmosphäre gleich lockerer macht. Weil es immer noch regnet, verschieben wir unsere geplante Fahrt zu den Rosenfeldern noch etwas nach hinten und beschäftigen uns erst mal mit dem Andrahten von Rosenknospen. Das heißt: Kurze Drahtstücke werden durch die Blütenköpfe gesteckt, um sie später am Wagen befestigen zu können. In diesem Jahr ist der »Rote Baron« das Motiv – ein großes Doppeldeckerflugzeug. Als Begleitung dient ein kleinerer, ebenfalls roter Flieger, ein Geschenk des Steinfurther Turnvereins.

Trotz Einweisung mache ich es zunächst falsch. Ich erzeuge Ausschussware – gleich drei Mal. Also bekomme ich ein Musterexemplar, danach läuft es (hoffe ich) gut. Zum Glück haben Thomas und Ralph so viel Geduld.

»Red Leonardo da Vinci«

Gegen 6 Uhr hört es endlich auf zu regnen. Es ist hell geworden und stellenweise ist sogar blauer Himmel zu erkennen. Wir nutzen die Gunst der Stunde und fahren mit dem Feuerwehrbus zu einem Rosenfeld bei Rödgen. Die Tür schwingt auf und vor mir liegt das größte Rosenfeld, das ich je gesehen habe. Zugegeben, so viele habe ich noch nicht gesehen. Aber der Anblick ist wirklich überwältigend. Rosen in allen erdenklichen Farben so weit das Auge reicht. Und dann dieser Duft!

Wir sollen vor allem eine Farbe mitbringen: Rot. Die Sorte »Red Leonardo da Vinci« ist rosarot und erscheint uns besonders geeignet. Und schon geht’s an die Ernte, in Gummistiefeln und Regenjacke, die Männer haben teilweise große Hüte aus Leder, die möglichen Regen abhalten. »Den nehme ich auch immer mit nach Wacken, der ist toll«, grinst Thomas und zeigt auf seinen Hut, der auch Indiana Jones oder Crocodile Dundee gut stehen würde.

Der Boden ist vom vielen Regen richtig aufgeweicht, die Rosen sind tropfnass. Ausgerüstet mit zahlreichen Eimern und Wannen ziehen wir vorsichtig durch die Blumenreihen und knicken die Knospen ab. Skrupel brauche ich aber keine zu haben. »Das ist ein Produkt, das auf den Feldern verblüht und wird nicht von den Rosenzüchtern genutzt«, erklärt mir Ralph.

Das ständige Bücken macht sich schnell im Kreuz bemerkbar, selbst bei mir, die von Zipperlein aller Art eigentlich noch weit entfernt sein sollte. Bei guten Gesprächen und Lerchengesang vergeht die Zeit aber wie im Flug. Schon ist es 8 Uhr, sämtliche Eimer und Wannen sind voll und wir fahren zurück.

In Steinfurth legen wir erst mal eine Frühstückspause ein. Nach und nach kommen weitere Mitglieder der Feuerwehr und machen sich ans Werk. Hardy Arnoldi, für den Bau des Prunkwagens verantwortlich, steckt schon mal die ersten Knospen fest. Frischer heißer Kaffee weckt Körper und Geist, und so gestärkt können wir schon bald zum zweiten Mal los und Rosen pflücken. Wir fahren zu einem anderen Feld, das nicht so ergiebig ist wie das erste. Allerdings erhalten wir hier durch ein Missverständnis eine großzügige Spende, bestehend aus zwei Eimern mit gelben Rosen.

Praktisch jeder hier ist auf irgendeine Art und Weise mit den Rosen verbunden. Viele erzählen mir, dass ihre Eltern und Großeltern früher selbst Rosen gezüchtet haben. Heute ist die Zahl der Betriebe aber stark zurückgegangen – hauptsächlich, weil die Konkurrenz aus dem Ausland mit billigen Preisen das Geschäft erschwert.

Petrus hat kein Erbarmen mit uns: Immer wieder fängt es an zu regnen und die Arbeiten am Flugzeug, das im Freien steht, müssen unterbrochen werden. Davon lässt sich aber keiner die Laune verderben. »Wir hätten vielleicht eher ein U-Boot bauen sollen«, witzelt Thomas. Trotz der teilweise widrigen Umstände kommen die Arbeiten gut voran. Ich bin jedes Mal überrascht, wie weit die Helfer mit dem Stecken der Rosen schon gekommen sind, wenn wir vom Einsatz auf dem Feld zurück zur Basis kommen. Ganz so schlimm ist das Wetter für die Rosen aber nicht, sagt Ralph: »Wenn es zu heiß ist, vertrocknen die Blüten sehr schnell.«

Am Nachmittag werde ich zum Dienst am Wagen abkommandiert. Hier ist Hilfe auch wirklich nötig: Schließlich müssen ungefähr 40 000 Rosenknospen auf beide Flugzeuggestelle gesteckt werden. Hardy erteilt genaue Anweisungen und scheint mit mir zufrieden zu sein. Während sich das Hauptmotiv, der Doppeldecker, durch die Styroporverkleidung recht gut bearbeiten lässt, macht uns das kleinere Modell das Leben schwer. Die angedrahteten Rosen wollen kaum durch Kunststoffplane und Holzgestell dringen. Probiert man es dann mit mehr Kraft, ist die Gefahr groß, den Draht in den Finger statt in das Flugzeug zu rammen. Das passiert einige Male. Trotzdem packt jeder mit an, auch die Kinder aus der Bambini-Gruppe sind fleißig. Während unter Dach Körbe voller Rosen angedrahtet werden, kommen immer wieder neue Ladungen frisch vom Feld an.

Marzipanduft

Um 16 Uhr ist die vorerst letzte Rose gesteckt und mein Arbeitseinsatz endet. Die restlichen Feinarbeiten werden noch am nächsten Tag gemacht. Meine Füße sind regennass und meine Hände sind – Kollege bb hatte es befürchtet – ein wenig mitgenommen. Dennoch kann ich eine positive Bilanz ziehen: Der Tag war anstrengend, aber schön und wird mir wohl lange in Erinnerung bleiben. Zum Abschied schenkt mir Thomas einen ganzen Eimer Rosen – sie sind wunderschön.

Später erfahre ich, dass der »Rote Baron« vom Publikum für den zweiten Platz prämiert wurde. Das macht mich sehr stolz, nun, da ich weiß, wie viel Herzblut in einem solchen Motivwagen steckt. Zu Hause verteilt stehen nun etliche Gläser mit Rosen in den unterschiedlichsten Größen und Farben. Thomas hat recht: Einige riechen tatsächlich nach Marzipan.

Neue Mitglieder willkommen: Freiwillige Feuerwehr Steinfurth, Alte Schulstraße 1a, 61231 Steinfurth. Weitere Informationen auf der Internet-Seite des Vereins: www.ffw-steinfurth.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare