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Seit August 2018 läuft das Verfahren vor dem Landgericht - hier ein Foto vom Prozessauftakt. (Archivfoto: Schepp)

Gonterskirchen-Prozess

Prozess um Gonterskirchener Gewaltnacht: Anwälte sehen dünne Indizien

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Ein Toter, eine Überlebende, ein brennendes Haus. Das Ergebnis der Gewalttat von Gonterskirchen ist unstrittig. Doch wer hat welchen Anteil daran? Laut Verteidigung gibt es wenig Handfestes.

Auf ihren Plätzen rechts im Gerichtssaal sitzen die beiden Ankläger und wirken entspannt. Für die Staatsanwaltschaft ist es ein Vormittag des Zuhörens. Sie hatte bereits am Montag ihre Plädoyers gehalten und den Vorwurf des Mordes fallen gelassen, weil der Tatbestand nicht zu halten sei. Kurz vor Sitzungsbeginn bricht ein Angeklagter in Tränen aus, sein Wimmern ist im ganzen Saal zu hören. Doch unterm Strich ist dieser Verhandlungstag weniger von Emotionen als von nüchterner Abwägung von Fakten und Indizien geprägt - betrachtet durch die Brille der Verteidigung.

Am Dienstag ging das zähe Ringen um die Wahrheit in die letzte Runde. Es war der Tag der Anwälte, sie hielten die Plädoyers für die fünf Angeklagten, von denen sich drei während der Tat im Haus aufgehalten haben sollen. Die Juristen kamen immer wieder auf ähnliche Fragen zurück: Wer wusste von den kriminellen Plänen? Wer hat was am Tatabend getan? Die Staatsanwaltschaft hatte Strafen zwischen drei Jahren und lebenslang gefordert. Die Anwälte plädierten am Dienstag für geringere Strafen zwischen vier und "unter zehn Jahren", in einem Fall für Freispruch. Von einem geplanten Vorgehen im Laufe des Tatabend könne keine Rede sein, eine Tötung sei nicht im Interesse der Beschuldigten gewesen. "Man wollte eigentlich schon gehen, dann kamen die Geschädigten nach Hause und das Unheil nahm seinen Lauf", sagte ein Anwalt.

Schwierige Schuldfrage

Einigkeit herrscht über das schreckliche Ergebnis jenes Novemberabens vor anderthalb Jahren: Nachdem die Täter in eine Wohnung in Laubach-Gonterskirchen eingedrungen waren, hatten sie das Bewohnerpaar überwältigt. Sie schlugen und traten massiv auf den Mann ein, bis er tot war. Seine Frau überlebte den Angriff und auch den Brand, den die Täter anschließend gelegt hatten. Hintergrund der Tat soll unterschlagenes Marihuana im Wert von 250 000 Euro gewesen sein.

Dass sie am Tatabend beteiligt waren, räumten die Angeklagten teils ein. Die Frage, wer wann geschlagen und getreten hat, ist allerdings schwer zu beantworten: Neben den Tätern bleibt nur die Frau des Getöteten als Augenzeugin. "Man kann viele Schlussfolgerungen ziehen, aber wir haben keine Fakten", sagte ein Anwalt. Damit bezog er sich auf angebliche Inhalte von Telefonaten, auf die die Staatsanwaltschaft sich stütze, ohne dies belegen zu können. Die Verweise der Anwälte auf - aus ihrer Sicht - zu dünne Indizien, auf Vermutungen und wenig belastbare Aussagen zogen sich wie ein roter Faden durch diesen Prozesstag.

"Es war ein mieses Geschehen", meinte ein Anwalt, "aber erst ab dem Zeitpunkt, als der ursprüngliche Plan gekippt ist - das andere ist normale Kriminalität". "Puh", entfährt es einem Zuhörer hinter der dicken Glasscheibe im Rücken der Angeklagten. Der Anwalt fährt fort: "Die Herren sind ja nicht bei Müller, Meier, Schmidt eingestiegen, nicht bei unbeteiligten Bürgern. Das senkt die Hemmschwelle." Und dass die Gewalttat tödlich enden würde, der Getötete eine Vorerkrankung hatte - all das hätte sein Mandant nicht ahnen können.

Kritik an Staatsanwaltschaft

Einen 42-Jährigen hat die Anklage als treibende Kraft ausgemacht, da er sein Drogengeld habe zurückholen wollen. Dieser Version trat der Verteidiger entgegen: Im Haftbefehlsantrag habe gestanden, der Mann sei "angeheuert worden" - stattdessen wolle man ihn nun zum Initiator machen. Sein Mandant habe im Laufe des Abends vielfach telefoniert und "sein Telefonverhalten deutet nicht darauf hin, dass er bei der körperlichen Auseinandersetzung andauernd beteiligt war". Für einen der anderen Männer hatte die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft gefordert. Wirklich belastbar seien aber lediglich die Befunde der Gerichtsmedizin, und diese habe die Anklage nicht ausreichend gewürdigt, monierte sein Anwalt. "Wir haben keine Verletzung, die so aussieht, dass 45 Minuten lang auf jemanden eingedroschen worden ist."

"Was hat eigentlich unser Mandant mit alldem zutun?", fragte ein anderer Anwalt. Für den Mandanten hatte die Anklage drei Jahre Haft gefordert. Er sei aber nur ins Visier der Fahnder geraten, weil sein Bruder involviert sei, meinte die Verteidigung. Der Mandant sei von den Tätern angerufen worden, um ein Auto abzuschleppen - mehr nicht. "Mutig wäre gewesen, wenn Sie gesagt hätten: Die Beweisaufnahme hat nichts ergeben", wandte sich sein zweite Verteidiger an die Staatsanwaltschaft. "Das kommt doch vor!"

Quelle: Gießener Allgemeine

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