"Redezeit": Mit Lesern im Gespräch

Noch liegt der Sommer vor uns, und der Wahltermin im September ist fern. Aber die Politiker sind bereits mitten im Wahlkampf. Die Medien rüsten sich für eine große Schlacht. In Hessen ist das Interesse besonders groß, denn am 22. September wird hier nicht nur über den neuen Bundestag abgestimmt. Fünf Leser haben unsere Einladung angenommen und über die Wahlen diskutiert.

Auch der Landtag wird sich nach dem Wahlsonntag neu formieren. Die Programme der Parteien im Bund und in Hessen nehmen allmählich Konturen an, die Listen für beide Parlamente sind zum Teil schon aufgestellt.

Das Buhlen um die Gunst der Wähler wird in den nächsten Wochen stark zunehmen, denn wie immer bei Wahlen geht es um alles oder nichts. Bleibt die Frage, ob sich die Stimmberechtigten denn bezirzen, ja vielleicht sogar begeistern lassen wollen, ob sie überhaupt Interesse am Wahlkampf haben. Oder ob sie sich mit ganz anderen Themen beschäftigen und von anderen Sorgen geplagt sind.

Dass die Partei der Nichtwähler seit Jahren die größte ist, wissen wir längst. Manches stört diese Menschen, hält sie davon ab, ihre Stimme zu vergeben. Aber viele andere lassen sich noch begeistern oder sehen es zumindest als ihre Pflicht an, wählen zu gehen. Fünf Leser haben unsere Einladung angenommen und über die Wahlen diskutiert, haben sich dazu geäußert, wo sie stehen, was sie bewegt drei Monate vor der Wahl in Hessen und im Bund. Die Redakteure haben in das Gespräch nur moderierend eingegriffen.

Die fünf Diskutanten sind der Redaktion aus unterschiedlichen Bezügen bekannt. Wir sind mit diesen Lesern vor allem im alltäglichen Redaktionsbetrieb ins Gespräch gekommen, ein intensiver Kontakt ist entstanden. Sie vertreten nicht repräsentativ unsere Gesellschaft. Sie stehen im Berufsleben, genießen den Ruhestand oder haben als Schüler das Leben noch vor sich. Politik ist bei allen Teil ihres Lebens. Und sie sind sich einig: Jammern ist nicht ihr Ding. Ihr Blick auf die Handelnden und die Themen ist aber höchst unterschiedlich. {newPage}

Mag sein, dass sie allenthalben beklagt wird, die Politikverdrossenheit. In dieser Gesprächsrunde ist davon nichts zu spüren. Allenfalls von Politikerverdrossenheit. Nach wenigen Minuten sind die zwei Frauen und drei Männer mitten im Gespräch, diskutieren engagiert. Die Einstiegsfrage lautete: »Wie sehr sind Sie an Politik interessiert, was brennt Ihnen drei Monate vor der Wahl unter den Nägeln?« Friedrich Korschil: Mich beschäftigt vor allem die mangelhafte Problemlösungskultur. Ich finde, dass manche Politiker die Kunst der Selbstdarstellung sehr gut beherrschen. Aber anstatt mit vereinten Kräften auf das Ziel zuzugehen, wird viel zu viel Bohei um das gemacht, was man tut. Gudrun Aulke: Herrn Korschil stimme ich hier zu. Bei vielen Politikern vermisse ich auch die Verlässlichkeit, es fehlt vielen an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Eine Diskrepanz zeigt sich zum Beispiel hier: Was sagen sie vor der Wahl – und was danach? Spannend finde ich die Frage, wie entwickelt sich das alles? Wie geht es weiter mit den Steuern? Wie gehen wir um mit anderen Ländern? Was tun wir, was tut der Staat für die alten Menschen? Luca Manns: Aber egal, ob vor der Wahl oder danach – die Frage ist, ob das, was sie sagen, wirklich ihre feste Überzeugung ist. Ich wundere mich übrigens schon, dass die Parteien nicht anfangen, endlich richtig Wahlkampf zu machen. Susann Balser-Hahn: Es passiert grundsätzlich zu wenig in der Politik. Und es gibt zu viele Abhängigkeiten. Ich bin politisch sehr interessiert, würde mich aber nie parteipolitisch engagieren, weil ich mich in diesen Strukturen nicht wiederfinden kann. Joachim Breckow: Ich möchte erst mal in eine andere Richtung gehen. Mir selbst geht es im Moment fast schon unverschämt gut (großes Gelächter). Die Menschen meines Alters gehören zu einer goldenen Generation. Seitdem ich lebe, geht’s uns fast immer nur gut. Dass manche nur meckern, liegt vielleicht daran, dass unsere Gesellschaft sich sehr an die guten Zeiten gewöhnt hat. Wir haben gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Deshalb wissen viele das Leben in Frieden und im Wohlstand nicht mehr zu schätzen. Aber wenn ich an die Zukunft denke – ich habe drei Kinder –, dann mache ich mir schon Sorgen. Ich befürchte, dass die Lage nicht so gut bleibt (viel Zustimmung in der Runde). Und ich frage mich, ob man überhaupt Einfluss nehmen kann. Es hat sich ja gezeigt in der Geschichte, dass gefestigte Systeme zerbrechen – ganz plötzlich, in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Gudrun Aulke: Ja, es geht uns gut, aber es wird gejammert auf hohem Niveau. Luca Manns: Mit Jammern stößt man im besten Fall aber wenigstens einen Dialog an. Dann kann sich etwas verändern. Wenn man Glück hat, zum Guten. Wenn alle schweigen, kann sich nichts verändern. Wer aber nur meckert, nicht konstruktiv mitarbeitet, der stößt auch nichts an. Friedrich Korschil: Ich möchte hier einen anderen Akzent setzen. Mit Jammern einen Gedankenaustausch zu beginnen, ist vielleicht nicht die beste Methode. Aber Jammern als Mode, um sich gefühlsmäßig zu entlasten, das geht gar nicht. Das ist eine Ausflucht aus der eigentlichen Notwendigkeit, Probleme beim Namen zu nennen. Ich bin 50 Jahre Mitglied einer Partei, die macht nicht immer, was ich will (Schmunzeln rundum). Es ist aber die, bei der ich am wenigsten zu meckern habe. Ich habe festgestellt: Es bringt etwas, sich zu artikulieren, sich auch mal schriftlich an die entscheidenden Stellen zu wenden. Luca Manns: Wenn ich als Schüler eine Eingabe bei prominenten Politikern machen würde, die würden die doch nie lesen ... Joachim Breckow: An sich finde ich es aber gut, wenn sich jemand engagiert, zu Wort meldet. Erst wenn man selbst dabei ist, kann man etwas bewegen – und dann gerne auch mal schimpfen. Ich habe Hochachtung vor Leuten, die sich für etwas einsetzen. Nur zu Hause schimpfen ist nicht die richtige Konsequenz. Susann Balser-Hahn: Ich glaube, wenn man sich engagiert und wenn man an eine Sache glaubt, kann man auch etwas verändern. Wenn man konkrete Wünsche an die Politik hat, Herzenangelegenheiten, dann sollte man sie auch auf den Weg bringen. Wenn ich mich darum kümmere, dann wird sich auch etwas tun, dann werde ich etwas erreichen. Joachim Breckow: Ich habe dazu einen ganz konkreten Wunsch: Wir haben eine repräsentative Demokratie, wir wählen unsere Abgeordneten, und die sollen dann mal machen. Das hat den Nachteil: Die machen dann auch, was sie wollen. Das ist nicht gut. Ich hätte gerne mehr Einfluss abseits der Wahlen. Ich möchte über ganz spezielle Fragen abstimmen können. Volksabstimmungen müssen auf die Tagesordnung. So wie in der Schweiz, die sind da Vorbild. Dort haben sie viel Erfahrung, wir müssten das erst lernen. Gudrun Aulke: Ja, auf die Schweiz bin ich auch richtig neidisch. Vielleicht würde dann auch mehr Interesse an Politik entstehen. Die schweigende Mehrheit ist eine große Gefahr. Viele Menschen denken: Ich kann nichts bewirken, es ändert sich doch eh nichts. Aber dann ist ihnen alles nicht recht. Nachher schimpfen kann jeder. Aber noch mal zurück zum Thema Bürgerbeteiligung. Manchmal denke ich, wenn die Politiker etwas entscheiden: Hätten die mich mal gefragt. Ich glaube, dass mehr Leute wählen gehen, wenn sie öfter zu konkreten Themen gefragt werden. Luca Manns: Bei Grundsatzentscheidungen fände ich das gut, aber bei jeder kleinen Sache nicht, wir kämen ja nicht mehr zum Arbeiten. Friedrich Korschil:  Für Alltagsangelegenheiten taugt eine Volksabstimmung nichts. Als Ersatz könnte man Meinungsumfragen zu Hilfe nehmen, doch da ist oft die Fragestellung ausschlaggebend (Heiterkeit). Aber ich sehe auch: Wir haben keine Tradition mit Referenden. Joachim Breckow: Man muss halt irgendwann mal damit anfangen. Ich finde auch wichtig, dass etwas frischer Wind reinkommt. Neue Parteien und Gruppierungen finde ich grundsätzlich gut. Ich muss sie ja nicht wählen. Ob Piraten oder die AfD – die sind belebend. Je bunter, desto besser. Friedrich Korschil: Die Parteienvielfalt bringt die Arithmetiker durcheinander. Aber Wettbewerb ist heilsam. Neue Gruppierungen sind ein Signal dafür, dass die anderen zu langweilig geworden sind. Zur Wahlbeteiligung: Wer nicht wählt, darf hinterher nicht meckern. Luca Manns: Ich verfolge sehr intensiv die politische Diskussion und stelle fest: Viele haben gar keine eigene Meinung. Sie äußern die Meinung der Eltern, oder genau das Gegenteil, sagen das, was die Lobbyisten vorsagen, was Parteilinie ist – oder sie sagen eben gar nichts. Joachim Breckow: Die Frage ist ja auch, welchen Anteil haben die Politiker an der Misere? Ich finde, manche machen ihre Sache richtig gut. Zum Beispiel unsere Kanzlerin. Ich wähle sie nicht, aber sie macht ihren Job gut. Auch Trittin ist sehr professionell, arbeitet mit allen Tricks, die mir manchmal nicht gefallen. Aber er wendet sie an in einer Art und Weise, das ist gerade noch Okay. Gudrun Aulke:  Mir ist vor allem die Menschlichkeit wichtig. Ein Politiker ist für mich zunächst einmal ein Mensch. Ich find es unheimlich stark, dass Steinmeier, seiner Frau eine Niere gespendet hat.... Joachim Breckow: Aber ist er deshalb ein besserer Politiker? Gudrun Aulke: Nein, aber ich finde ihn auch als Politiker sehr gut. Er hat übrigens in Gießen studiert. Er geht nicht so distanziert hinweg über alle Dinge. Viele sind so Typen, die sagen immer nur: Ich, ich, ich. Das sind keine guten Politiker. Susann Balser-Hahn: Für mich ist es auch nicht akzeptabel, wenn Politiker sagen: Die Bürger da draußen. Da denke ich: Wir alle sind doch gemeinsam Staat und Gesellschaft. Wenn ein Politiker mich, euch so distanziert sieht, da denke ich: Welche Grundlagen hat er eigentlich für seine Arbeit? Luca Manns: Was mich ärgert: Viele Politiker vergessen, dass sie auch nur Bürger sind. Sie sind zwar gewählt, aber nur auf Zeit. Sie sind nicht mit dem Amt auf einmal der Chef. Oft vertreten sie dann nur ihre eigene Interessen. Susann Balser-Hahn: Aber wenn sie gewählt sind, müssen sie Verantwortung übernehmen und entscheiden dürfen. Joachim Breckow: Sie müssen Interessen vertreten. Ein guter Politiker macht die Interessen der Wähler zu seinen eigenen. Die Redaktion: Und wo liegen die Wählerinteressen? Ein Professor, eine Lehrerin, ein Elternvertreter, alle auch Eltern – und ein Schüler: Nicht verwunderlich, dass die Bildungspolitik diskutiert wird. Luca Manns: Gerade im Bereich Bildung ist Steuerung schwierig, weil das Thema Ländersache ist und die Länder sich nicht einigen können. Es gibt unterschiedliche Meinungen, wie man dieses Problem angehen soll – doch auf Bundesebene oder zwischen den Ländern. Eine Lösung muss aber her, egal wie. Susann Balser-Hahn: Man muss mehr Kontinuität in die Verfahren bringen. Die Diskussion in Hessen über G8 oder G9 nach dem Motto: »Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln« zeigt: Es wird zu viel politisiert. Dabei gerät aus dem Blickfeld, einer breiten Gesellschaftsgruppe junger Menschen eine gute Bildung zu ermöglichen. Alle vier Jahre ist Wahl, und dann wird schon lange vor diesem Zeitpunkt nichts mehr entschieden. Beständigkeit in Grundsatzthemen auch über einen Machtwechsel hinweg würde sehr guttun. Es ist schlimm, dass eine Schülergeneration theoretisch drei verschiedene Richtungen durchleben muss. Luca Manns: Ich bin auch so ein Versuchskaninchen von G8. Es wird womöglich nicht ausreichend darüber nachgedacht, was es für die Schüler bedeutet, wenn man ihnen immer wieder ein völlig neues System zumutet. Es kann offenbar nicht akzeptiert werden, dass das, was andere gemacht haben, möglicherweise auch gut war. Gudrun Aulke: Das Thema Beständigkeit und Einheitlichkeit in der Bildungspolitik macht mich manchmal zornig. Wichtig sind für mich beispielsweise eine Akzeptanz der Ausbildung – ich hätte vor einigen Jahren als hessische Lehrerin ohne weitere Prüfung nicht in den bayrischen Schuldienst gehen können – sowie vergleichbare Arbeitsbedingungen. Friedrich Korschil: Ich habe zwar zum Thema Bildung nicht diese Berührungspunkte wie Sie, aber auch ich empfinde den Mangel an Stetigkeit und Verknüpfbarkeit der Systeme über Ländergrenzen hinweg. Ich wünschte mir ein einigermaßen einheitliches Grundverständnis, aber jeder will seine Doktrin durchsetzen. Joachim Breckow: Ich hätte noch einen Themenvorschlag, der brennt mir wie vielen Menschen unter den Nägeln: Die Sozialpolitik. (zustimmendes Gemurmel). Es gibt ganze Berufsstände, die von ihrer täglichen Arbeit nicht mehr leben können. Das finde ich einen unhaltbaren Zustand. Ich glaube, wenn das nicht gelöst wird, gibt das richtigen Sprengstoff. Da geht es um Mindestlohn, aber auch um eine Aufwertung von Berufsgruppen wie etwa in der Pflege. Bei Menschen, die soziale Dienste beruflich leisten, muss sowohl das Ansehen wie auch die Ökonomie verbessert werden. Andererseits finde ich es wichtig, Freiwilligendienste gesellschaftlich zu fördern. Beim Hochwasser sieht man: Die Leute sind viel solidarischer eingestellt, als man es unserer Gesellschaft so oft nachsagt. Susann Balser-Hahn: In unserer Gesellschaft wird so viel gewertet. Wenn Eltern ihren Kindern sagen: »Geht doch lieber gleich an die Uni oder ins Arbeitsleben , statt in einem Freiwilligendienst ein Jahr zu verlieren« – dann hoffe ich auf einen Wandel, und ich glaube, die junge Generation sieht das auch bereits anders. Joachim Breckow: Ein Jahr verlieren? Das geht doch gar nicht, im Gegenteil: Wenn überhaupt, gewinnt man an Lebenserfahrung. Friedrich Korschil: Dienste am Menschen haben in der Gesellschaft – da sprechen wir noch nicht von Politik – einen zu geringen Stellenwert. Stichwort: anderen Leuten den Dreck wegmachen. Ich denke nicht, dass für die Wertschätzung der Studienabschluss mit summa cum laude und Vorstandsperspektive das Maß der Dinge sein muss. Die Redaktion: Wählerwille, Gestaltungsspielraum – von Wiesbaden und Berlin ist es in dieser Diskussionsrunde nicht weit bis nach Brüssel, wo 80 Prozent der Gesetze gemacht werden. Die Medien bemühen sich zwar, Europa begreifbar zu machen. Aber irgendwie bleibt nicht viel hängen außer dem Gefühl, »die in Brüssel« messen unsere Gurken nach. (Die Gruppe lacht). Luca Manns: Man weiß einfach immer noch zu wenig über Brüssel und versteht deshalb vieles nicht oder lehnt es ab. Joachim Breckow: Die Ursache für etwaiges Unverständnis ist doch, dass viele Politiker weggelobt wurden nach Brüssel, weil sie dort angeblich nicht viel Schaden anrichten können. Ich persönlich würde viele Nachteile in Kauf nehmen, damit Europa funktioniert. Auch den Preis zahlen, nicht viel mitreden zu können. Sicherlich verspürt man den Hauptvorteil Europas nicht jeden Tag. Aber man bedenke nur eines: 60 Jahre Frieden. Susann Balser-Hahn: Europa bietet einfach irre viele Chancen. Ich selbst bin im Frieden groß geworden, aber ich kenne noch die Geschichten meiner Großeltern und Eltern. Und ich weiß noch wie es war, als ich nach Westberlin oder in die DDR wollte, aber schon meine Kinder kennen eine solche Situation gar nicht mehr. Es ist gut, dass das europäische Miteinander so selbstverständlich ist. Unsere Gesellschaft hat aber die Vorteile eines geeinten Europa noch nicht ausreichend verinnerlicht. Gudrun Aulke: Die Emotionen kochen immer dann hoch, wenn es um die Euro-Krise geht. Die Leute sagen sich, da geht so viel Geld nach Spanien oder Portugal – und schon ist der positive Gedanke verloren. Auch meine Familie ist von Kriegserlebnissen meines Vaters und Großvaters geprägt – heute ist das lange vorbei. Das muss man in die Waagschale werfen. Susann Balser-Hahn: Begegnungen miteinander sind so wichtig. Wenn man ein anderes Land und die Menschen richtig kennenlernt, dann relativiert sich auch die allgemeine Meinung. Man redet schnell abfällig über andere – wie: die Griechen, die kriegen ja nichts hin – aber Dimitri, den ich kenne, der ist ja anders. Friedrich Korschil: Das Gefühl, dass Brüssel ein bisschen weit weg ist, ist nicht zu umgehen. Die Perspektive reicht nun einmal weit – Europa geht weit über unseren politischen Tageshorizont in Deutschland hinaus. Von daher braucht es länger, bis der Interessensausgleich, der im demokratischen Geschäft notwendig ist, geleistet werden kann. Die Redaktion: Politik ist auch ein Thema im Alltag... Gudrun Aulke: Man muss versuchen, Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen. Wir diskutieren uns die Köpfe heiß in der Familie. Joachim Breckow: Der Arbeitsplatz ist immer ein Diskussionsforum. Wenn im Fernsehen Kritik an einer Diskussionsrunde geäußert wird, dann wird gerne gesagt: »Das ist ja Stammtischniveau.« Ich finde es gut, dass es Stammtische gibt. Regelmäßige Diskussionsrunden sollte man nicht diskreditieren. Vielleicht rückt man dabei ja auch sein eigenes Meinungsbild zurecht... Die Redaktion: Einmal Bundeskanzler sein – was als Erstes angepackt gehört... Luca Manns: Ein Dialog über eine »Agenda 2020«, die ein bisschen Fehler der »Agenda 2010« geraderückt. Gudrun Aulke (wie aus der Pistole geschossen): Für Mindestlohn würde ich absolut kämpfen. Joachim Breckow: Hätte ich auch gesagt. Susann Balser-Hahn: Gerechten Mindestlohn natürlich. Friedrich Korschil: Die Energiewende läuft nach meinem Empfinden unkoordiniert. Da braucht es neuen Schwung und ein besser strukturiertes Konzept. Die Redaktion: Und was ist wichtiger – Bundes- oder Landtagswahl? Luca Manns: Die Bundestagswahl. Susann Balser-Hahn, Gudrun Aulke, Friedrich Korschil: Gleich wichtig. Joachim Breckow: Sehe ich auch so. Und ich finde es schade, dass beide Wahlen an einem Tag liegen. Weil dann womöglich doch die eine Wahl von der anderen beeinflusst wird, obwohl es größere Unterschiede gibt, als man sie vielleicht am Wahltag empfindet. {newPage}

Unsere fünf Leser, die wir für die Diskussionsrunde gewinnen konnten, sind alle stark an Politik interessiert – politisch aktiv sind sie nicht. Friedrich Korschil, der Senior in der Runde, ist aber Mitglied einer Partei. Im Berufsleben war er in leitender Stellung bei der Arbeitsverwaltung tätig. Der alleinstehende Rentner macht sich Sorgen um die Diskussionskultur in unserem Land, würde gerne mal mit Helge Braun essen gehen, möchte, dass die Steuern weder steigen noch sinken, ist – wie alle anderen auch – Stammwähler einer Partei. Und wenn er zwischen Merkel und Steinbrück wählen könnte, dann würde er sich für die Kanzlerin aussprechen. Er ist sicher, dass die CDU-Chefin vier weitere Jahre im Amt bleiben wird. Korschil beklagt die Umständlichkeit bei der Lösung von Problemen. Auf die Wahlen direkt freut er sich nicht, wohl aber auf den Morgen danach ... Dass er in Sachen Diskussionskultur ein Vorbild ist, davon konnten sich seine Mitdiskutanten überzeugen. Das gilt nach Meinung der Moderatoren übrigens auch für alle anderen Teilnehmer der Runde. Gudrun Aulke ist von Beruf Grundschullehrerin. Sie freut sich nicht direkt auf die Wahl, aber sie sei »sehr gespannt auf die Ergebnisse«. Bei der Frage »Merkel oder Steinbrück« antwortete sie ausweichend: »Beide haben ihre Stärken und Schwächen.« Sie würde sich gerne mal mit Frank-Walter Steinmeier – der zur selben Zeit wie sie in Gießen studiert hat – zum Lunch verabreden. Vermutlich würde sie ihn – obwohl sie ihn schätzt – damit konfrontieren, was sie an Politikern nicht mag: Eine Haltung nach dem Motto: »Was juckt mich mein Geschwätz von gestern.« Die Finanzkrise ist aus ihre Sicht das aktuell größte Problem. Dabei sei es nur schwer vermittelbar, dass viel Geld ins Ausland gehe, wo doch jetzt vor allem die Flutopfer Hilfe benötigten. Luca Manns hat ein Handicap: Er darf noch gar nicht wählen. Aber er kann sich gut vorstellen, später einmal Politiker zu werden. Der Liebigschüler ist an allem interessiert, was mit Politik zu tun hat, liest täglich mehrere Zeitungen, weiß also, was in der Welt passiert. Er wünscht sich, dass Deutschland es schafft, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. »Perfekt sind beide nicht«, ist seine Aussage zur Frage »Merkel oder Steinbrück«. Die Politiker sollten nicht vergessen, dass sie auch Bürger sind, sagt er – und mit UN-Chef Ban Ki Moon würde er sich gerne mal zum Abendbrot verabreden. Susann Balser-Hahn ist als Selbstständige im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Marketing tätig. Man kennt sie unter anderem als Initiatorin von »Kultur in Mittelhessen«. Sie findet es gut, dass »mal wieder Wahl ist«, wobei es sicher für alle Beteiligten nicht einfach werde, weil ja die Hessen gleich über zwei neue Parlamente abstimmen. Die Machtspiele mancher Politiker sind ihr zuwider. Es stört sie, dass jeder meint, seine Pfründe bewahren zu müssen. Sie kann sich gut vorstellen, mit Andrea Nahles zu speisen und dabei eine gepflegte Konversation zu betreiben. Joachim Breckow, Professor an der TH Mittelhessen, freut sich auf die Wahlen – »weil sie spannend werden«. Die Steuern sollten angehoben werden. Vor allem die ökonomische Perspektive des Landes macht ihm Sorgen. Was ihn ärgert: »Dass viele Politiker glauben, nach einer Wahl machen zu können, was sie wollen.« Die Frage »Merkel oder Steinbrück« umschifft er elegant: »Einer von beiden.« Die Aussage, dass er schon mal mit Jürgen Trittin gegessen habe, entlockt seinen Mitdiskutanten ein lautes »oooh«. Dass er gerne mal mit Claudia Roth eine Suppe auslöffeln würde, kommentieren die anderen mit »o jeee«. Der Professor fügt hinzu: »Damit ich ein dickes Fell bekomme.« Apropos Claudia Roth: Die Frauenquote lehnen alle ab. Sehr diplomatisch formulierte Antworten kommentierten die Moderatoren am Ende so: »Sie hätten alle Politiker werden sollen!« 

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