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Polizei hat nach Frankfurter Schießerei Hells Angels im Blick

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© dpa

Einen belebten Platz in der City haben sich verfeindete Rocker am Vatertag für ihre blutige Auseinandersetzung ausgesucht. Der Schreck sitzt in Frankfurt auch am Tag danach noch tief. Seit Jahren kämpfen verschiedene Gruppen um die Vorherrschaft in der Bankenstadt. Auch mit Gießener Beteiligung.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - In Rocker-Kreisen sucht die Frankfurter Polizei nach den Verantwortlichen für die Schießerei, bei der am Donnerstag zwei Männer schwer verletzt worden sind. Rivalität zwischen verschiedenen Gruppen der Hells Angels wird als Hintergrund für die Tat vermutet. «Wir gehen davon aus, dass es ein Streit zwischen Rockern war», sagte Nadia Niesen, Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, am Freitag. Der belebte Platz in der Innenstadt wurde nach Ansicht der Ermittler bewusst als Tatort gewählt.

Die blutige Schießerei spielte sich zwar vor Hunderten von Zeugen ab, aber nach dem oder den Schützen und nach der Tatwaffe wurde auch am Tag danach gesucht. Es habe mehrere Durchsuchungen gegeben, sagte Niesen. Einzelheiten nannte sie nicht. Schon vor knapp zwei Jahren hatten Schüsse unter Hells-Angels-Mitgliedern am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels für Aufsehen gesorgt.

Die Rocker-Szene in Hessen
\nWie stark ist die Rockerszene in Hessen?\nDie Sicherheitsbehörden gehen von rund 700 Personen aus.\nWelche Rockergruppen sind besonders im Visier der Polizei?\nIn Hessen gibt es bislang vier Rockergruppen, die beobachtet werden. Dabei handelt es sich nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) um Bandidos MC, Gremium MC, Hells Angels MC und Outlaws MC Bergstraße. Das MC steht für Motorradclub (beziehungsweise englisch «Motorcycle Club»).\nWo sind diese Gruppen aktiv?\nWährend die Bandidos MC vor allem in Kassel angesiedelt sind, hat der Gremium MC Ortsverbände in Bad Nauheim, im Knüllwald, Fritzlar, Fulda, Gießen, Limburg, Marburg, Schotten und Usingen. Der Hells Angels MC ist in Bad Homburg, Darmstadt, Gießen, Hanau, Offenbach und Frankfurt vertreten. Die Outlaws MC Bergstraße haben laut LKA regionale Gruppen in Heppenheim, Dieburg, Friedberg und in Groß-Bieberau.\nWas wird diesen Rockern vorgeworfen?\nIm Fokus der Ermittler waren Mitglieder dieser Rockergruppen vor allem wegen Rauschgifthandels und -schmuggels. Außerdem geht es um kriminelle Aktivitäten im Türsteher- und Rotlichtmilieu.\nSind einzelne Clubs verboten?\nEs gibt nach Angaben des Landeskriminalamtes keine Verbote einzelner Clubs. Die Rocker dürfen aber in der Öffentlichkeit nicht mehr ihre Kutten tragen. Zunächst wurde den Hells-Angels verboten, den geflügelten Totenkopf und den rot-weißen Schriftzug auf den Kutten zu präsentieren. Die verschärften Regel wurden dann auch auf andere Rockergruppen wie die Bandidos oder den Gremium Motorcycle Club ausgedehnt.\nWie umgehen die Rocker diese Verbote?\nKennzeichen an einem Auto oder Motorrad haben nicht selten die Ziffern 8 und 1. Das soll auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet hinweisen und für HA, Hells Angels, stehen.\nWas wollen die Rocker damit zeigen?\nDen Mitgliedern der Rockerclubs geht es vor allem drum, ihr Revier zu markieren, Zusammenhalt zu demonstrieren sowie Dominanz und Macht auszustrahlen. Das zeigen sie mit Hilfe von eindeutigen Symbolen. Die Wirkung richtet sich in die Szene, nicht an die Öffentlichkeit.\nGibt es Revierkämpfe in Hessen?\nRivalitäten und Auseinandersetzungen unter den Clubs gibt es immer wieder, auch innerhalb einer Gruppierung zwischen den einzelnen Chaptern. Seit einiger Zeit drängen auch neue rockerähnliche Gruppierungen wie die Osmanen Frankfurt BC oder die Osmanen Germania BC in die Szene.\nWie viele Mitglieder haben die Osmanen und was unterscheidet sie von den etablierten Clubs?\nRund 100 Mitglieder zählt das LKA derzeit bei den Osmanen Germania bei drei regionalen Ortsgruppen. Sie sind vorrangig im Rhein-Main-Gebiet aktiv. Im Gegensatz zu den traditionellen Rockergruppen handelt es sich beim Osmanen Germania BC um einen Boxclub (BC). Die obligatorischen Motorräder fehlen deswegen. Bei Kontrollen wurden bereits Verstöße gegen das Waffengesetz festgestellt.\n

Dieses Mal spielte sich das Geschehen in der Nähe der Hauptwache in der City ab, wo die Straßencafés bei sonnigem Feiertagswetter gut gefüllt waren. Ein oder mehrere Täter hatten auf dem Platz auf einen weißen Geländewagen geschossen, aus dem zwei 20 und 41 Jahre alte Männer aus dem ehemaligen Jugoslawien stiegen. Der 41-Jährige wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er zog eine Pistole, kam aber nicht mehr zum Schuss, sondern brach vorher verletzt zusammen. Die Waffe ließ er fallen, sie wurde sichergestellt. Der 20-Jährige wurde ebenfalls angeschossen. Beide Männer waren am Freitag noch im Krankenhaus, aber außer Lebensgefahr. Der jüngere wurde vernommen, über seine Aussage wurde nichts bekannt.

Mehrere Schüsse trafen die Windschutzscheibe. Das Auto habe auch die Kombination der Ziffern 1 und 8 aufgewiesen, ein Hinweis auf Hells Angels - der erste und der achte Buchstabe im Alphabet, sagte Staatsanwältin Niesen.

Der oder die Schützen müssen vor dem voll besetzten Café auf den Wagen gewartet haben: Ein Schütze sei direkt auf das Auto zugegangen und habe geschossen, sagte Niesen. Dass niemand von den vielen unbeteiligten Menschen auf dem Platz verletzt wurde, war nach Einschätzung der Polizei reines Glück. «Es hätte viel schlimmer ausgehen können», sagte ein Sprecher.

Die Ermittler konzentrierten sich bei ihrer Arbeit zunächst auf einen schwarzen Kombi und ein sichergestelltes Motorrad. Sie könnten als Fluchtfahrzeuge gedient haben. Ein terroristischer Anschlag wurde ausgeschlossen. Ob die Befragung der Zeugen konkrete Hinweise brachte, war unklar. Viele hätten nur die Schüsse gehört, aber nichts gesehen, sagte der Polizeisprecher.

Im Sommer 2014 waren unter Hells-Angels-Mitgliedern am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels Schüsse gefallen. Die Kontrahenten gehörten zwei verschiedenen Gruppen der Rocker an. Vier Menschen, darunter Gießener, waren damals verletzt worden. Der Vorwurf des versuchten Totschlags wurde später fallengelassen. Der mutmaßliche Schütze könne sich auf Notwehr berufen, argumentierte die Staatsanwaltschaft.

Hells Angels werden immer wieder mit Straftaten wie Schutzgelderpressung, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel in Verbindung gebracht. Im Frankfurter Rotlichtviertel arbeiten Mitglieder der Gruppe unter anderem als Bordellbetreiber, Wirtschafter oder Türsteher. Zwei Frankfurter Charter hatte das hessische Innenministerium 2011 verboten.

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